Der Graben

Robert Walter ist Ende fünfzig und recht erfolgreich. Er ist Bürgermeister von Amsterdam, ein guter Stegreifredner, beliebt, auch weil er sich aus den politischen Ränken heraushält. Sehr lange und glücklich verheiratet, mit einer schönen Südländerin. Er könnte sein Leben genießen. Doch wenn es keine Probleme gibt, dann werden welche geschaffen. Oder gibt es nicht doch Probleme? Das Gespräch seiner Frau am Neujahrsempfang mit dem doch recht langweiligen Dezernenten Maarten van Hoogstraten irritiert Robert. Da war doch ein kurzes Flackern der Vertrautheit zwischen beiden. Ein insgeheimes Einverständnis, das nur aus einer Affäre herrühren kann. Nach dieser Beobachtung verläuft das Leben von Robert anders. Er wird zu einem Voyeur seines eigenen Lebens, er beobachtet sein Leben nur noch und nimmt nicht mehr daran teil.

„Ich wurde ein verdeckter Ermittler in den eigenen vier Wänden. Über den Rand der Zeitung observierte ich meine Frau. Ich ließ den Blick über die Artikel wandern, las aber nichts, achtete nur darauf rechtzeitig umzublättern. In möglichst natürlichem Rhythmus. Ich war ein Spitzel in Zivil, jemand der die Kleider des Familienoberhauptes trug, der den liebenden Ehemann und Vater gab.“

 

Anfangs wird der Leser recht umständlich in Hermans Koch Buch eingeführt. Lang und breit erzählt der Ich-Erzähler, warum er die Namen seiner Frau und seiner Tochter verändert. Sein eigener Wikipedia Eintrag beinhaltet sogar eine falsche Schreibweise des Namens seiner Frau. Auch wird dem Leser später erklärt, dass der Name des Bruders seiner Frau Rückschlüsse auf dessen Identität gewähren würde. Eine Art sinnlose Bedeckung sondergleichen, zumal alleine die Tatsache dass wir es hier mit einer öffentlichen Person zu tun haben, jegliche Geheimhaltung der Namen zu einem vergeblichen Unterfangen macht.

Roberts Betrachtung seines eigenen Lebens führt dazu, dass er kaum noch entspannt daran teilhaben kann. Jegliche eigene Interaktion mit der Außenwelt wird von ihm selbstkritisch unter die Lupe genommen. Seine Eltern steuern beide auf den hundertsten Geburtstag zu und sein Vater redet davon, Freitod zu begehen. Ein Interview mit einer Journalistin verleitet Robert zu einer Aussage, die einem politischen Selbstmord nahe kommt. Gerade seine Ehe gerät aus den Fugen. Aber dieses Beben ist nur etwas was er spürt, denn nach außen hin verläuft anfangs alles normal. Seine Frau und er sind das perfekte Paar.

„Mit Sylvia und mir verhält es sich ganz einfach: Wo wir sind ist es schön. Wo wir zu zweit sind, sind wir glücklich. Wir haben ganz unterschiedliche Interessen, doch unser Interesse aneinander bleibt sich immer und überall gleich. Gemälde sagen mir an sich wenig, aber eines, vor dem Sylvia stehen bleibt, ist mmer mehr als nur eine Seeschlacht, eine Landschaft oder ein Stilleben mit Obst und totem Hasen.“

Der Ich-Erzähler bleibt in seinen geschwätzigen Monologen meist bei sich. Die anderen Figuren in Der Graben bleiben deswegen meist schemenhaft und werden für die Ausbreitung von interessanten Themen zweckentfremdet. Nach einiger Zeit habe ich mich gefragt, wohin dieses, zwar literarisch sehr interessante, aber doch meist im roten Faden springende breit ausfächernde Buch mich noch hinführt. Was möchte der Autor mir damit sagen? Sei es der Tod oder auch der noch lebende Adel auf der Welt, die Gedankenwelt des Robert Walter ist die eines intelligenten Bildungsbürgers.

„Könige und Königinnen, es finden sich selten Persönlichkeiten darunter. Nie haben sie ihr Bestes geben müssen. Nie haben sie wie John F. Kennedy oder Barack Obama Stadt und Land auf Stimmenfang abklappern müssen. Alles ist ihnen in den Schoß gefallen. Man sieht es ihnen an. Mit jeder Generation werden ihre Gesichter leerer. Geistloser. Schon Königin Juliana konnte man kaum ernst nehmen, im Gesicht ihres Enkels passiert fast gar nichts mehr.“

Gegen Ende passiert dann doch noch eine Überraschung, die aber nicht durch die Geschichte getrieben wurde, sondern die Herman Koch einfach unvermittelt geschehen lässt. Ein zwar schön geschriebenes Buch, was aber viel Potenzial verschenkt. Mit etwas geschickterem Lektorat wäre eine fesselndere Geschichte herausgekommen. 

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe: 15. Februar 2018
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN:  978-3-462-05082-0
  • Gebunden: 304 Seiten
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