Mädchen sind … und Jungen auch … überleg Dir das mal …*

Als sich vor nunmehr fast zehn Jahren doch noch der Nachwuchs bei uns ankündigte, war eine der Fragen, die ich mir als werdende Mutter stellte, ob das Geschlecht dieses bald unser Leben auf den Kopf stellenden kleinen Wesens etwas mit meiner Beziehung zu ihm oder ihr bzw. mit seiner / ihrer Erziehung zu tun haben würde. Meinem Mann war die Erleichterung darüber, dass wir einen Sohn und keine Tochter haben würden anzumerken. Allerdings nicht deshalb, weil er Mädchen bzw. Frauen als das schwächere Geschlecht sehen würde. Ganz im Gegenteil. Für ihn sind Frauen von Natur aus eher die einfühlsameren, klügeren Menschen. Der Grund für seine Erleichterung war eher der, dass er sich noch ganz genau erinnern konnte, wie es war, ein Junge zu sein. Jemand, der so unbedingt seinen Platz überall finden, meist erkämpfen musste, sich immer irgendwie beweisen muss und der sich einordnen muss innerhalb der Gruppe seiner Geschlechtsgenossen. Als Frau waren mir solche Gedanken bis zu diesem Zeitpunkt fremd. Wie es ist, ein Junge, später ein Mann in unserer Gesellschaft zu sein, hat mich nicht wirklich interessiert. Mein Interesse lag er daran, endlich mehr Gleichberechtigung – eigentlich einfach mehr für meine Geschlechtsgenossinnen zu erreichen. Dabei war mir letztendlich die Rolle der Männer dabei gleichgültig. Obwohl mir ganz klar bewusst war, dass die Emanzipation der Frau auch Einfluß auf die Männerwelt hat – es ist im Grunde ja ihr Kernanliegen, diese immer noch in den meisten Bereichen unserer Gesellschaft vorhandene männliche stärkere Präsenz zu ändern – war mir egal in welcher Weise. Hauptsache war mir, dass etwas für uns Frauen besser würde.

Nachdem ich nun aber einen Sohn habe, hat sich mein Bild auf unsere Gesellschaft, wie wir mit Geschlechterrollen und deren Verteilung umgehen, grundlegend geändert. Mir wurde quasi eine Einladung überreicht, mich auf neue Gebiete vorzuwagen. Die Tür war auf, ob ich mich in die Gedanken- und Gefühlswelt meiner zwei Süßen tatsächlich hineinbegeben wollte, war meine Sache. Der erste Schritt folgte allerdings erst zu dem Zeitpunkt, zu dem ich wieder arbeiten ging und mein Mann unseren Lütten betreute. Und damit meine ich nicht zwei Monate in der Elternzeit, sondern immer. Unsere Kleinfamilie zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass ich quasi den Broterwerb übernommen habe, während mein Mann neben Haushalt und Kind, versucht, sich die Zeit freizuschaufeln für das, was ihm am Herzen liegt und was er tun muss: schreiben. Bis der Lütte sein drittes Lebensjahr erreicht hatte, war er also täglich komplett in der Obhut meines Mannes. Und dem Kind hat das sehr viel besser getan, als wenn ich mit ihm zuhause gewesen wäre.

Wir leben in Berlin, wo man zumindest ab dem dritten Lebensjahr eines Kindes ein verbrieftes Anrecht auf einen Kitaplatz hat, der mit wenig Geld von elterlicher Seite bezuschusst werden muss. Das schuf meinen Mann zwar wieder etwas mehr Zeit, jedoch nicht wirklich genug. Kitaplätze sind in Berlin schon seit Jahren Mangelware. Zumindest in dem Bezirk, in dem wir leben. Immenser Zuzug von Jungfamilien, die voreilige Schließung mehrerer Kitas vor ein paar Jahren, führten dazu, dass meine Zwei täglich eine dreiviertel Stunde zur Kita und zurück absolvieren mussten. Die beiden verbrachten also nach wie vor viel Zeit miteinander. Eine Zeit, die mein Sohn mit mir sicher nicht so frei und viel zu behütet verbracht hätte. Ich selbst meine zwar nicht einer übervorsichtigen Mutter ausgesetzt gewesen zu sein, doch neige ich tatsächlich dazu, eher zur Vorsicht zu mahnen. Ein Wesenszug, der mir früher nie aufgefallen war. Immerhin fuhr ich eine 800er BMW als  tägliches Fahrzeug, bis sich das Kind ankündigte. Aber plötzlich hörte ich mich auf dem Spielplatz am Klettergerüst mahnen, nicht zu hoch zu steigen, langsamer zu machen, nicht zu wild zu sein. Und hätte ich das jeden Tag getan, so oft sich die Möglichkeit dafür bot, so hätte ich meinem Sohn ein ureigenstes Bedürfnis vielleicht nicht ganz verweigert, aber dessen Erfüllung sicher eingeschränkt. Den Jungs wollen und müssen die Welt anders erkunden als ich es mir vorgestellt hatte: mit vollem Körpereinsatz und Forscherdrang.

