Just do it

Vor über zwanzig Jahren fuhr ich seit ungefähr drei Jahren meiner Meinung nach recht passabel Motorrad. Die damalige Maschine, eine schöne dezent lackierte Enduro, ließ sich meiner Meinung nach leicht händeln, Gruppenausfahrten machten Spaß, doch ausfahren wollte ich meine Domi schon auch einmal. Es kam, wie es kommen musste: Bei einer Fahrt über die Monte-Baldo-Höhenstraße am Gardasee, nutzte ich eine Lücke, um mich von den anderen abzusetzen – ein wenig genervt, denn vor mir fuhr eine Fahranfängerin, die im dritten Gang in die Kurve ging, mit gezogener Kupplung durchrollte und danach natürlich nicht rauskam. So machen kurvige Bergstraßen keinen Spaß und prompt verfiel ich in ein eher männliches Verhaltensmuster, setzte mich von den anderen ab und wollte einfach mal ein paar Kurven richtig durchziehen. Blöd nur, dass ich viel zu schnell in eine zu enge Kurve ging und das tat, was man eigentlich nie tun sollte: volle Kanne in die Eisen steigen, aber nur mit der Vorderradbremse. Ich weiß noch genau, dass ich in diesen wenigen Sekunden überlegte, wo ich meine Maschine am besten ablegen könnte und landete genau dort. Allerdings fehlten meiner Maschine danach die Rückspiegel. Bis meine Mitfahrer ankamen, hatte ich das Moped von meinem Bein gewuchtet und jammerte über die fehlenden Rückspiegel. Mein damaliger Freund, angehender Mediziner, prüfte mich erst mal auf Verletzungen und war ziemlich erstaunt, dass mir wohl nichts weiter fehlte, als natürlich ein Schock, der aber nicht allzu schlimm war. Im Laufe des Tages aber, zeigte sich, dass ein schwerer Schlag auf meine rechte Schulter diese doch ziemlich verletzt haben musste, konnte ich den Arm abends kaum mehr und schon gar nicht schmerzfrei bewegen. Langer Rede kurzer Sinn: letztendlich stellte sich heraus, dass ich eine Sehnenruptur erlitten hatte, die durch die Ruhigstellung durch einen sogenannten Gilchrist-Verband dazu führte, dass ich meinen rechten Arm im Schultergelenk überhaupt nicht mehr bewegen konnte. Glücklicherweise hat ein junger und engagierter Assistenzarzt nicht nachgegeben und die Ursache, die Ruptur, festgestellt und mich mit vielen Physiotherapiesitzungen versorgt, was dank der kundigen Behandlung einer befreundeten Physiotherapeutin dazu führte, dass die Schulter wieder komplett beweglich und beschwerdefrei wurde. Es hat gedauert, aber es hat funktioniert. Der abschließende Besuch einer sogenannten Schultersprechstunde bestätigte mir, dass ich solange es keine Notwendigkeit gab, eine OP nicht in Erwägung ziehen sollte.

Vor ein paar Monaten, nach einem hektischen und stressigen Umzug, fing nun die linke Schulter an, zu mucken. Zunächst dachte ich nur, ich hätte mich etwas überhoben oder ähnliches, doch binnen kurzer Zeit war mir klar, dass die Rotationsbewegungen der Schulter bereits stark eingeschränkt waren. Schmerzen hatte ich vor allem nachts und am morgen, tagsüber – durch Bewegung und das unregelmäßige Schwimmen, das ich in den Wintermonaten noch weniger durchführte, als im Sommer – klangen die Schmerzen ab, die Steifheit des Gelenks blieb. Also ab zum Orthopäden, der mir alles, was ich fühlte und vermutete bestätigte: Diagnose Frozen Shoulder. Ja, heute spricht man englisch auch in Köpenicker Arztpraxen. Erst mal Physio – die leider aufgrund der Massenabfertigung der mich noch unbekannten Praxis – überhaupt nichts brachte, parallel ein MRT um eben zu sehen, ob bereits eine Sehnenruptur oder nur eine Entzündung vorlag, die die Beweglichkeit in unserem eigentlich beweglichsten Gelenk einschränkte. Nächster Arzttermin, Cortisontherapie – what?, nee, also ich nicht – und Überweisung an einen Schulterspezialisten tief im Westen der Stadt. Solche Termine sind nur lange im Voraus zu bekommen und so tat ich, was ich immer tue, wenn ich ein Problem habe: ich suche nach passenden Büchern. Und fand.

