Blöde Titel – großartiger Inhalt

Fast wäre mir in der Stabi ein großartiges Buch durch die Lappen gegangen. Ich bin wolfaffin, die ganzen Beutegreifer faszinieren mich, aufgrund ihrer Intelligenz, ihres Sozialverhaltens und ihrer Optik. Greifvögel, Wölfe, Rabenvögel sind derart interessant, evolutionär erfolgreich und weitentwickelt, dass es mir immer eine Freude ist, Neues aus der Verhaltensforschung und Beobachtung zu erfahren.

„Die Weisheit der Wölfe“ von Elli H. Radinger, einer Deutschen, die ihren ungeliebten Anwaltsjob aufgab um mit Wölfen zu arbeiten, hatte leider diesen unerwünschten, esoterischen schnickschnack Beigeschmack, so dass nur noch der wunderschöne Wolf auf dem Cover mich bewog, das Buch in die Hand zu nehmen und anzulesen. Es hat sich gelohnt.

 

Die Autorin reist seit mehr als zwanzig Jahren den Wölfen hinterher. Seit ihrem ersten Job als Praktikantin in einem amerikanischen Wolfsgehege ist sie von diesen herrlichen, kraftvollen Tieren nicht mehr losgekommen. Beobachtet im Yellowstone Nationalpark wilde Wolfsrudel und räumt in ihrem Erlebnisbericht mit etlichen Fakes über Wölfe auf. Meine bisherigen Wolfsbücher stammten alle aus männlicher Feder, im Vergleich dazu schreibt Frau Radinger angenehm machismobefreit. Ihre Liebe und Leidenschaft für die Wölfe ist spürbar, und sie vermag ihre Faszination auf den Leser zu übertragen. Dabei wahrt sie sehr angenehm den Abstand zwischen Tier und Mensch, vermenschlicht die Tiere nicht, obwohl sie Vergleiche zieht, die aussagekräftig sind und Erklärungsversuche für die Beziehung Wolf, Hund, Mensch findet. Besonders spannend fand ich ihre These wie die Menschen den Wolf domestiziert haben könnten. Ihre Begründung, weshalb dies Frauen übernahmen, ist eingängig, als Theorie auch nicht schlechter als andere, männlich geprägte.

Radinger verharmlost nicht, sie ist sich sehr wohl bewusst, dass Wölfe keine Schoßhunde sind, egal wie niedlich die Welpen (Kindchenschema wie alle Jungtiere) aussehen. Wie bei allen Wildtieren ist es notwendig, ihnen mit RESPEKT zu begegnen. Sie erklärt ihr Verhalten, aber auch die Reaktionen der Menschen auf die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland, Europa. In den südlicheren Gegenden sind die Wölfe nie ganz verschwunden, dort ist der Umgang ein anderer, gelassener, nüchterner. Sie hinterfragt das Sicherheitsdenken der modernen westlichen Menschen, das der Natur kaum Raum lässt, sie sich untertan macht und ausbeutet. Und sie stellt sich die Frage nach einer Koexistenz, die gerade durch intensive Verhaltensforschung ermöglicht wird. Sie beleuchtet aber,  weil sie selbst seit 1991 das Wolfsmagazin herausgibt,  auch kurz die Rolle der Medien:

„In den letzten Jahren ist es für mich immer zeitaufwendiger geworden, die echten von den falschen Meldungen zu trennen. Ich sehe eine zunehmende Stimmungsmache in den Medien. Jede Schlagzeile die das Wort Wolf enthält, sorgt offenbar für Aufmerksamkeit und dringend benötigte Leser. Da wird nicht mehr hinterfragt oder recherchiert, sondern es wird spekuliert und manipuliert.“

Wer den Wolf „lesen“ kann, wird Konflikten und Konfrontationen ausweichen können.

Egal ob sie die Führung nach dem Leitwolfprinzip, Jagdstrategien, Kommunikation, die Bedeutung der Raben für Wölfe und ihre Interaktionen beschreibt, oder versucht zu ergründen woher die Angst vor dem Wolf stammt, sie bleibt parteiisch aber open- minded und verständnisvoll. Sehr selten und nicht zu aufdringlich driftet sie kurz in die esoterische Ecke ab, das sind dann die wenigen schwachen Momente des Buches. Stark hingegen ist ihr Bezug auf einen Klassiker der Frauenliteratur: Die Wolfsfrau von Clarissa Pinkola Estés. Einen fetten Wälzer der sich umfangreich der Psychologie, den Märchen und Sagen, der Geschichte und insbesondere den verlorenen Instinkten der Frauen widmet. Pflichtlektüre für jede Frau, nicht gänzlich unstrittig, aber informativ und hilfreich.

Schwach wurde ich beim Anhang, den Tipps für Wolfsreisende, die sehr detailliert sind und viel Suchen ersparen können für alle die das nötige Kleingeld haben um mal kurz in die USA zu jetten. Wobei auch in Deutschland die Möglichkeit einer Wolfssichtung besteht.

Die Autorin, die übrigens auch ein Blog betreibt, lotet aus und differenziert, sie ist durchaus eine Verfechterin der Rückkehr der Wölfe, nimmt sich aber auch den damit verbundenen Ängsten, monetären und anderen Interessen der Menschen an. Bietet Lösungsvorschläge.

Radingers Wolfsbuch ist mit vielen Schwarzweiß- und großartigen Farbaufnahmen ausgestattet, und tatsächlich können wir von den Wölfen lernen. Kindererziehung bei Wolfs ist direkt umzusetzen auf Menschenkinder. Jeder, der Kinder hat, weiß worauf es ankommt: auf die Liebe, die Fürsorge und das STANDING!

 

Radingers Wolfsweisheiten sind:

Liebe deine Familie, kümmere dich um die, die dir anvertraut sind,gib niemals auf, hör nie auf zu spielen.  

Dem ist wohl nichts hinzuzufügen.

Ein Buch, nicht nur für Wolfsfreunde.

Buchdetails

  • Erscheinungsdatum Erstausgabe : Oktober 2017
  • Verlag : Ludwig
  • ISBN: 9783453280939
  • Fester Einband 240 Seiten

 

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