Stärke, Rücksichtnahme und Güte – der Stoff aus dem wahre Männer gemacht sind

Shotgun Lovesongs heißt Nickolas Butlers erster Roman, der mich vor ein paar Jahren bereits begeisterte. Der Grund für meine damalige und noch immer anhaltende Begeisterung lag in der Figuren Butlers. Fünf Menschen, die in einer Kleinstadt Wisconsins leben und sich bereits lange Zeit kennen, mit so leichtem Strich warmherzig, fast zärtlich und doch mit Ecken und Kanten versehen gezeichnet, dass ich mit dem Ende dieser wunderbar erzählten Geschichte beinahe so etwas wie einen Verlust verspürte. Nach diesem Roman stand für mich fest, Butler kommt auf meine All-time-Fav-Liste. Nach einem gelungenen Debüt ist es manchmal schwer für einen Autor, sein nächstes Projekt ebenso zufriedenstellend in Angriff zu nehmen und auch abzuschließen. Druck seitens des Verlags, der Leser und nicht zuletzt hausgemachter Druck machen sich leicht breit und können zu einer handfesten Schreibhemmung werden. Nicht wenige Autoren wissen davon zu berichten – einer meiner anderen Lieblingsautoren, Michael Chabon, zum Beispiel hat diese Zeit des so dringend Schreiben Wollens und Müssens wunderbar in seinem Roman Wonderboys verpackt. Sieben ganze Jahre hat er selbst für seinen zweiten Roman gebraucht. Nickolas Butler hat auf sein nächstes Buch glücklicherweise nicht so lange warten lassen. Es war kein Roman, sondern eine Ansammlung von großartigen, dichten, herben und doch wunderschönen Stories. Alleine der Titel Unterm Lagerfeuer, unter dem dieser Erzahlband erschien, erschafft ganz eigene Assoziationen. Damit man unter dieses Lagerfeuer auf einem zugefrorenen Teich auch wirklich drunter kommt, braucht es nichts geringeres als eine Kettensäge. Kraftvolle Geschichten, atmosphärisch nicht immer in der Wohlfühlzone angesiedelt, nährten meine Vermutung, dass diese Stories bereits in der berühmten Schublade schlummerten und nach dem Erfolg von Shotgun Lovesongs ebenfalls ihre Druckreife erhielten. Ein Glücksfall, wie ich meine. Nun hat Butler, in dessen Geschichten immer auch Männer, deren Gefühlswelten und die Erwartungen der anderen an sie stehen, einen weiteren Roman vorgelegt, der – so sehr ich Shotgun Lovesongs mag – in einer komplett anderen Liga spielt und etwas beleuchtet, das tatsächlich nicht einfach auszuloten ist: Die Herzen der Männer.

„Sie fragt sich, ob diese Männer fähig sind, etwas böses zu tun, oder ob sie jemals dazu fähig waren. Sie erwischt sich dabei, dass sie sich fragt, was sich wohl in ihren Kellern und auf ihren Speichern verbirgt. Was sie in ihren Scheunen aufbewahren. Was sie vielleicht draußen auf ihren Feldern vergraben. Sie fragt sich, wie sie ihre Ehefrauen, Töchter und Nichten behandeln.“

Ich bin in meinem Leben schon so einigen Männern über den Weg gelaufen: privat, beruflich, an der Uni, in der Schule. In Männerdomänen eingebrochen bin ich nicht wirklich, außer wenn man das Fahren einer BMW R 80 GS  oder einen Job in der Kundenbetreuung mit starkem IT-Bezug als solches bezeichnen mag. Überall wo ich hin kam, gab es Männer, die respektvoll mit mir umgingen, aber auch solche, die – ich nenne es jetzt mal – ein schlüpfriges Verhalten an den Tag legten oder mich einfach nicht ernst nahmen. Bei letzteren kann natürlich eine persönliche, geschlechtsunspezifische Komponente eine Rolle gespielt haben, das möchte ich nicht ausschließen. Woran es liegen mag, dass ich immer wirklich großes Glück hatte und keiner schlimmen Situation ausgesetzt war, kann ich nicht sagen, mein bester Freund aber hatte einen bestimmten ersten Eindruck von mir, der ihn an einen Kühlschrank denken ließ … Vielleicht war es auch mein Glück, dass ich irgendwie immer an die wirklich guten Jungs geraten bin. Die sich auch mal dazwischen gestellt haben, bevor überhaupt eine Situation hätte entstehen können. Es ist müßig, das klären zu wollen, doch über mein Männerbild habe ich in den letzten Jahren häufig nachgedacht und meine Lektüre führte mich immer wieder verstärkt zu Geschichten, die ausloten wollen, wie es so ist, als Mann in einer männlichen Welt.