Die Arthrose-Lüge von Liebscher & Bracht ist ein klug aufgebautes Buch, das zunächst Hintergrundinformationen über Arthrose, ihre Entstehung, die Möglichkeiten der Vorbeugung und der Heilung gibt, um dann zum Übungsteil zu kommen, der anhand gut erklärter und bebilderter Übungen ein kurzes, aber offensichtlich effektives Muskel- und Gelenktraining darstellt, dass jeder moderne Mensch sich in seinen Tagesablauf einbauen sollte. Denn Gelenke wollen bewegt werden und das nicht einseitig. Das ist aber die Lebensrealität fast aller Menschen heutzutage. Sicher treiben viele Sport, gehen ins Fitnesscenter, aber auch hier muss man darauf achten, nicht zu einseitig zu trainieren. Auch wenn Liebscher & Bracht sehr viel Hoffnung machen, dass bereits eingetretene Schmerzzustände reversible sind, so machen sie etwas auch klar: Ohne eigenes aktives Zutun, passiert nichts.

Und so habe ich mir entschlossen, wenn ich also morgen zu meinem Schulterspezialisten gehe, mich nicht auf eine minimal invasive OP – die übrigens von vielen Krankenkassen nicht mehr übernommen wird, weil sie kaum Erfolge zeitigt – einzulassen und mir eine gute Physiotherapiepraxis suchen werde, mit deren Hilfe ich meine Schulter wieder beweglich bekomme. Meine Ernährung habe ich dank der Informationen im Buch bereits etwas umgestellt und achte noch mehr darauf, basische Lebensmittel zu mir zu nehmen. Außerdem nehme ich das Trainingsprogramm, die Übungen ernst – und weil ich merke, dass meine linke Schulter und vor allem der Nackenbereich nie ganz schmerzfrei sind, versuche ich meine Faszien wieder zu „entkleben“, indem ich das Trainingsprogramm kontinuierlich durchziehe. Ich weiß, dass es keine Spontanheilung geben wird, die Gründe dafür haben mir Liebscher & Bracht wunderbar dargelegt. Aber ich weiß auch, dass ich etwas dafür tun kann und muss, damit ich meine Bewegungsqualität verbessern und halten kann. Ich bin einfach zu jung, um mich damit abzufinden, dass ich vielleicht eine stärkere Veranlagung zu solchen Krankheiten besitze, als andere. Fakt ist ja auch, dass Menschen, die täglich ein gewisses Trainingsprogramm absolvieren, bis ins hohe Alter beweglich bleiben. Und Liebscher & Bracht haben mir deutlich gemacht, dass ich das auch kann. Ich muss nur wollen.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe: 16. Oktober 2017
  • Verlag: Goldmann
  • ISBN: 978-3-442-22225-4
  • Klappenbroschur: 280 Seiten

 

 

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22 Gedanken zu “Just do it

  1. ach es ist aber auch immer so schwer, das zu beurteilen, wenn man das Buch nicht selbst gelesen hat. Deswegen schau ich ja immer, da ganz viele verschiedene Aussagen darüber zu finden um mir ein Bild zu machen ob Buch ja oder nein xD

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  2. Tu ich auch nicht, aber ich habe eben die Erfahrung gemacht, dass ich selbst ausprobieren muss, was mit taugt und in mich reinhöre, dann klappt es auch. Es gibt nicht DAS Rezept für jeden – das behaupten L&B im übrigen überhaupt nicht, wird aber in der Rezi, die du verlinkt hast, so dargestellt, was mir wiederum dann ein wenig austösst 😉

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  3. ja ich bin ja wie gesagt bei solchen Titeln immer sehr hin und hergerissen. Neues lernen und ausprobieren find ich immer gut, allerdings versuche ich grundsätzlich wissenschaftliche Aspekte nicht unbeachtet zu lassen.