Birgit Gegier-Steiner ist seit vielen Jahren in verschiedenen Positionen im pädagogischen Bereich tätig und seit 2006 Leiterin einer Grundschule mit sport- und bewegungsorientiertem Profil. Sie hat selbst einen Sohn und eine Tochter und durch eine erneute Heirat drei Stiefsöhne. Man kann als Leser*in also getrost davon ausgehen, dass Frau Gegier weiß, wovon sie spricht. Das Buch selbst hatte mich wegen seines frechen Covers und dem provokanten Titel angesprochen. Ich wollte wissen, wie ich mit einer „artgerechten“ Erziehung dazu beitragen konnte, dass mein Sohn ein glücklicher Mensch werden kann. Was mir Frau Gegier mit ihrem empathischen, persönlichen und interessant zu lesenden Buch leichter gemacht hat. Sie hat mir erklärt, weshalb ich manchmal nicht nachvollziehen kann, was mein Sohn tut. Nicht nur, dass er erst einmal viele Dinge für sich selbst erfahren muss, die ich seit Jahren schon weiß, sondern auch, dass er es ganz sicher anders tun muss, als ich es mir manchmal wünsche und er das nicht tut, weil er mich ärgern will, sondern weil er es für sich als natürlich erachtet. Aus welchen Gründen auch immer das so ist – ich mag mich nicht an den Gedanken hängen, dass gewisse Verhaltensweisen typisch sind für Jungs und andere für Mädchen, weil ich quasi am lebenden Objekt jeden Tag sehen kann, dass mein Sohn in vielen Dingen sicherlich ein typischer Junge ist, in vielen anderen jedoch nicht. Und das liegt sicher nicht alleine an biologischen oder genetischen Voraussetzungen.

Frau Gegier gelingt es in ihrem fundierten, mit praktischen Beispielen angereicherten Buch sehr gut aufzuzeigen, dass die Versuche, Mädchen in eine bessere gesellschaftliche Stellung zu bringen, zumindest was den Schulalltag und damit die Zukunftsvoraussetzungen angeht, in gewisser Weise Jungen benachteiligt. Mädchen sind im allgemeinen besser fähig, sich an Gegebenheiten anzupassen, ohne dabei selbst zu weit zurückzutreten. Sie fügen sich leichter in Systeme, die ihre eigene Aktivität einschränken. Ein Frontalunterricht ist für sie leichter zu ertragen, als für Jungen, die bei dieser Art der Unterrichtsgestaltung unter der eingeschränkten eigenen Aktivität leiden. Will man von einem Jungen etwas erfahren, so hilft es nicht alleine, mit ihm zu sprechen, man muss mit ihm zusammen aktiv werden. Irgendwann sprudelt es dann nur so aus ihm heraus und wenn der Schuh drückt, dann wird auch die entsprechende Stelle gefunden. Mädchen kommunizieren im großen und ganzen anders und freimütiger. Wenn also ein Junge auffällig wird und zum Beispiel den Unterricht massiv stört, so ist das meist ein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Entweder hat er ein persönliches Problem, das er alleine nicht lösen kann oder mit dem Unterricht stimmt etwas nicht so ganz. Vielleicht sucht er auch nach wie vor nach der Stelle, an der er sich im Klassenverband einordnen kann.

Denn was Jungen tatsächlich brauchen – und das wird mir in letzter Zeit auch in der Familie immer bewusster – ist Aktion, eine gewisse Freiheit, Dinge erforschen zu können, ein wirkliches Miteinander, eine gewisse Führung, Grenzen, die sie sehr gerne ausloten und aufrichtige Zuwendung. Seitdem ich mich durch das Buch nicht immer wieder frage, was genau mein Sohn mit seinem Handeln bezweckt, ihn einfach erst mal machen lasse – denn in den letzten Jahren konnte ich schon feststellen, dass er im Prinzip ein recht vernünftiger Zeitgenosse ist – und mir dann das meist recht gelungene Endergebnis ansehe, geht es mir richtig gut. Ich bin gelassener. Im Allgemeinen und ihm gegenüber. Ich habe viel über mich selbst gelernt und darüber, wie Jungs und ihre Väter ticken. Darüber, dass sie ein ganz spezielles Verhältnis zueinander haben, das ab und an auch von Konkurrenz geprägt ist. Und darüber, dass ich mich nicht immer einmischen muss, damit es keine Konflikte gibt. Denn Konflikte sind wichtig, sich müssen nur fair und sachlich ausgetragen werden.

Artgerechte Haltung für Jungs ist gar nicht so schwer, wie ich dachte und hilft auch dem weiblichen Geschlecht, vieles besser zu verstehen. Und je besser wir Frauen unsere Jungs verstehen lernen, je mehr wir sie in unsere weibliche Weltsicht einlassen, desto näher bewegen wir uns aufeinander zu und desto besser stehen die Chancen für alle, sich auf Augenhöhe begegnen zu können. Von mir eine absolute Leseempfehlung für dieses unprätentiöse, informative und interessante Buch.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 24. August 2015
  • Verlag: Gütersloher Verlagshaus
  • ISBN: 978-3-579-07095-7
  • Klappenbroschur: 224 Seiten

*frei nach Loriot

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.