Der Orkfresser

Magische Realität und Humor, der Orkfresser hat beides. Exakt das habe ich mir nach Ansicht des Covers und des Klappentextes versprochen. Subtilität hingegen ist wenig zu finden. Hier wird Tacheles erzählt, straight und fluffig wird der Leser in die wunderbare Welt des Aaron Tristen entführt, erfolgreicher Bestsellerautor von hanebüchenem Fantasy Schund, der nach Höherem strebt und an seinem Erfolg leidet.
Thematisiert wird im Orkfresser so einiges, beispielsweise der leidige Event-Hype um Buchhandlungen, den ich nie verstanden habe, was aber auch daran liegen mag, dass Buchhandlungen für mich Drug Stores im wörtlichen Sinne sind. Reingehen, schwelgen und stöbern, möglichst ohne belästigt zu werden und Stoff kaufen. Klar, ein ansprechendes Ambiente ist verweilförderlich, aber Lesungen und Autogramme sind nicht meines.
Auch der Verfasser der Creature Clush Reihe, der zu Beginn sein zweites Buch Engel gegen Zombies 2 promoten muss ist nicht sonderlich glücklich. Dabei ist die Veranstaltung gut besucht, nicht zuletzt dank einer Gruppe studentischer Rollenspiel Orks, die günstig zu mieten sind und solchen Events erst den richtigen Kick geben, so man sie mit genügend Schnittchen und Alk versorgt.
Bei unzufriedenen Autoren sollte man mit Alkoholausschank allerdinges vorsichtig sein, noch besser für die Besitzer von Buchhandlungen dürfte es sein, unmotivierte Autoren auch anderweitig zu filzen, damit die Lesung ohne Schäden an Mobiliar und Gästen vonstatten gehen kann.
In diesem Fall ist das misslungen und so begibt sich der überhebliche Schriftsteller des sinnfreien Trash auf die Suche nach sich selbst und jenen Geschichten die er tatsächlich erzählen möchte. Dazu wechselt er von Berlin nach Leipzig und taucht unter in einer üblen Kaschemme in unter, erlebt dort allerlei Abenteuer der seltsamen Art, die durchsetzt mit einer Hommage an die grandiosen Helden und Erzähler der Weltliteratur speziell der Phantastik, in einem überraschendem Ende münden.

 

Diese Odyssee mitverfolgen zu dürfen ist ein rasantes Vergnügen, das nur ein wenig getrübt ist durch die Nebencharaktere, die zuerst als Klischee einer literarischen Selbsthifegruppe skizziert, im weiteren Verlauf mit gerade soviel Charakter ausgestattet werden, dass sie die Wendung der Geschichte zweidimensionaler ausgestalten, dabei aber immer noch sehr vernachlässsigt werden, um der Story Tiefe zu verleihen.

Das liest sich dank des zynisch, sarkastischen Helden wie geschnitten Brot,

„Meine letzte Möglichkeit umzukehren. Es sind bloß vier Etagen, die mich von schriftstellerischer Drittklassigkeit und einer Gemeinschaft übermotivierter Stümper trennen, die die kleinen nichtigen Probleme ihres Alltags in Geschichten verarbeitet, die keinerlei literarischen Werrt haben und schwerlich jemand unbeteiligten interessieren. Ich stehe kurz davor, mich kopfüber in einen Buchstabenstreichlerverein zu stürzen, wo es nicht zählt was man, sondern vor allem dass man schreibt. Wo man keine Fehler machen kann, weil alles was aus einem herauskommt, irgendwie wichtig ist. Weil das Schreiben ein Erlebnis, weil Rechtschreibung und Zeichensetzung nebensächlich sind und das ganze verschissene Alphabet deiner Gefühle daraus wartet von dir entdeckt zu werden.“

Stilistisch keine Offenbarung aber in angenehm authentischer Sprache mit „Street Credibility“. Die witzige Hommage an die Heldengestalten der Literatur, die Aaron Tristen während seines Abenteuers erscheinen und ihn begleiten, und das Glück für uns Büchernerds jemanden zu finden der unsere tiefe, große Liebe für die Geschichten und Autoren, die wir verehren, teilt hat der Autor liebevoll in die sonst eher sakastische Erzählweise eingebunden.