Neulich habe ich einen Artikel entdeckt, der mir als Mutter eines Sohnes aus dem Herzen spricht, weil er klar macht, dass Mädchen, die sich gegen ihre traditionelle Geschlechterrolle wehren, als cool gelten, während Jungs, die das tun – zumindest in einem gewissen Alter – als Freaks abgestempelt werden. Häufig werden sie schikaniert von den anderen Jungs, klein gemacht, beschämt, oft auch von den eigenen Vätern, die es nicht ertragen einen Sohn zu haben, der Gefühle hat und diese zeigt, die sie als unmännlich erachten. Solch ein Junge ist Nelson.

Wisconsin, 1962 – Nelson ist Pfadfinder und Trompeter. Sein ganzer Stolz ist die Trompete seines Großvaters, die dieser aus dem ersten Weltkrieg mit nach Hause gebracht haben soll. Im jährlichen Pfadfinderlager ruft Nelson damit zum Morgenappell. Doch Nelsons Vater, beruflich mäßig erfolgreich und sonst vom Leben auch eher enttäuscht, empfindet seinen Sohn meist als zu weich, weinerlich und eben ungenügend. Im Sommercamp des Pfadfinderlagers hat es Nelson nicht minder schwer als zuhause. Einzig Jonathan, ein Mit-Pfadfinder erscheint, zwar verspätet aber mit einem selbst gebastelten Geschenk, zu Nelsons Geburtstagsfeier. Auch später im Camp ist er derjenige, der Nelson zunächst versucht einzubeziehen, doch Nelson ist eben der geborene Außenseiter, so sehr er sich bemüht, so sehr er sich wünscht, dazu zu gehören. Er hat etwas, was andere einfach nicht sehen: eine gewisse Vorstellung von dem, was gut und richtig ist. Man könnte es auch Wertvorstellung, Charakter oder moralische Richtschnur nennen. Aber es ist das, was ihn zum Außenseiter macht.

„Das liegt daran, dass sie dich als Herausforderung empfinden. Du gehörst nicht zu diesem Haufen, zu diesem Pöbel.Und das ist auch der Grund dafür, warum du später mal ein Anführer sein wirst.“

Jonathan hingegen ist etwas älter als Nelson und ein „cooler Typ“, der ohne sich groß anstrengen zu müssen, bei den anderen Jungs gut ankommt. Obwohl Nelson und Jonathan befreundet sind, kommt es zu einem Vorfall, der Nelson tief beschämt. Wieder zuhause ist es nicht besser. Die Familiensituation verschärft sich und schlussendlich nimmt Nelson sein Heft selbst in die Hand und sucht sich dort Hilfe, wo er weiß, dass er sie finden wird: beim Lagerleiter des Pfadfindercamps.

Nickolas Butler hätte es sowohl sich als auch den Leser*innen einfach machen und Nelsons Geschichte stringent weitererzählen können, mit der Stimme, die nach dem ersten Kapitel des Buches so vertraut ist, dass man einfach nur weiterlesen möchte. War das erste Kapitel ein Nachhausekommen, ein sich Einrichten in einem Text, der eine gewisse Atmosphäre alter Photos mit diesem unvergleichlich gelbstichigen Licht von Fotos der 60er ausstrahlt – und das im besten Sinne – so ist das zweite Kapitel ein Weckruf. Denn hier nimmt Jonathan das Heft in die Hand und lenkt die Handlung. Wir schreiben das Jahr 1996 und befinden uns immer noch in Wisconsin. Jonathan ist Familienvater und besorgt. Besorgt darüber, dass sein Sohn Trevor sich zu früh an eine Frau binden könnte. Dass es so etwas wie eine wahre Liebe gibt, die man auch in jungen Jahren bereits finden kann, daran glaubt Jonathan nicht. Der Tradition folgend, fährt er mit Trevor zum alljährlichen Sommerlager der Pfadfinder, wo sie sich vor dessen offiziellem Beginn mit dem neuen Lagerleiter treffen. Es ist niemand anderes als Nelson, der jedoch eine turbulente Zeit hinter sich hat. Doch sie treffen nicht nur Nelson und für Trevor wird der kleine Umweg zu mehr als nur einer denkwürdigen Erinnerung.

