Die Magie der botanischen Forschung

Verena Stauffer hat mit ihrem Erstling ein sehr beachtliches Romandebut hingelegt. Die Geschichte ist sowohl sprachlich, stilistisch vom Plot her als auch durch die Vielzahl der angesprochenen und eingearbeiteten Thematiken sehr vielfältig und anspruchsvoll.

Der erste Teil der Story spielt in Madagaskar und hat im Sinne des magischen Realismus stilistisch ein bisschen etwas von Gabriel Garcia Marquez’s Macondo: wundervolle Beschreibung des Dschungels der Insel, der Orchideen, der Farbenpracht, der Düfte, der zwei europäischen Botaniker, die das Umfeld erforschen, der Einheimischen und des neugewonnenen Guides und Freundes Isaak aus Mozambique. Der Protagonist und Botaniker Anselm ist nicht nur Pflanzenforscher, sondern muss sich auch intensiv mit den indigenen Völkern auf seinen Reisen beschäftigen, denn sonst ist man Mitte des 19. Jahrhunderts bei Forschungen rund um die Welt schneller gestorben, als man Orchidee sagen kann. Die Rückfahrt von der Expedition mit dem Schiff zählt auch noch zu diesem magischen Abschnitt, denn dem im Fieberwahn befindlichen Anselm wächst eine Orchidee aus seiner Schulter.

Der zweite Teil in Europa bringt dann den Leser sehr unsanft auf den Boden der Realität zurück. Die Orchidee verschwindet nicht von Anselms Schulter und dieser findet sich auf Grund einer wahnhaften Persönlichkeitsstörung in einer Irrenanstalt wieder. Der Alltag, die triste Stimmung, die Entbehrungen und die sehr menschenverachtenden Therapien, die geistig kranken Menschen dieser Zeit angetan wurden, beschreibt die Autorin grandios. Dennoch gibt es wieder einen Funken Magie und Hoffnung, denn Anselm verguckt sich in den letzten Tagen seines Klinikaufenthalts in die Insassin Lilia, die einer Blume ähnelt.

Im dritten Abschnitt wird Anselm – als er vollständig geheilt ist – auf Grund der Protektion seines Vaters als Lektor für Botanik an der Universität aufgenommen. Erst jetzt offenbart sich der wahre Charakter des Protagonisten. Anselm lebt tatsächlich mit dem Kopf in den Wolken bzw. im Elfenbeinturm, ist eitel, präpotent und im Rahmen seiner Forschung nicht nur rücksichtslos gegen sich selbst und seine Gesundheit, sondern auch gegen seine Umwelt. Er lehnt sowohl alle politischen Umbrüche im Land als auch Darwins neue Theorien ab, aber nicht so sehr, weil sie Gott lästern oder sich schon als falsch herausgestellt hätten, sondern weil er prinzipiell gegen Veränderung ist. Er entpuppt sich als ein überheblicher manisch rechthaberischer Wissenschaftler, der auf Grund von Angst vor Veränderung nie neue Theorien in Betracht zieht bzw. sie überprüft– sondern nur einsam dagegen polemisiert, sich aus Feigheit und Überheblichkeit nicht mal einem ehrlichen wissenschaftlichen Disput stellt – eine sehr schlechte und ungeeignete Kombination in der Welt der universitären Wissenschaft, sowohl in der Forschung als auch in der Lehre.

Sobald er [Darwin] dann einmal nach England käme, würden sie sich gegenüberstehen und der gute Charles müsste ihm ins Gesicht sagen, dass der Mensch nicht von Gott erschaffen sei, sondern von anderen Tieren abstamme, von welchen, das wollte sich Anselm gar nicht ausmalen. Er sah sich selbst in England einen großen Vortrag halten, in welchem er bewies, dass dem nicht so sein konnte. Er brauchte also einen Gottesbeweis.

Am Ende dieses Teils rast er, verursacht durch eine kleine Intrige wieder los, lässt alle, sowohl die Wissenschaft, die Kollegen, die Studenten, seinen wohlmeinenden Freund Lendi und seine Eltern im Stich und begibt sich erneut nach China auf die Jagd nach einer neuen Orchidee – nach einem Phantom.

Der letzte Teil wiederum schließt den Kreis sowohl stilistisch als auch vom Inhalt. Wundervoll beschrieben entdeckt Anselm durch seine rücksichtslose Hartnäckigkeit und etwas Glück zufällig entgegen aller Wahrscheinlichkeiten im magischen China eine neue blaue Orchidee, was natürlich wieder Konsequenzen nach sich zieht. Das Ende ist wieder mal etwas offen und zeigt dem Leser nicht ganz klar, ob und ab wann sich die Geschichte um wahnhafte Imagination dreht, oder vielleicht doch wirklich wahr sein könnte – alles ist möglich im magischen Realismus. Irgendwie ist es die Geschichte eines großen leidenschaftlichen Forschers, der auf Grund grundsätzlicher wissenschaftlicher Charakterschwächen z.B. fehlender Kritikfähigkeit, Zweifel an eigenen Positionen und Theorien, Realitätssinn etc. ganz episch gescheitert ist. Auch weil er ex post betrachtet einfach fundamental unrecht hat und sich trotzdem nicht beirren lässt.