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  4. ich habe mir das genauer angesehen – also den Link. Danke. Das kommt mir halt so ein bisschen so vor, wie zwei konkurrierende Schulen, die sich nicht nebenher bestehen lassen können. Klar, der Rezensent hat seine eigene Methode, die er bevorzugt. Ich denke mir immer, probieren, ob was für mich dabei ist und wenn nicht, wars in dem Fall nicht schlimm, sind ja keine Pharmazeutika und man kann sich ja das Buch auch mal aus der Bib holen und reinlinsen. LG

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  5. Heute bin ich über diese Rezension gestolpert und dachte, die wäre für Dich vielleicht auch interessant 🙂
    https://evidenzbasiertephysiotherapie.de/die-arthrose-luege-von-liebscher-und-bracht-rezension/
    Ich denke, das Buch werde ich doch wieder von meiner Liste nehmen, weil die im Link angesprochenen Punkte für mich sehr relevant sind. Ich selbst gehöre übrigens zu den Fibromyalgie-Leuten, die zusätzlich noch durch hormonelle Probleme kaputte Knorpel haben (hier besonders das Sprunggelenk und die Schultern) und leide zudem an episodischer Migräne.

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  6. das ist ja witzig – also nicht, dass Du einen Fersensporn hast, das ist Mist … aber, dass du genau die Übungen mahst ;))) Gute Besserung!! Und noch viel Spaß beim Städtetrip, habt ihr schon wieder Ferien oder was? LG

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  7. Lustig, ich habe Liebscher und Bracht auf YouTube für mich entdeckt! Mache dort alles gegen den bösen Fersensporn, der mich beidseitig seit Jahren quält 😢 Es hilft mir zumindest derzeit, den Städtetrip ohne Schmerzmittel zu überstehen!! 🎉

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  8. Mittags ist auch eine gute Option, wenn die Arbeit das zulässt. Es ist ja immer so einfach, einen Grund zu finden, warum man gerade heute keinen Sport machen kann. Ich mag es zum Glück, früh aufzustehen. Eine der schönsten Seiten von Dubai ist, dass ich meine Yogaübungen auf dem Balkon machen kann, weil es immer warm ist. Ob ich im Hochsommer dann doch lieber im klimatisierten Wohnzimmer bleibe, wird sich zeigen. Dafür geht abends bei mir gar nicht. Da reicht die Kraft nur noch dazu, die Seiten eines Buches umzublättern 😀

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  9. Ja, das wird wieder, da bin ich mir sicher. Schön, dass Du von unserem Alter sprichst, da fühle ich mich gleich jünger 😉 das ist sowas homöopathisches bei mir. Ja, ich stehe halt so ungern früh auf … aber irgendwie so wird es wohl werden. Ich habe jetzt mit meiner Kollegin abgesprochen, dass wir uns jeden Tag Mittags ein Viertelstündchen Zeit nehmen und Faszienübungen machen für den Nacken etc. LG, Bri

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  10. Willkommen im Club! Ich stehe jeden Morgen um 5 Uhr auf, eine Stunde vor meinen Lieben, um Yoga zu machen, wobei das bei mir eine Mischung aus Yoga und Rückenübungen ist, die mir eine Physiotherapeutin mal empfohlen hat. Das wird schon wieder Bri. Allerdings ist es in unserem Alter tatsächlich echt wichtig, auch dranzubleiben. Der Körper verzeiht nicht mehr so leicht. Alles Gute, Dir.

