Lovestories in Zeitreisen

Die beste meiner Welten von Elan MastaiElan Mastais Debüt glänzt mit einem überraschenden, lockenden Beginn:

„Die Sache ist die: Ich komme aus der Welt, die wir haben sollten. Das sagt Ihnen natürlich nichts, denn Sie leben hier, in der beschissenen Welt, die wir haben.“

Fast schon rotzig erzählt der 32 jährige Tom Barren seine Geschichte, wie es dazu kam, dass wir nicht in einer futuristischen, fast perfekten gerechten Welt mit unbegrenzter sauberer Energie und frei von kriegerischen Konflikten leben. Alle Dinge des täglichen Bedarfs werden mit Maschinen problemlos hergestellt und ebenso einfach wieder recycelt. Man kann kochen oder seine Nahrung bequem generieren lassen – eine wunderbare Welt. Die Luft ist rein und frei von Schadstoffen, Teleportieren eine gängige Reisemethode.

Ein faszinierendes verlockendes, alternatives 2016 ist es, das der Protagonist schildert, nicht ohne deutlich zu betonen, dass er es versaut hat. Mastai lässt ihn sich in seinen Schuldgefühlen suhlen, mutet dem Leser einen larmoyanten, schwachen, schwer zu ertragenden Erzähler zu, der zudem noch zwischen den Berichten wechselt, indem er kurze, sachlich schlichte Zusammenfassungen des Erzählten liefert. Stilistisch ist das wenig gefällig, weder der Ich-Erzähler noch die redundante Zusammenfassung. Mich lockte der Science – Fiction-Anteil der Geschichte – die Zeitreisen, diese sind zwar wenig wissenschaftlich und teils logisch, zumindest für mich, nicht gänzlich ohne Lücken, aber komplex und in der Erschaffung der alternativen Welten durchaus spannend, auch wenn sich weder Ich- Erzähler Tom noch Autor mit den wissenschaftlichen Details intensiver befassen. Ausgehend von der nicht gänzlich falschen Annahme, dass die meisten Leser dem sowieso nicht folgen könnten. Das ist schlitzohrig verbrämte Bequemlichkeit, die etliche Leser sicher sehr goutieren werden.

Schwer erträglich war für mich die Liebesgeschichte zwischen dem ewig jammernden Loser Tom, der gerne die Schuld in den Umständen und bei seinen Eltern sucht, und der gescheiterten, zielstrebig ehrgeizigen Astronautin Penelope, die eigentlich nur aus Toms Perspektive Liebe ist. Diese Vermengung unterschiedlicher Genres, Zukunftsroman mit Zeitreisen und Lovestory und Entwicklungsroman trägt zwar die gesamte Geschichte, macht sie aber auch so unerfreulich zu lesen, wobei ich mir nicht sicher bin, ob der mich störende Stil, sprachlich nicht auch der Übersetzung anzulasten ist. Aus Tom Barren wird im Verlauf der Ereignisse John Barren und auch ein Victor Barren erscheint als Alternativpersönlichkeit auf der Bildfläche. Astro – und Chrononautin Penelope wird in einer anderen Zukunft zu Penny einer Buchladenbesitzerin die Tom läutert und tatsächlich liebt und auch seine Eltern sind wandelbar, sogar eine Schwester taucht auf.

Lionel Gottreider, der Erfinder der Gottreider Maschine, in der zerstörten Alternativwelt hochverehrt als Heils- und Segensbringer der unbegrenzten Energie, spielt ebenfalls eine tragende Rolle und die verschiedenen Gottreider-Persönlichkeiten hat der Autor  elegant eingeflochten und psychologisch gut begründet. Mit der Figur Gottreiders ist ihm auch eine zusätzliche Erzählung einer großen Liebe geglückt, die sogar mich überzeugt hat.

Ich bin hin und her gerissen. Für ein Debüt ist die Geschichte in ihrer Grundidee und Komplexität wirklich herausragend, obwohl der Autor sich recht unverhohlen an den Klassikern des Genres bedient hat, und sie kann trotz des mir unliebsamen Protagonisten und der teils kitschigen Liebesgeschichte ihre Stärken entwickeln. Etwas Poesie, ein weniger jämmerlicher „Held“ und genauer skizzierte Charaktere hätten das Lesevergnügen in Zusammenhang mit einem gefälligeren Schreibstil sicher erhöht. So bleibt ein großartiges Storyboard, das sich SciFi Fans unter dem Vorbehalt, dass sie in Anlehnung an Jules Verne und frühe Zukunftsvisionen, die hier en masse zu finden sind, nicht entgehen lassen sollten. Vielleicht ist für den einen oder anderen Leser „Die beste meiner Welten“ aber auch nur eine kitschige Lovestory über die Zeiten und Welten hinweg die gewiss eine andere Leserschaft finden und in ihren Bann zu ziehen vermag.

So bleibt ein Science-Fiction Roman für Menschen die lieber eine etwas ungewöhnlichere Liebesgeschichte lesen wollen, eine Hommage voller Reminiszenzen – beabsichtigt oder unbeabsichtig – an die früheren Größen des Genres, an die Mastai jedoch nicht heranreicht.

 

 

Buchdetails

  • Erscheinungsdatum Aktuelle Ausgabe : April 2018
  • Verlag : Goldmann
  • ISBN: 9783442314621
  • Fester Einband 432 Seiten

 

 

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2 Gedanken zu “Lovestories in Zeitreisen

  1. Er ist der Antiheld der die Sache dann wieder hinbiegt nter schweren ethisch, moralischen Bedenken. ich habe sehr an ihm gelitten, wenn dir das gefällt nur zu 😉 Das ducrch die Zeitwechsel bedingte Chaos fand ich jetzt wiederum gut erzählt.

    Gefällt 2 Personen

  2. Klingt ein wenig chaotisch… Obwohl ich es ja oft ganz reizvoll finde, wenn der Protagonist eben nicht das heldenhafte All-round-Genie ist, sondern wenn mit Tiefgang und Konflikten gespielt wird und man als LeserIn mal nicht nur auf Seiten der Hauptfigur ist.

    Gefällt 2 Personen

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