Mörderischer Apfelduft

Manchmal darf es bei mir auch ein Regionalkrimi sein. Meine Qualitätskriterien in diesem Genre sind: Spannung, ein nicht durchsichtiger Plot, exzellente Figurenentwicklung, einigermaßen anspruchsvolle Sprache, gute Ortsbeschreibungen und dicht beschriebene Stimmungen, lustiges Mörderraten, nachvollziehbare Motive, ein Ende, das nicht an den Haaren herbeigezogen ist und die Vermeidung von jeglicher schmalziger Romantik. Romy Fölcks Krimi erfüllt diese Aufgaben auf jeden Fall gut, sicher wesentlich besser als der Durchschnitt der unzähligen Romane in dieser Gattung.

Am besten hat die Autorin im Rahmen der Figurenentwicklung und bei der Stimmungsbeschreibung gearbeitet. Frida, eine junge ehrgeizige Polizistin auf dem beruflichen Erfolgsweg zur Kommissarin muss von Hamburg kurzfristig wieder in ihr Heimatdorf zurück, da ihr Vater niedergeschlagen wurde und ins Koma gefallen ist. Dort wird sie zuerst mit der desolaten wirtschaftlichen Lage des Apfelbauernhofs der Eltern konfrontiert, muss schleunigst ein paar Brände löschen und dringende Probleme lösen. Weiters trifft sie ihre alten Freunde und Bekannten wieder und ein paar uralte Traumata brechen auf. Der Mord an ihrer Freundin Marit ist noch immer nicht aufgeklärt. Frida hat Kommissar Haverkorn, der sich nun erneut an ihre Fersen heftet und den Cold Case aufklären will, als 13-jähriges Mädchen wichtige Details zum Mörder aus Angst verschwiegen.

Auf Seite 120 könnte der Leser meinen, der Roman sei schon zu Ende, denn der Täter des Mordes aus den 90er Jahren ist nun klar, Frida hat als Kind zuerst aus Angst geschwiegen und als Polizistin deshalb, weil der Mörder relativ bald nach der Tat bei einem Autounfall gestorben ist, und sie seinen Vater nicht noch mehr belasten wollte. Lediglich der feige Anschlag auf ihren Vater ist noch ungeklärt, aber da werden die Spuren von der Autorin auf massive Grundstücksspekulationen gelegt.

Dann macht der Plot eine Kehrtwende um 180 Grad (so etwas ist immer ganz mein Geschmack) und alles wird in Frage gestellt, der vermeintliche Mörder von Marit war es gar nicht, weitere Verbrechen geschehen, sind alle miteinander verflochten und werden offenbar: Mord, Totschlag, Brandstiftung, Entführung … die Entwicklung ist sehr rasant und man kann das Buch kaum weglegen.

Die Autorin beschreibt wundervoll die Dorfgemeinschaft, die angehende Kommissarin Frida und ihre Probleme, die Kinderfreundschaften aus der Vergangenheit und die Erwachsenen der Gegenwart, die Landschaft und die Apfelhöfe, deren Duft man förmlich riechen kann, Kommissar Haverkorn mit all seinen gesundheitlichen und privaten Problemen, der kurz vor seiner Pensionierung noch Lunte gerochen hat und endlich diesen alten Fall, seinen ersten Fall und gleichzeitig Misserfolg als Leiter der Mordkommission aufklären will. Auch das ambivalente Verhältnis von Haverkorn und Frida wird ziemlich ausführlich und psychologisch sehr aufschlussreich thematisiert und analysiert, das ist wirklich große Klasse.

Der wahre Mörder kristallisierte sich für mich zwar relativ früh vor dem Ende heraus, was mir aufgrund der nicht ganz so zahlreichen Verdächtigen ein bisschen die Lust am Mörderraten nahm, aber nicht alle Taten aus Vergangenheit und Gegenwart hätte ich so eingeschätzt und die Motive werden auch sehr konsistent und realistisch dargelegt. So geht ordentliche Krimiunterhaltung.

Fazit: Ein spannender Pageturner, der Krimi erfüllt alle relevanten Anforderungen an eine schlaflose Nacht, in der man dieses Buch dann nicht mehr weglegen möchte.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 23 Februar 2018
  • Verlag: Bastei Lübbe
  • ISBN: 978-3-7857-2622-8
  • Hardcover: 412 Seiten
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8 Gedanken zu “Mörderischer Apfelduft

  1. Mal sehe, wie ich das „abgedrehte Ende“ verkrafte. Du jedenfalls kannst Deine Hände in Unschuld waschen. Ich hab halt genommen, was da war, und die Sprache empfinde ich schon mal als Wohltat. Dann sind da noch einige Kleinigkeiten, die mir schon auf den ersten 76 Seiten sehr gefallen haben. Aber darüber werde ich dann irgendwann später etwas schreiben.

