Alter, Einsamkeit und Freundschaft

Älter werden wir alle. Manche stemmen sich mit Macht gegen das Alter. Die Einen ignorieren es und sind bei jedem Geburtstag 39+, die Anderen vertiefen sich in die Ertüchtigung des schlaffen Fleisches (seid gewiss die Schwerkraft siegt!), manch einer sucht sogar die Schönheitschirurgen auf. (Eine sehr amüsante Serie zu diesem Thema ist Nip/Tuck – unbedingt sehen, dort werden alle Klischees auf das böseste erfüllt) Doch gegen das Altern an sich ist kein Kraut gewachsen und vor lauter Jugendwahn sollte jeder aufpassen, nicht älter zu werden ohne das Leben zu vergessen.

Peter Härtling ist letztes Jahr am 10.Juli in Rüsselsheim gestorben. Er war ein bekannter und beliebter deutscher Schriftsteller, seit 1966 Mitglied des PEN-Zentrums der BRD und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Den Hauptteil seines literarischen Werkes widmete er der Lyrik, Essays und Prosa. Beeindruckt hat er mich durch sein, bei Kiepenheuer & Witsch erschienenes Buch, Verdi. Eine etwas andere Biografie über den bekannten italienischen Komponisten.

In seinem letzten, hier vorliegenden, Werk geht es autobiographischer zu. Johannes Wenger ist ein über achtzigjähriger alleinstehender Architekt. Er stürzt und ist seitdem auf den Rollstuhl angewiesen. Nicht die Umstände von der fiktiven, liebevoll ‚Hannes‘ genannten, Romanfigur im Vergleich zu Härtling, sind es, die autobiographisch wirken. Es sind das Alter, das Sinnieren, ‚Gedankenspielen‘ und die Nähe des Todes. Peter Härtling hat sein letztes Werk nicht mehr auf dem Buchmarkt erlebt. Er starb vor der Veröffentlichung des Buches.

Nach seinem Sturz ist Johannes Wenger auf Pflege und den Rollstuhl angewiesen. Der etwas knurrige Wenger muss sich nun in den Zeitplan der PflegerInnen fügen. Er, der jahrelang alles selbst erledigen konnte, sein Singledasein gepflegt und sich daran gewöhnt hat, ist nicht nur auf die Hilfe von fremden Menschen angewiesen, er muss diese auch in seiner Wohnung ertragen. Dabei nicht die Würde zu verlieren, auch davon handelt dieses Buch.

„Wenger gab auf. Verzeih, Mailänder, ich benehme mich wie ein Kind. Mailänder machte Anstalten das Zimmer zu verlassen. Nicht wie ein Kind. Er lehnte sich gegen den Türrahmen und lachte in sich hinein. Wie ein anspruchsvoller, verwöhnter Greis. Wie einer, der immer für sich sein wollte, Wert darauf legte, die Frage nach Angehörigen mit ‚Keine‘ zu beantworten. So ist es doch. Wenger sank in sich zusammen.“

Mailänder ist sein Hausarzt, sein einziger Vertrauter, Freunde hat Wenger nicht. In seiner jahrelangen Arbeit als Architekt hat er sich Reputation verschafft und Kollegen, aber Frauen, ein eigenes Haus zum Leben oder Freunde kamen darin nur temporär vor. Als ihm Mailänder eröffnet, dass er eine Frau mit Kind kennen gelernt hat, lernt er diese zögernd kennen. Karola und Katharina, die quirlige Achtjährige, öffnen ihm langsam das Herz und er fährt zusammen mit ihnen nach Rügen ans Meer. Hier zeigt sich ihm schmerzhaft die Abhängigkeit in die er geraten ist.

„Du bist so schweigsam, Hannes.
Ich hör euch zu.
Ich habe nicht den Eindruck.
Ich beneide euch um Rügen, das Meer, die Brücke von Binz, den runden Platz von Putbus, ja um den Wind, den hohen Himmel und die schnellen Faserwolken.
Mailänder sah erst ihn, dann Karola an: Da spricht ein Sehnsüchtiger.
Ein Rollstuhlfahrer.“

 

Härtlings letzter Roman ist eine ruhiger und unspektakuläre Geschichte eines einsamen alten Mannes, der sich den Widrigkeiten des letzten Teils seines Lebens stellt. Er tut dies ohne Bitternis oder misanthropische Anflüge, das Menschenbild Härtlings schimmert in der Figur Wengers. Auch der Autor war in seinen letzten Lebensjahren an den Rollstuhl und die Dialyse angewiesen. Trotz aller Knurrigkeit setzt sich Wenger mit den ihn umgebenden Personen auseinander und die Begegnung mit der Freundin Karolas lässt ihn kurz sein Herz öffnen.

Peter Härtling hat eine unglaublich effektive Art zu schreiben, kein Wort ist zu viel oder zu wenig. Dabei entwickelt sich vor dem Leser das sanfte und positive Menschenbild des Autors. Dieses ist von einer wohligen Wärme und letztendlich Zufriedenheit über das gelebte Leben. Sein letzter Roman bewegt und hat mir das Herz gewärmt. Die Welt hat einen großen deutschen Schriftsteller verloren.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 08. März 2018
  • Verlag : Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN:  978-3-462-05177-3
  • Gebunden: 240 Seiten
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