Gordische Knoten des Lebens

Die Sage berichtet, dass Alexander der Große auf seinem Siegeszug nach Asien in der persischen Stadt Gordion Halt machte. Hier befand sich der gordische Knoten, dem ein Orakel prophezeite, dass nur derjenige, der den Knoten lösen würde, auch über Asien herrschen könne. Wie jeder weiß, löste Alexander das Rätsel mit einem Schlag seines Schwertes. Heute bedeutet die Redewendung „den gordischen Knoten durchschlagen“ oder „den gordischen Knoten lösen“ die Überwindung eines schwierigen Problems mit energischen beziehungsweise unkonventionellen Mitteln. (Quelle Wikipedia)

So einfach sind solch knifflige Verwicklungen meist nicht zu entwirren; wenn man ein Problem hat, sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Sprich, man sitzt in seinen eigenen Problemen begraben und kann sich schwer befreien, um eine Sicht von außen zu bekommen.

So fühlt sich in dem vorliegenden Buch von Julia Jessen, einst Schauspielerin jetzt erfolgreiche Schriftstellerin, Yvonne, eine Frau Mitte dreißig, zwei Kinder, glücklich mit Jonas verheiratet. Glücklich? Yvonne spürt, dass etwas in ihrem Leben nicht stimmt. Eine Katastrophe wird über sie und ihre Familie hereinbrechen.

„Ich beobachte, wie sie eine Weile damit spielen, die Autos über die Straße schieben, Mika lässt den Polizisten den Verkehr regeln, während John alle Holzampeln auf Rot stellt. Mika lacht. Ich warte geduldig, denn ich kann fühlen, wie sie sich an die Katastrophe herantasten. Unter ihren Stimmen vibriert eine Aufregung, die mir bis in die Zehenspitzen kriecht. Normalität, Alltag, etwas, das auf einen Abgrund zuzulaufen scheint. Es ist alles ein Spiel. Ein Experiment. Oder nicht?“

Um Yvonne herum geht das normale Leben weiter. Sie fühlt sich nur nicht mehr als Teil davon, sie steht daneben. Sie stellt die Beziehung zu ihrem Mann in Frage.

„Wir sprechen so nicht mehr. Nicht mehr mit diesem dringenden Wunsch, dem anderen am liebsten unter die Schädeldecke gucken zu wollen. Alles zu erfassen, was da vor sich geht. Als wüssten wir schon alles. Aber wir reden viel. Das ist das Seltsame. Manchmal sind meine heimlichen Gedanken furchtbar laut. Aber sie finden keinen Weg nach draußen. Ich halte sie von ihm fern. Und das macht mich einsam. Zwischen all den Worten, die zwischen uns hin und her wandern, ist immer viel Schweigen.“

Anfangs kann Yvonne diese Gedanken nicht fassen. Während eines Besuchs bei Freunden in Dänemark, versucht sie die Normalität einzufangen. Doch immer wieder rutscht sie neben die Dinge, sie kommt mit nichts mehr in Berührung, es ist alles vorhersehbar, bis zum Ende des Lebens. Yvonne verträgt die Sicherheit nicht mehr, das Leben ist für sie unlebendig geworden, wie eine Einkaufsliste, die man abhakt. Bei dem Versuch ihre Gefühle Jonas mitzuteilen, erntet sie nur Unverständnis. Ob sie denn nicht zufrieden sei mit ihrem Leben, was sie denn wolle? Doch Yvonne hat darauf keine Antworten, sie merkt nur, dass sie sich wieder spüren will.

„Mein Körper, mein Kopf sind ein Kokon, in dem all das Unsagbare zurückbleibt, erstarrt und sich verwandelt. In Ungeduld oder Wut und dann in Müdigkeit. Ich kann dabei zusehen, wie es geschieht, und ich weiß, dass es nicht gut ist. Ich weiß nur nicht, wo ich anfangen soll. Es ist wie eine Gewissheit, dass es nicht zu sagen ist. So wie es auch nicht zu hören sein wird. Weil es uns in Frage stellt. Und weil diese Fragen gefährlich sind und uns Angst machen. Und ich weiß nicht, warum das so sein muss. Warum wir uns so eingerichtet haben, dass wir uns davon nichts erzählen dürfen.“

Sie bricht an dem Wochenende in Dänemark an einem Abend aus, geht alleine tanzen und schläft mit einem Mann. Dieser schnelle, hastige Moment auf der Toilette hat ihr kurzfristig das Körpergefühl zurückgebracht. Doch innerlich fühlt sie sich immer noch leer. Sie will keine Affären oder einen neuen Mann. Es brennt nicht mehr in Yvonne.

„Ich mag mein Leben. Ich mag die Menschen darin. Ich weiß gar nicht, wie ich es anders machen sollte. Es fehlt nur so viel. Mir ist so vieles abhandengekommen. Es reicht einfach nicht. Der Gedanke hinterlässt eine ungute Spur, während er über alle anderen Gedanken des Tages rüberkriecht. Wie Schneckenschleim klebt er an allem, was geschieht, und beschmutzt es.“

Behutsam führt Julia Jessen uns in die Innenwelt von Yvonne, greift ihre Gedanken auf und nimmt den Leser an die Hand auf den verschlungenen Wegen ihres Gefühlschaos. Yvonne merkt, dass sie umdenken muss, aber sie hat keinen vorgedachten Weg, den sie nehmen kann. Sie verlässt die ausgetretenen Pfade, kämpft sich mit der Machete durch den Dschungel, spürt, dass sie eine neue Struktur braucht. Sie möchte das neue Leben spüren, das Leben, das so viel Spannung und Lebendigkeit versprühen kann. Dafür muss sie offen sein, sich selbst neu erfinden. Sie lernt eine Gruppe von Menschen kennen, denen es genauso geht.

„Ich beneide sie, weil für sie alles offen ist, sie haben keine Ahnung, was als Nächstes passiert. Alles könnte passieren. Ich weiß genau, was gleich passiert. Ich weiß ziemlich genau alles, was gleich passiert, und auch, wie es ablaufen wird.“

Ein Buch, das versucht das Unsagbare zu sagen, zwischen die Gedanken springt, keine Tabus kennt und immer wieder Bilder aufbaut, die ich so noch nicht gelesen habe. Zarte, zerbrechliche Bilder, die die Protagonistin irritieren, die dazu führen, dass sie sich treiben lässt, ohne Netz und doppelten Boden. Sie ist diejenige, die alle anderen mitreißt in diese Ungewissheit hinaus. Eine Ungewissheit ohne die üblichen vorgelebten Sicherheiten des Lebens. Aber etwas mit viel Weite, Platz und spannenden Momenten. Ein Buch mit Abgründen, aber eines, das Mut macht, neue Wege zu gehen, wenn man selbst erkennt, dass einem etwas fehlt. Ein Buchhöhepunkt des Jahres 2018.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe: 07. März 2018
  • Verlag: Antje Kunstmann Verlag
  • ISBN: 978-3-95614-229-1
  • Gebunden: 432 Seiten
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