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  11. Das klingt nach Absichtserklärung, der ich mich nur anschließen kann. Es wird wieder Zeit laufen zu gehen und Yoga strikter durchzuziehen. Danke für die Ermutigung im Kampf gegen den inneren Schweinehund und die Alltagspflichten die sich ab morgen hinten anstellen müssen.
    Weiterhin gute Besserung. Ich zieh jetzt noch ein paar Sonnengrüße durch.

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  12. Ja, das haben sie auch angesprochen. Sie haben es bewusst provozierend so genannt, aber gleich zu Beginn klar gestellt, „Den polarisierenden
    Titel haben wir mit Absicht gewählt. Er soll herausfordern, aufmerksam und wach machen.“

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  13. das klingt sehr gut. Bei dem Thema Übersäuerung bin ich sehr empfindlich, das weiß ich. Da neigen solche Bücher oftmals dazu, andere Dinge komplett zu verteufeln und das find ich immer doof. Das einzige, was mich an derlei Büchern immer stören wird, sind die reißerischen Titel. Ich habe soviele Bücher gelesen, die irgendwas mit „Lüge“ oder „Wundermittel“ auf im Titel haben, dass es schon nicht mehr feierlich ist. xD

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  14. Ja, der Unfall war … nun ja – Blödheit pur. Aber Lehrgeld zahlt man ab und an und ich bin glimpflich davon gekommen. Das krasse war wirklich, dass ich mir erst mal einen Kopf um mein Moped gemacht habe und echt keine Ahnung mehr hatte, was wirklich passiert ist, aber in den paar Sekunden, zwischen dem Begreifen: Sch… ich bin viel zu schnell und wo ist Platz für mich … dieses Stückchen Ausbuchtung mit Gras gesehen habe, in dem ich auch gelandet bin.
    Das Thema Übersäuerung direkt so nicht, eher zu gucken, was verträgt man gut, manche Lebensmittel bilden eher Säuren und dadurch eventuell Ablagerungen, aber vor allem geht es eben um Bewegung. Übungen zum dehnen den Muskulatur, die ja auch bei sportlichen Menschen oft zu kurz kommt .
    Und sie sagen ganz eindeutig, dass es eben der Mix macht. Nicht eine Sache übermäßig gut ist, sondern man sich wohl fühlen muss dabei.
    LG, Bri

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  15. Bewegung ist immer das A und O. Das habe ich spätestens dann erkannt, als ich mit Yoga angefangen habe und bemerkte, wie sich plötzlich lange kleine Leiden und Zimperlein in Wohlwollen aufgelöst haben. Ergo merke ich es natürlich auch sofort, wenn ich mal länger kein Yoga mache. Meine Kollegin leidet z.B. an Rheuma seit sie 20 ist. Sie geht dreimal die Woche regelmäßig zum Sport, damit die Gelenke geschmiert bleiben. Wie bei allem kann ein Mittelchen allein nicht unbedingt ein all umfassendes Behandlungskonzept ersetzen, aber Bewegung, egal in welchem Rahmen ist immer gut für den Körper. Gezielte Bewegung sogar noch viel besser.

    Danke für diesen schönen Beitrag und Hammer das mit dem Unfall. Ich hatte vor 21 Jahren auch einen schlimmen Autounfall. Hab mein Auto ungebremst in ein Staueende gesetzt, weil die Sichtverhältnisse so schlecht waren und ich den Stau nicht gesehen habe. Mein Nacken und mein oberer Rücken sind seitdem ziemlich im Eimer, aber Yoga mit seinen gezielten und kontrollierten Bewegungen hat mir hier super geholfen.

    Ich hoffe, die haben in ihrem Buch nicht das Thema Übersäuerung des Körpers angesprochen, denn das wäre für mich schon ein Grund, es gar nicht erst zur Hand zu nehmen.

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