Wenn der Zahn der Zeit am Berg nagt

9783630875613Wer wie ich längere Zeit im Ruhrgebiet verbracht hat, wird irgendwann fast schon automatisch bergbauaffin. Oder zumindest hellhörig, wenn es um das Thema geht. So kam ich auch zu Marie Gamillschegs Debütroman „Alles was glänzt“; ein Bergroman der anderen Art. Der Buchrückentext zitiert:

„Tief in den Stollen des alten Bergwerks tut sich was – und alle im Dorf können es spüren. Es ist, als würde der Berg zittern, als könne er jeden Augenblick in sich zusammenbrechen.“

Das klingt vielversprechend, unheilvoll – spannend!

Im namenlosen Bergdorf ist die Luft raus nachdem die Arbeiten im Berg aufgegeben wurden. Ja, ich sage Dorf, obwohl es eigentlich eine Stadt ist. Seit mehr als 100 Jahren hat man das Stadtrecht, die Plakette ist eingelassen in den Boden vor der Kirche. Man darf sich also Stadt nennen – obwohl alle Attribute, die man mit einer Stadt verbindet, hier nicht (mehr) zutreffen. Es gibt kaum noch Geschäfte,  kaum noch ein öffentliches Leben und vor allem kaum noch Menschen. Wer kann, geht. Können ist aber nicht nur finanziell gemeint, sondern auch seelisch. Manch einer, der noch hier ist, hatte die Chance zu gehen, brachte es schlussendlich aber nicht übers Herz. Auch wenn es fast kein gesellschaftliches Leben gibt im ausgestorbenen Kaff – wer dazugehört, gehört dazu. Hat seinen Platz, seine Rolle. Und sei sie noch so klein und trist. Wer es nie anders kannte, dem macht eben auch die vermeintlich heilbringende Freiheit in der großen Stadt Angst. Dort gibt es zwar Kultur, Cafés, Geschäfte, pulsierendes Leben – doch was bringt das demjenigen, der sich ohne seinen klar vorgegebenen Rahmen nicht mehr fühlt?

Der Ort ist Dreh- und Angelpunkt des Romans, hier geschieht wenig – aber das was geschieht, passiert mit viel Wucht. Gleich zu Beginn stirbt der junge Bursche Martin bei einem Autounfall. Alle sind bestürzt, überall fehlt er nun: seinen Eltern, mit denen er an diesem Abend doch Lasagne – von der Mutter selbst gemacht – essen wollte, seiner Freundin Esther, der es völlig den Boden unter den Füßen wegzieht, als sie von Martins Tod erfährt, und auch der einzigen Wirtin am Ort, Susa, mit ihrer Kneipe „Espresso“, in der Martin immer mal auf ein Bierchen reinschaute. Wo wenige beisammen sind, zählt der Einzelne mehr. Und so bringt dieser Tod viel ins Rollen, Lebensläufe entwickeln sich nun anders, als noch vor wenigen Tagen gedacht. Die Konstellationen haben sich verändert durch das Verschwinden eines Menschen.

Die Kapitel des Romans sind – anfangs etwas kryptisch für den Leser – mit Höhenangaben in Klammern und mit Namen versehen. Und so kreisen die Einblicke, die uns Gamillscheg in die Psyche ihrer Figuren gewährt, vor allem um die Wirtin Susa, um Esthers Zwillingsschwester Teresa, um den alten Wenisch, der früher einer der Bergleute war, und um Merih, den „Neigschmeckten“*, wie man im Süddeutschen so schön zu sagen pflegt.

Ihr Schicksal ist eng verknüpft mit dem Berg, in dessen unmittelbarer Nähe sich der Ort befindet: Er stellte die Arbeitsstelle der meisten Männer im Ort dar, er war touristischer Anziehungspunkt – wo Arbeit ist, ist Geld, wo Geld ist, sind Geschäfte, ist Kultur, ist Austausch zwischen Menschen. Als der Berg ausgeraubt war, quasi nur noch eine leere Hülle, ging alles bergab – im wahrsten Sinne des Wortes.