Mit den zwischen Aaron Tristens Bericht eingestreuten Shortstories hingegen konnte ich nichts anfangen. Zu willkürlich und beliebig lasen sie sich und vermochten weder zu fesseln, noch konnte ich ihr Erscheinen inmitten der Geschichte in Bezug zur voranschreitenden Erzählung setzen. Sie tauchen auf, enden und hinterlassen keinen Eindruck.

Gut unterhalten, nicht allzu weit unter Niveau, wie von Hobbit Press auch zu erwarten, habe ich mich beim Orkfresser amüsiert. Mehr hatte ich mir von diesem Titel nicht versprochen. Es gab aber noch ein  Gimmick:

Christian von Asteren hat in seinem Orkfresser ergreifend belegt, dass Literatur, auch wenn sie fast nicht als solche zu bezeichnen ist sondern in Trashform daherkommt immer noch das Leben der Menschen verbessern oder erleichtern kann. Den eigenen Dünkel zu hinterfragen ist ratsam.

 

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 10. März 2018
  • Verlag: Klett-Cotta
  • ISBN: 978-3-608-98121-6
  • Klappenbroschur: 352 Seiten
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10 Gedanken zu “Der Orkfresser

  1. Ja, das könnte zu einer guten Geschichte werden. Beim Orkfresser gefiel mir, die Erzählung über die Schriftstellerei, es war nicht komplett uneitel, aber mit einer angenehmen Selbstreflexion und dazu sind nicht viele. der nicht nur dir unangenehm aufgefallenen, Schriftsteller denen sonst nichts einfällt fähig. Aster erzählt hier tatsächlich gut und er hat was zu erzählen und kann es. Ich lese ja selbst nicht nur gerne, sondern schreibe seit etlichen Jahren jetzt meine Eindrücke über Gelesenes nieder und hau es raus, Talent und Ideen genügten nie meinen Ansprüchen um selbst eigenes zu schreiben, daher reagiere ich sehr sensibel, wenn andere aus ihrem Leben berichten, weil ihnen offensichtlich nichts anderes gegeben ist. Glücklicherweise gibt es genug Menschen mit Talent, Stil und Ideen die uns Leser erfreuen können.

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  2. Ich habe das schon mehr als ein Mal bedauernd angemerkt: Es gibt immer mehr Schriftsteller, deren Lieblingsthema die Schriftstellerei und das Drumherum ist. Oder vielleicht gibt es auch weniger Schriftsteller, die etwas erleben, über das zu schreiben sich lohnte, so dass sie zwangsläufig über die Schriftstellerei bla-bla-bla.

    Anderer Punkt: Das mit den studentischen Orks kann ich mir konkret gerade nicht vorstellen. Was aber tatsächlich zu solchen Events gehört (zu denen ich auch Ausstellungseröffnungen zähle), das sind so schräge Typen, bei denen ich mich immer gefragt habe, ob die dafür bezahlt werden, jedes Mal aufzutauchen, oder ob sie es von sich aus tun und die Gelegenheit nutzen, sich selbst zu inszenieren. Das wäre kein schlechter Aufhänger für eine Geschichte.

    LG Christa (event-resistent)

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  3. Sehr gerne. Es muss ja nicht immer Dostojewski sein, so ein Tolstoi ist auch mal nett, ne, freut mich, dass der letzte Satz ankam. Ich bin Vielleserin, aber es gibt einfach Zeiten, zu denen keine herausfordernde Lektüre passt und da sind gut erzählte Geschichte sehr fein. Über die Jahre kam da bei mir schon eine gewisse Arroganz auf, und diese zu rechtfertigen fällt schwer. Sicher es gibt Kriterien gute von schlechter Literatur zu trennen, aber die Arroganz kann man sich sparen. Erinnert mich ein wenig an die Biker, Harleyfahrer grüßen nur, wenn ich in Begleitung des beharleyten Göttergatten unterwegs bin, ansonsten wird die alte BMW ignoriert. Das schmerzt jetzt nicht, fällt aber auf 😉

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