#Welttag des Buches – #MeinKlassiker

Birgit von Sätze&Schätze hatte im letzten Jahr ihr Projekt #MeinKlassiker angeworfen, zu dem auch ich einen Beitrag leisten durfte. Da #MeinKlassiker erstens wunderbar in meine Idee des Wiederlesens meiner persönlichen #Backlist passt und Manhattan Transfer nun auch im Taschenbuch in neuer Übersetzung vorliegt, möchte ich euch meine Gedanken dazu gerade am Welttag des Buches nicht vorenthalten.

Mehrfach haben wir es bereits auf unterschiedlichen Literaturblogs oder anderen Plätzen im weiten WorldWideWeb angesprochen: die Omnipräsenz der rasch aufeinander folgenden und sich abwechselnden Novitäten der verschiedensten Verlagshäuser. Und das damit einhergehende Verwaisen der sogenannten Backlist – die in manchen Verlagen leider immer kürzer wird. Bücher, die aufgrund ihrer inhaltlichen Thematik oder zur Zeit ihres Erscheinens neue konzeptionelle Möglichkeiten eröffneten, sind meiner Meinung nach wichtige Grundpfeiler für den weiteren Bau der literarischen Kathedrale und deshalb lieferbar zu halten.

Obwohl Birgit mir vorschlug, meine Bibel Den großen Gatsby vorzustellen, habe ich mich für ein anderes Buch entschieden, das #meinKlassiker sein sollte: Manhattan Transfer von John Dos Passos. Weshalb? Mal sehen …

Manhattan Transfer erschien 1925 und was Dos Passos in diesem großartigen Werk geschaffen hat, gab es vorher nicht. Er komponierte die Klänge der Großstadt – in diesem Fall New York – so geschickt zu einem Text, dass die Vielstimmigkeit der individuellen Leben während der Lektüre hörbar wird. In keinem der von Manhattan Transfer inspirierten nachfolgenden Romane (zum Beispiel Döblins Berlin Alexanderplatz) spüre ich das Leben, die Zeit, die Umstände so intensiv, fühle mich nirgends so eingebunden in eine lang vergangene Zeit wie in diesem.

Wir nähern uns dem Geschehen von Staten Island – mit Blick auf die Fähren, die tagtäglich Unmengen von Menschen transportieren, die über den titelgebenden Umsteigebahnhof in alle Richtungen in New York ausgespuckt werden – hauptsächlich aber in Manhattan verweilen. Insgesamt begleiten wir das Leben dort über ca. 30 Jahre – einsetzend vor dem 1. Weltkrieg – diese Zeit bildet den Rahmen für eine tatsächlich erzählte Zeit von ca. 5 Jahren, die nicht intensiver sein könnten.

Fast atemlos folgte ich bereits bei der ersten Lektüre den Lebenswegen derer, die sich eine erfolgreiche Jagd nach Glück, Macht oder einfach nur etwas Geld, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, ersehnten und doch so oft strauchelten. Dem Rhythmus der Großstadt, der sich von dem heutiger Metropolen erstaunlich wenig unterscheidet, kann ich mich nicht entziehen.  Wie aus den Augenwinkeln nehme ich dabei über die collageartig eingeführten Schlagzeilen, Schlagertexte oder den Klang des gesprochenen Slangs meine Umgebung war. Sie stürmt geradezu unabwehrbar auf mich ein. Eine unglaublich intensive Authentizität umgibt mich in der Lektüre. Würde ich mich dem entziehen wollen, ich könnte es nicht. Denn was den Roman auch über 90 Jahre nach seiner Veröffentlichung ausmacht, ist seine Ehrlichkeit, seine Dringlichkeit, die so zeitlos ist und ihn deshalb so modern hält. Auf fast erschreckende Weise zeigt er auf, dass sich unsere Lebenswirklichkeit in diesen letzten fast 100 Jahren kaum verändert hat. Immer noch sind die meisten von uns auf der Jagd, immer noch fühlen sich viele von den Möglichkeiten der Metropolen angezogen und immer noch bleiben zu viele auf der Strecke, werden nicht mitgenommen von denen, die es könnten.

Dos Passos ist für mich einer der besten, schärfsten Beobachter, auf der Höhe seiner Zeit, mit Weitblick, der durch Reisen gewann, mit Anspruch auf die Spiegelung der Wirklichkeit, ohne zu beschönigen. Die einzelnen Episoden, aus denen er einen Roman erschaffen hat, verzahnt er mühelos miteinander und unterstreicht so ihre Gleichzeitigkeit. Komplexität und Opulenz ohne chaotische Verwirrung oder lose Stränge sind das Ergebnis. Das ist Kunst und die kommt bekanntlich  von Können – nicht von Wollen.

Jede erneute Lektüre lässt mich ob der Reichhaltigkeit dieses Kaleidoskops staunend zurück – und wenn das kein Grund dafür ist, Manhattan Transfer zu meinem Klassiker zu machen, dann weiß ich auch nicht.

Am Ende des Romans, der seit diesem Jahr nicht nur in einer zerlesenen Taschenbuchausgabe aus dem Jahr 1982, sondern auch in einer wunderbaren Neuübersetzung, die nicht durch gewagte zeitgeistige Wortwahl, sondern durch geschmeidigen Lesefluss überzeugt, in meinem Regal steht, verlasse in den Moloch Großstadt, wie ich gekommen bin: mit der Fähre. Die Vielstimmigkeit verliert sich in Stille, ich lasse sie hinter mir, zumindest für kurze Zeit und sicher nicht zum letzten Mal.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 27. März 2018
  • Verlag: rororo
  • ISBN: 978-3-499-26939-4
  • Taschenbuch 544 Seiten

 

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5 Gedanken zu “#Welttag des Buches – #MeinKlassiker

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