Irgendwann vor einigen Jahren war schon einmal ein Neuer dazugekommen, ein Journalist. Er hatte herumgeschnüffelt am Ort, recherchiert und dann einen folgenschweren Artikel geschrieben, darüber dass

[…] der ausgehöhlte Berg statisch gesehen jetzt schon nicht mehr stehen sollte und dass er auf jeden Fall in zwanzig Jahren nicht mehr stehen wird […]

Danach waren immer weniger Radfahrer und Wanderer gekommen und so war es am Ort noch leerer und lebloser geworden. Das Tourismusbüro wurde geschlossen. Der Anfang vom Ende.

Susa unterstellt auch dem neuen Zugereisten mit dem seltsamen Namen Merih nur schlechte Absichten. Regionalmanager! Was sollte das denn nun wieder sein?

Und Merih? Hat hehre Pläne. Seine Freundin in der Stadt hat ihn mehr oder weniger hinausgeschmissen, er sucht einen Neuanfang, ist offen und möchte Großes bewirken in dem kleinen Ort. Er beginnt mit Bürgersprechstunden, bemüht sich redlich – doch so recht kann er nicht Fuß fassen. Und dann hat er endlich eine zündende Idee. Doch ob ihm dieser Ort Glück bringt? Ob seine Planung aufgeht?

Gamillscheg hat einen spröden Roman über ein herbes Thema geschrieben. Da ist kein Platz für Romantik, für tiefe Gefühle, für Zartheit. Alles im Buch ist rau, ungehobelt, ländlich, grob. Die Idee ist faszinierend, die Umsetzung stellenweise auch – doch die lakonische Sprache, die zwar extrem gut zum Inhalt passt und der wenig treibende Puls der Geschichte, machen es dem Leser kaum möglich einzutauchen. Zu sehr an der Oberfläche bleiben die Figuren – auch wenn man durchaus viele Einblicke in ihre Psyche erhält. Doch die Sprache und Geschichte geben dem Leser keine Möglichkeit, Empathie zu entwickeln für die Charaktere – zu sachlich und nüchtern kratzt die Autorin da an den Lebensläufen.

Letzten Endes muss ich mir selbst eingestehen, dass ich das Buch schlicht und ergreifend nicht verstanden habe. Ich habe es nicht ungern gelesen, nein, aber der Sinnzusammenhang fehlte mir manchmal, das große Ganze, das ganz banale WARUM? – es erschließt sich mir leider nicht. Hach, und das Finale – selbst das habe ich nicht begriffen. Ich habe es wieder und wieder gelesen, aber ich kann mir keinen Reim drauf machen – ich verstehe schlicht nicht wirklich, was passiert … !

Ein Buch also, das ich weder verteufeln, noch vorbehaltlos empfehlen kann. Aber ich kann sagen, dass die Autorin sich bemüht hat, gute Ideen entwickelt hat, Sprache modulieren kann – und vielleicht ist es ja tatsächlich auch ein Irrlaube von mir, dass ein gutes Buch nur eines sein kann, bei dem ich eintauchen kann. Vielleicht ist ein gutes Buch auch eines, das ich nicht verstehe, das mich ratlos zurücklässt.

Buchdetails:

 

*Süddeutsch für „Hineingeschmeckte“, also Leute, die neu zugezogen sind.

 

 

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4 Gedanken zu “Wenn der Zahn der Zeit am Berg nagt

  1. Jaha … ich weiß, ich bin ein wenig weitergekommen, aber er könnte, wenn er wollte geschmeidig schreiben und er hat was zu erzählen, das ist es ja was mich so verzeifeln lässt. Einfach weglegen und abtun geht nicht. Den Kopf dafür braucht man unbedingt, der fehlt mir auch gerade.

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  2. Aber genau das scheint es beim buch der Zahlen zu sein – er will doch gar nicht „geschmeidig“ schreiben – mich hat das, was ich davon bisher gehört habe schon abgeschreckt, weil es schon eher anstrengend sein soll und ich dafür im Moment keinen Kopf hab. Bin gespannt …

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  3. Mir geht es gerade mit dem „Buch der Zahlen“ wie dir mit diesem. Es ist sperrig,verlangt viel und ich ärgere mich über die Intention des Autors, der doch sicher deutlich geschmeidiger schreiben könnte. Mal sehen …

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