Fazit: Ein sehr guter Erstlingsroman, sprachlich wundervoll, vom Plot her gut gearbeitet, inhaltlich sehr spannend mit einem magisch realistischen Touch und einem offenen Ende.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 12. März 2018
  • Verlag: Kremayr & Scheriau
  • ISBN:  978-3-218-01104-4
  • Hardcover: 256 Seiten
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12 Gedanken zu “Die Magie der botanischen Forschung

  1. Klingt für mich, als hätte Verena Stauffer geradezu verschwenderisch aus dem Vollen geschöpft – was bei Erstlingen ja so selten nicht vorkommt. Außerdem mag ich keine Orchideen. Ich warte mal ab, was da noch so kommt.

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    • Ja das hat sie – aus dem Vollen geschöpft und das hat mir wirklich sehr gut gefallen. Ich habe übrigens 2 Orchideen zu Hause die eine habe ich vor ca. 10 Jahren zum Muttertag bekommen. Ich dachte, sie wäre nun kaputt und hab sie ganz hinten an das Fensterbrett gestellt und vergessen. In der Woche, als das Buch mit der Post kam merkte ich plötzlich, dass sie wieder blühte und da ist ein echt schönes Foto zusammen mit dem Buch entstanden.

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      • Ja, das Foto ist sehr gut. Ich kam gar nicht auf die Idee, dass Du es selbst gemacht hast – so professionell sieht das aus.
        Ich bin meiner Abneigung gegen Orchideen auch nie auf die Schliche gekommen – irgend ein Erlebnis in meiner Kindheit, zu banal, um mir als Auslöser im Gedächtnis zu sein. Es könnte – nur als Möglichkeit – die Blumenhallte der Grünen Woche gewesen sein. Wir besuchten diese Messe jedes Jahr, weil es in der Familie einen Landwirt gab, der dort auch ausstellte. Die Blumenhalle war optisch immer der Höhepunkt. Und dann fand im einem Jahr in der Blumenhallte eine Orchideenausstellung statt die Halle ganz schwarz ausgekleidet, die Pflanzen alle in erleuchteten Glaskästen. Und wegen der „blöden“ Orchideen nichts von der sonst üppig duftenden Blumenpracht. Und das Publikum natürlich „Ah!“ und „Oh!“ und in schierer Anbetung der kostbarsten aller Blumen. Aber vielleicht hatte ich da meine Aversion auch schon weg und habe es nur deshalb so empfunden.
        „Vererbt“ habe ich diese Abneigung übrigens nicht. Beide Töchter finden Orchideen toll und haben welche in ihren jeweiligen Blumenfenstern.

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    • Der Autorin, die auch auf Instagramm ist und die ich bisher gar nicht virtuell kannte, hat das Bild auch sehr gut gefallen. Ich mache selbst Fotos von Büchern seit Juni 2017, denn ich schreibe noch für einen anderen Blog bzw. für eine Wiender Onlinezeitung http://www.kekinwien.at (Kunst-Essen-Kino) meine Beiträge, aber nur von Büchern, die mir sehr gut gefallen haben, denn das ist ein Empfehlungsblog. Da die Zeitung und das Beitragsbild vom Layout her Querformat sind und die Buchcover Hochformat, muss ich mir immer was einfallen lassen. Also inszeniere ich jedes Buch mit einem eigenen Foto, das den Inhalt ausdrücken soll, denn immer Buch mit Teehäferl oder Brille ist ja total kitschig und laaangweilig 🙂 Für Rozznjogd haben mein Mann und ich einen Kleiderhaufen gemacht, für Bananama habe ich ein eigenes Ortsschild (korrekt nach österreichischer Vorlage konzipiert) für Fremdenzimmer sind wir außerhalb der Saision in der Wachau verzweifelt herumgerannt, um eine „Zimmer-frei-Fahne“ zu fotografieren (fast alles war im Februar geschlossen)….

      Die unbewußten Phobien aus der Kindheit hatte ich auch: Konnte keinen Kamillen und Fencheltee trinken, da wurde mir immer übel. Irgendwann erzählte mir jemand, dass genau diese zwei Tees für Koliken verwendet wurden. Da ich seit meiner Geburt eine Kuhmilchallergie habe, die im Erwachsenenalter lebensbedrohliche Auswüchse angenommen hat, dies aber früher nie erkannt wurde verbinde ich offensichtlich diese 2 Tees immer mit Schmerzen

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      • Das ist wirklich toll, und ich vermute, es macht auch Spaß – vielleicht besonders dann, wenn man sich etwas außergewöhnliches einfallen lassen muss oder das gewünschte Motiv schwer zu finden ist. Ich entschuldige mich also vor allen Leuten für das „fast professionell“. Das ist dann nicht nur professionell, sondern schon kunstvoll. Da sieht man mal, wie man (oder jedenfalls ich) bei Blogs leicht auf die Idee kommt, Graphiken oder Fotos könnten nicht vom Blogautor stammen – nur weil sie so verdammt gut sind. In Zukunft werde ich die Bilder zu Deinen Buchbesprechungen viel mehr zu würdigen wissen.

