Berliner Stadtblatt Nr. 11

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JohnQube auf pixabay

Am nördlichen Ende der U8

Aische Yüzgülen hatte einfach alles richtig gemacht. Und heute war der entscheidende Tag, der zeigen würde, ob ihr der Sprung in das mittlere Management gelingen sollte.

Ihre Unterlagen zumindest waren markelos zu nennen. Ebenso ihr Lebenslauf. Sie war wie gemacht für diesen Job. Das war auch aufgefallen.

Und heute nun nahte ihre große Stunde.

Also warf sie sich in Schale und putzte sich heraus, daß selbst ihr Spiegelbild den Blick zu senken zu schien. Im Angesicht dieser unirdisch schönen Erscheinung. Doch verzichtete sie wohlweislich auf ein penetrantes Überparfümieren.

Sie brach sogar zwanzig Minuten früher als notwendig auf, nur um etwaige Verzögerungen bei den Öffentlichen abfangen zu können.

Und sie fühlte sich nachwievor ausgezeichnet und war voller Vorfreude, als sie im morgendlichen Gewühl unter dem Alexanderplatz das Verkehrsmittel wechselte, um zu ihrer neuen Arbeitsstelle in der Leibziger Straße zu gelangen.

Ein achtbares Unternehmen an einer vorzeigbaren Adresse. Und bald schon würde sie hoffentlich dazu gehören. Es war einfach märchenhaft. Sie fühlte sich auserwählt. Geradezu prinzessin.

Sie hopste sogar aus dem überpünktlichen Bus, als der sie quasi vor dem Eingang zu ihrem neuen Traumjob absetzte.

Obgleich es ein wenig verwunderlich war, daß mehr Angestellte das Gebäude verließen, als hineingingen. Dazu trugen sie jeweils einen Karton, aus welchen hier und da unterschiedliche Zimmerpflanzen hervorlugten.

Gerade als Aische die Eingangshalle durchquerte und den Aufzügen zustrebte, rief sie eine nölige Stimme an. „Verzeihen Sie, bitte. Wer sind Sie und wo denken Sie, daß Sie hingehen?“

Aische blieb stehen und sah sich um. Schräg hinter ihr stand ein Hering von einem Mann mittleren Alters und betrachtete sie fragend. „Nun?“

„Entschuldigen Sie. Ich wußte nicht, daß ich mich anmelden muß. Ich heiße Aische Yüzgülen und ich fange hier heute meinen Traumjob an.“, brach es aus ihr hervor und sie strahlte den Mann an; krampfhaft darum bemüht, vor Überschwang nicht noch in die Luft zu hüpfen.

„Ich verstehe.“, meinte ihr Gegenüber geradezu teilnahmslos. „Nun, Sie sind entlassen.“

Aisches Propeller versagte schlagartig den Dienst und sie fiel prompt aus allen Wolken. „Was? Warum?“

„Nun,“, setzte der Spielverderber ungerührt an, „Sie müssen wissen, daß die Firma vergangene Nacht aus Übersee übernommen wurde und dieser Standort umgehend aufgelöst wird. Und das betrifft, wie ich fürchte, auch ihren Arbeitsplatz. Wenn Sie mich nun entschuldigen würden, ich habe noch Allerhand zu erledigen.“, verabschiedete sich der Abwickler.

Als ob sie zwischen zwei gewaltige Schlagzeugbecken geraten wäre, derart dröhnte es in Aisches Kopf.

Um sie her strebten weiter die ehemaligen Angestellten des Unternehmens mit ihren Habseligkeiten der Leibziger entgegen. Tränen, Wut und Unglaube passierten Aische im Sekundentakt.

Und sie fühlte sich ebenso.

Also war sie doch noch eine von ihnen geworden. – Wenn auch bloß für einige Minuten.

 

Mehr weiß ich allerdings auch nicht.

 

weitere geruedsche Ergüssse auf dessen Blog: https://geruede.wordpress.com

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