Und nun verlagert Butler seinen Fokus von Nelson und damit von einem Außenseitertum, das mehr Jungs bekannt ist, als man so gemeinhin denkt, auf zwei Personen: Jonathan und Trevor, Vater und Sohn und damit auf eine meist nicht ganz einfache Beziehung. Aus den beiden Freunden sind Erwachsene geworden, die immer noch befreundet, völlig unterschiedliche Leben und Beziehungen pflegen. Ihre Werte, die sie gemeinsam bei den Pfadfindern vertieft hatten, bilden eine gewisse Basis für das Verständnis voneinander. Von dem, was sie als männlich ansehen und dennoch oder vielleicht gerade deshalb, haben beide Männer einen komplett unterschiedlichen Zugang zu Trevor. Natürlich ist eine Vater-Sohn-Beziehung immer auch davon geprägt, dass sich der Sohn absetzen muss, um seine eigene Identität zu finden. Doch im Grunde genommen scheint Trevor ähnliche, wenn nicht gar dieselben, Ansichten und Werte zu haben, wie Nelson.

Konzeptionell und strukturell verlangt Butler mit diesem Fokus- und dem damit einhergehenden Tempowechsel seinen Leser*innen einiges ab. Die Atmosphäre wechselt – weg vom Gelbstichigen hin zu eher grellen, jedoch verblichenen Polaroids. Der Lesefluss kommt aus dem Tritt, was aber auch zur Folge hat, dass man tatsächlich liest, nicht an der Oberfläche bleibt. Das bringt Tiefe in die Story, obwohl die Szenerie eher die Oberfläche ausleuchtet. Die Crux bei der Sache ist folgende: Jonathan ist eigentlich ein sympathischer Mensch, seine Lässigkeit wirkt nicht unangenehm und scheint echt. Aber er ist komplett desillusioniert, was die Liebe angeht.

“ ‚Ich glaube, ich bin in Rachel verliebt.‘
Die Luft im Auto füllt sich mit Zitronenpudding, mit einer süßlichen schweren Zitronennote, als wäre gerade die beschissene Wolke sieben geplatzt und hätte ihre buttergelben Strahlen aus Sonneblumenlicht über ihn ausgeschüttet oder so etwas in der Art. Es ist schon ein wenig peinlich, wie glücklich dieser liebestrunkene Junge da gerade ist.“

Im Grunde hat Jonathan Angst. Angst davor, dass sich sein Sohn zu früh binden wird, später etwas bereut oder denkt, vieles verpasst zu haben. Seine Haltung Trevor gegenüber, die dem Wunsch entspringt, der Sohn möge sich in der Welt umsehen, bevor er sich allzu fest legt, ist durchaus nachvollziehbar. Was er aber tut, um den Jungen davon abzuhalten erscheint zunächst unangenehm und übergriffig. Weshalb muss jetzt ein Mann, der eigentlich doch soweit ganz vernünftig mit seiner Umgebung umgeht, plötzlich seinem Sohn quasi in die Parade fahren? Butler schreibt aber einfach so verdammt gut, dass es nicht möglich ist, trotz einer leichten Verärgerung, das Buch einfach beiseite zu legen. Ganz im Gegenteil: Im Verlauf der Lektüre wird deutlich, es kann gar nicht anders sein. Und wieder einmal beweist sich, dass nur wenn man die eigene Komfortzone verlässt, eine Erweiterung des (Lese-)Horizontes möglich ist.

Butler jedoch hat noch nicht genug. Mosaiksteinchen reichen nicht aus, um die Vielschichtigkeit seines Themas zu begreifen und deshalb ist die Stimme des dritten und letzten Kapitels, das im Jahr 2019 spielt, eine weibliche. Somit erweitert sich das potentielle Beziehungsgeflecht – Jungen untereinander, Vater und Sohn Beziehungen – um eine weitere, nicht unbedeutende Ebene: Die Beziehung sowohl zwischen Mann und Frau, als auch die Mutter – Sohn – Beziehung. Um diese weibliche Komponente einzubringen – die im übrigen einigen Leser*innen als zu viel oder nicht passend erschien – bedient sich Butler eines geschickten strukturellen Tricks. Trevor – der Sohn Jonathans – ist abwesend, doch seine Geschichte wird von dem Menschen erzählt, der ihn wohl besser kennt, als alle anderen, von seiner großen Liebe Rachel. Auch sie fährt ins alljährlich stattfindende Pfadfinderlager, das sowohl Trevor, als auch dessen Vater und Nelson besucht hatten. Nelson ist zwar noch immer der Campleiter, aber bereits hoch betagt und mit Rachel befreundet. Sie begleitet ihren Sohn Thomas dorthin, der wie schon Generationen 16 Jähriger vor ihm, keine rechte Lust mehr auf das ganze Pfadfinderleben haben. Die außergewöhnliche Konstellation, eine Frau in einem sonst rein männlichen Pfadfinderlager zu sein, birgt so manchen Fallstrick und zeigt auch die unschönen, aber alltäglichen Seiten eines Männerlebens …