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  2. Ich hatte mir den Heinrich Steinfest auf Deine Empfehlung hin auf meinen Spickzettel für die Stadtbibliothek geschrieben. Von den Cheng-Romanen hatten sie leider keinen, dafür aber „Gewitter über Pluto“, den ich mitgenommen und auch schon angefangen habe zu lesen. Sehr originell und sprachlich gehoben, ohne abgehoben zu sein. Von diesem Autor werde ich mit Sicherheit noch mehr lesen. Von Thomas Raab gab es nur „Der Metzger kommt ins Paradies“. Ich konnte nicht feststellen, welcher Teil das ist, habe das Buch aber auch mitgenommen. 🙂

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  3. Beim Raab sind 3 gut – nach 4 habe ich aufgehört zu lesen. Mammamia der reitet das Schwein auch ordentlich – ist schon bei Band 7. Ich kann folgende empfehlen: Der Metzger muss nachsitzen, der Metzger sieht rot und der Metzger geht fremd

    Bzgl. Nikowitz ist heuer ein Krimi in einem Altenheim herausgekommen, den muss ich mir noch besorgen und besprechen keine Ahnung, ob der an den amüsanten Erstling herankommt.

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  4. Stimmt den Maurer muss man hören – ich konnte das mal live in Leipzig auf der Buchmesse – und als er mich mit meinem Mann reden hörte sagte er „Oh jemand aus der Heimat vom Svoboda, das freut mich, dass Sie von so weit her nach Leipzig gekommen sind.“ 😀

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  5. Vielen lieben Dank, für die Lesetipps! Diese Autoren schaue ich mir mal näher an. „Abstrus“ hört sich schon mal gut an. Das war es ja auch, was mich bei Maurer sofort zum Fan gemacht hat. Seinen ersten Jennerwein-Krimi (Föhnlage) habe ich als Hörbuch bei Rossmann (!!!) gekauft, ohne mir wirklich viel davon zu versprechen. Alle habe ich noch nicht gehört, weil ich Maurer nie bestellt habe, und in den Buchhandlungen komischerweise immer dieselben Hörbücher im Regal stehen. Den Maurer möchte ich aber HÖREN, denn er liest wirklich großartig. Nur … an den ersten Krimi ist er (für meinen Geschmack) nie wieder ganz rangekommen. Und das ist leider oft so, wie Du es ja auch von Thomas Raab schreibst. Später oder oft schön früher schöpft ein Autor nicht mehr aus dem Vollen, sondern kratzt Ideen zusammen, und das merkt man dann sehr deutlich. Ich stelle da zwischen erfolgreichen Schriftstellern und erfolgreichen Politikern eine Gemeinsamkeit fest: Ihnen fehlen die Phasen schöpferischer Ruhe.

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  6. 😀 stimmt mittlerweile macht das eher der Forensiker im Labor – ich lese das auch immer eher dosiert, zwischendurch – am meisten gehen mir bei der Darstellung der Lebensumstände aber die Krimis mit ROMANTIK auf die Nerven, da drehen sich meine Zehennägel auf, wenn die Ermittlerin zuerst total tough jemanden, ohne mit der Wimper zu zucken um die Ecke bringt und dann weiche Knie bekommt, weil ein hübsches Mannsbild vorbeigeht *kopfschüttel*

    Vielleicht darf ich ja etwas auf Deine Wunschliste einwirken?
    Kennst Du die Cheng Romane von Heinrich Steinfest? In diesen Romanen sind die Figuren so abstrus, dass es schon wieder eine Freude ist … und diese Sprache – himmlisch! – einfach ein Gedicht https://www.piper.de/buecher/cheng-isbn-978-3-492-24874-7 ich glaube da gibt es 5 Bände

    und die Krimis von Rainer Nikowitz dürften dir auch gefallen, die sind so ähnlich wie Die Maurer-Romane, die Dir ja offensichtlich ganz gut gefallen. Hier kann ich Volksfest auch wärmstens empfehlen https://www.goodreads.com/review/show/1901465000

    Thomas Raab kennst Du? Zwei Metzger-Romane wurden bereits verfilmt. Bitte aber nur bis Teil 4 lesen, dann wird das ganze schwach.

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  7. Die Elbmarschen. So, so … Ich musste erst mal googeln. Im Grunde ist es ja schade, dass es den klassischen Detektivroman nicht mehr gibt, weil es den klassischen Detektiv (dank hochmoderner polizeilicher Ermittlungsarbeit) eben auch nicht mehr gibt. Und bestimmte Strukturen sind bei der Polizei vorgegeben, wiederholen sich in bescheidenen Variationen von Krimi zu Krimi, weshalb der Auto dann den Kommissaren eine teils arg dramatische Lebensgeschichte verpassen muss, … Ich stelle fest, ich darf Krimis doch immer nur dosiert lesen, damit mir das alles nicht doch irgendwann auf den Wecker fällt.

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