        Ist das mit der Kuhmilch eigentlich wirklich eine Allergie im herkömmlichen Sinne? Es heißt ja, Chinesen würden Milch und Käse nicht nur nicht mögen, sondern einfach nicht vertragen. Ihnen fehlt irgend ein Enzym. Inzwischen hört man aber, dass der Umsatz an Milchprodukten in China regelrecht boomt. Erstaunlich.

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    • Brauchst Dich nicht entschuldigen – ich bin gerne nur „fast professionell“ Der Direktor von der Kunsthalle Krems hat mal zu uns (eine Gruppe von Instagramern genannt igersaustria) gesagt, das nächste mal pfeifft er auf die Pressfotografen bei der Ausstellungseröffnung, denn die verstehen die Kunstwerke nicht und machen nur 0815 Bilder standardmäßig aus langweiligen Perspektiven. Ein Instagrammer legt sich schon mal auch auf den Boden, um ein gutes Bild zu kriegen 🙂

      Zu meiner Kuhmillchallergie: Was Du meinst, und was die Chinesen haben ist eine Laktoseintoleranz die dreht sich erstens nur um Milchzucker und ist zweitens nicht lebensbedrohlich sondern nur unangenehm. Drittens können milchzuckerarme Produkte wie Joghurt und Frischkäse leicht gegessen werden. Probleme treten deshalb auf weil der Körper das Enzym Lactrase, das den Milchzucker abbaut, zu wenig produziert. Man kann aber auch die Enzyme als Tabletten nehmen, wenn man mal über die Stränge schlagen will.

      Eine Kuhmilch- Allergie ist etwas ganz anderes sie hat nicht mit Milchzucker sondern mit Milcheiweiß zu tun und besteht genetisch bedingt seit der Geburt, wobei sich die Allergie im Erwachsenenalter verschlimmert – Ich schwelle wie bei einer Erdnussallergie oder Bienenstichallergie so lange an bis ich keine Luft mehr kriege und blau werde. Einen Kuhmilchallergiker kannst mit einem Tupfen untergejubeltem Kuhmilchjoghurt oder Sauerrahm fast umbringen (mich eigentlich nur fast, denn ich habe derzeit ca. 45 Minuten bis ich gar keine Luft mehr kriege und das reicht für das Krankenhaus). Wenn das passiert, dann hängst Du mindestens über Nacht im Krankenhaus am Tropf. Ich habe das mit Kuh-Milch (ausschließlich Kuh – bei Schaf und Ziege habe ich keine Probleme, denn das Eiweiß ist anders zusammengesetzt, da müsste ich nur beim Essen gehen aufpassen, dass mir der Wirt nicht das billige mit Kuhmilch gepanschte Zeugs beim Feta unterjubelt) und die selbe Allergie mit Bienenstichen. Butter kann ich als einziges Milchprodukt bedenkenlos essen, denn die hat kein Eiweiß mehr, sondern ist nur noch Fett.

      Prinzipiell ist das alles kein Problem bis auf das Essen gehen im Restaurant – wenn der Wirt nach mehrmaliger Nachfrage mir bewußt oder aus Ignoranz was unterjubelt. Bevor es die gesetzliche Kennzeichnungspflicht gab, bin ich drei Mal als Notfall im Krankenhaus gelandet, obwohl ich eh auswärts so gut wie nie Schafmilchprodukte esse (ein Tupfer Joghurt oder Sauerrahm in der Sauce und das Malheur war passiert). Nach der Änderung der Gesetze ist es für mich leichter, weil die Wirte einfach sensibler geworden sind. Jetzt stehts ja auch Schwarz auf Weiß auf der Karte wenn G drinnen ist nehme ich es nicht, und sie können von mir verklagt werden, wenn sie versuchen mich umzubringen. In den 3 Fällen damals hatte ich keine Chance.

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      • Vielen Dank für die ausführliche Auskunft. Das ist ja wirklich heftig, und vor der Kennzeichnungspflicht auf Speisekarten muss für Die Essengehen immer gewesen sein, als hättest Du Dir japanischen Kugelfisch bestellt. Auf diese Art von Nervenkitzel kann man gut verzichten.
        Aber zur Kunstfotografie: Das ist auch ein ganz spezielles Gebiet. Bei unsren Ausstellungseröffnungen habe ich die Pressefotografen nicht aus den Augen gelassen, wobei nicht die langweiligen Fotos meine Sorge waren, sondern oft der sorglose Umgang mit dem Equipment. Da wird dann schon mal der Fotokoffer auf einem Sockel abgestellt.

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