„Diese anderen Männer, die waren schon okay. Obwohl um ehrlich zu sein, waren die meisten von ihnen ziemliche Jammerlappen. Sie waren nicht – ich weiß auch nicht – sie waren keine echten Männer. Sie haben mir nie die Tür aufgehalten oder Blumen gekauft, sie waren nicht gütig oder liebenswürdig und sie waren auch kein bisschen zäh oder stark. Nach einer Weile haben sie mich immer angewidert. Mit ihren dämlichen Golfhemden und Fitnessstudio-Mitgliedskarten und unechten Muskeln und ihrer künstlichen Sonnenbräune und ihren Handys und neuen Autos. […] Es geht mir auch gar nicht um Ritterlichkeit oder so was. […] Es geht mir vielmehr um Stärke. Um Rücksichtnahme. Güte.“

Was für viele Leser*innen ein Zuviel war, ist tatsächlich ein Muss, möchte man die geheimnisvollen Vorgänge in den Herzen der Männer – wenn auch nur ansatzweise – nachvollziehen oder einfach nur mal sichtbar machen: die Komplettierung durch die weibliche Stimme, die Reaktion auf die Anwesenheit von Frauen und der Blick der Frau auf die guten Jungs. Denn das sind die Hauptprotagonisten auf jeden Fall: gute Jungs, Helden. Auch wenn sie schwierige Lebensläufe haben mögen, Dinge taten, die unaussprechlich sind, sie hatten immer ihre Werte im Blick.

Dieser Roman ist einer der besten, den es derzeit und auch vorher auf dem deutschen Buchmarkt gibt und Nickolas Butler wird zu Recht als eine der führenden literarischen Stimmen Amerikas gehandelt. Man könnte noch wahnsinnig viel über dieses Buch erzählen, was hier noch keinen Niederschlag fand, alleine die unzähligen Merkzettel im Buch zeigen das an, doch am allerbesten wäre natürlich, ihr lest dieses Buch selbst. Es ist ein Schatz, ganz wahrhaftig.

„Ich habe in meinem Leben sowohl Feiglinge als auch Helden kennengelernt“ sagt  er, „Die Helden haben sich immer von ihren Herzen leiten lassen und die Feiglinge von ihrem Verstand. Vergiss das nicht. Helden kalkulieren nicht und sie kalibrieren nicht. Sie tun einfach nur, was richtig ist.“

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 2. Auflage 2018
  • Verlag: Klett-Cotta
  • ISBN: 978-3-608-98313-5
  • Gebunden, 477 Seiten

 

 

 

 

 

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7 Gedanken zu “Stärke, Rücksichtnahme und Güte – der Stoff aus dem wahre Männer gemacht sind

  1. Ach Constanze danke – – ja du weißt doch, ich kann nur persönlich 😉 Und ich bin gespannt darauf, wie du es finden wirst. Fast beneide ich euch alle, die ihr es zum ersten Mal lesen könnt … 😉

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  2. Vielen Dank. Ich hoffe, ich habe nicht zu dick aufgetragen, aber so habe ich das gesehen und empfinde es immer noch so. Die Shortstories sind härter, herber, als Shotgun aber sie sind einfach richtig gut. Und die Männerherzen … ja, was soll ich sagen, perfekt. Er spielt wirklich in der Oberliga. Das ist bewundernswert, was er da schafft und ich bin echt traurig, dass ich die Lesung / Buchpräsentation in Berlin verpasst habe. Aber ich hoffe, er war nicht das letzte Mal hier.

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  3. Hola, das ist aber eine wuchtige Überzeugungsrezi die du da abgeliefert hast. ich kauf mir das Buch jetzt auch und die Shortstories! *G* Habe erst kürzlich Shotgun Lovesongs zwar nicht wieder gelesen, aber gehört und Butler ist großartig. Du bringst auf den Punkt weshalb.

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  4. Oh wow, danke für das Lob. Sie hat mich Blut, Schweiß und … nein, kleiner Scherz, aber sie hat mich schon Zeit gekostet, da ich dieses Buch so so großartig finde und dem gerecht werden wollte. Unbedingt lesen und vorher, wenn noch nicht geschehen, aber beabsichtigt, die Shotgun Lovesongs und vor die Stories. LG, Bri

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