Zwei und nicht zwei

Freundschaft ist eine wichtige Grundlage unseres Zusammenlebens, das verstehen wir schon früh in unserem Leben. Später kommen noch die Freuden und Leiden der Liebe hinzu, aber Freundschaft birgt schon die Insignien eines tiefen Gefühls. Ein Gefühl, das gehegt und gepflegt werden muss. Der Übergang zur Liebe ist fließend und zu lieben sollte bestenfalls auch eine Freundschaft als Basis bedeuten.

Hier liegt nun ein wunderschönes Buch über die Freundschaft eines zwölfjährigen Jungen zu einem Fuchs vor. Pax ist der Name des Tieres, welches schon früh aus einem Wurf toter Welpen gerettet wurde und bei Peter und seinem Vater aufwächst. Peters Mutter starb bei einem Autounfall. Peter lebt alleine mit seinem Vater. Als dieser in den Krieg ziehen muss, wird der Fuchs in der Wildnis ausgesetzt, da der Junge bei seinem Großvater leben soll. Doch schon kurz nachdem sie Pax an der Straße zurückgelassen haben, überkommen Peter tiefe Zweifel und ein großes Schuldgefühl.

Pax hatte es nie gelernt in der Wildnis zu überleben, niemand hat ihn gelehrt zu jagen und selbstständig zu sein. Immer waren da Peter und der volle Futternapf. Peter macht sich schließlich alleine auf die Suche nach Pax.

 

Auf dem Weg durch die Wildnis bricht sich Peter gleich den Mittelfuß und landet bei der Einsiedlerin Vola. Diese hilft ihm seinen Fuß zu versorgen und zeigt ihm, mit Krücken zu laufen. Sie selbst hat im Krieg ihren Unterschenkel verloren. Doch für ihre Hilfe stellt sie Peter drei Bedingungen. Der Junge steht vor einer schweren Bewährungsprobe. Kann er solange mit seiner Suche warten und es riskieren, dass Pax in der Wildnis umkommt? Will er alles tun um Pax zu finden?

„‚Und du ziehst das durch, ganz egal, wer dich davon abzuhalten versucht? Weil du weißt, dass es für dich richtig ist? Ganz tief in dir drin?‘ Vola schlug sich mit der Faust vor die Brust. ‚Tief hier drin?‘ Peter zögerte, denn die Frau – ob sie nun verrückt war oder nicht – hatte sich so angehört, als hinge das Schicksal der ganzen Welt davon ab, was er jetzt sagen würde. Doch als er schließlich sprach, war seine Antwort dieselbe, die er gegeben hätte, wenn er sofort damit herausgeplatzt wäre. Selbst wenn er sein Leben lang darüber hätte nachdenken können – sie wäre immer dieselbe gewesen. Er schlug sich vor die Brust und spürte, wie sein Herzmuskel einen Sprung machte. ‚Ja ganz ehrlich. Es gibt sonst nichts, was ich so sicher weiß, tief in mir drin.'“

Peter lernt, dass der schnellste Weg zu einem Ziel nicht immer der direkteste ist. Und Vola lehrt den Jungen das Ganze zu betrachten und nicht mit Scheuklappen auf sein Ziel loszulaufen. Der buddhistische Gedanke zwei und doch nicht zwei zu sein:

„‚Das ist ein Gedanke aus der buddhistischen Lehre. Dabei geht es um das Eins sein. Und darum, wie Dinge, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben, in Wirklichkeit sehr wohl in Verbindung stehen. Nichts existiert nämlich völlig getrennt von allem anderen.‘ Vola griff noch einmal nach Peters Fuchs. ‚Das hier, das sind auch die Wolken, die den Regen brachten und den Baum wässerten; die Vögel, die ihre Nester darin bauten; die Eichhörnchen, die sich von seinen Nüssen ernährten. Es ist das Essen, das meine Großeltern mir gaben und das mich stark genug machte, um den Baum Jahre später fällen zu können, und es ist der Stahl meiner Axt. Alles, was du über deinen Fuchs weißt, steckt hier drin, weil es dir ermöglicht hat, ihn zu schnitzen. Und auch die Geschichte, die du einmal deinen Kindern erzählen wirst, wenn du ihnen das hier schenkst. Lauter voneinander getrennte Dinge, und zugleich ein Ganzes. Untrennbar. Verstehst du?'“

In der Zwischenzeit berichtet Sara Pennypacker wie es dem Fuchs Pax in der Wildnis ergeht. Und hier ist das Besondere des Buches. Auf unglaublich empathische Weise versteht es die Autorin sich in die Tierwelt hinein zu versetzen. Tiere kommunizieren weniger mit Sprache, als mit Gesten, Gerüchen und Körperkontakt.  Und Füchse haben natürlich noch besondere Eigenarten. Den hoffentlich zahlreichen jungen Lesern wird diese tierische Welt sehr feinfühlig erzählt. Insgesamt besticht dieses Jugendbuch durch seine einfache für jüngere Leser geeignete Sprache, durch die Reduzierung der handelnden Personen und die Hauptorientierung auf Peter und Pax. So entsteht ein wunderbares Jugendbuch, das auch für Erwachsene geeignet ist.

„‚Und wenn ich mich verirre?‘ ‚Das wirst du nicht.‘ ‚ Ich glaube fast, ich hab mich schon verlaufen‘ sagte Peter leise. Vola streckte die Arme aus und nahm seinen Kopf fest zwischen beide Hände. ‚Nein. Du bist gefunden worden.'“

Neue Wege machen immer Angst, doch neue Wege führen zu Zielen, die Peter sich nie in seinem bisherigen Leben vorstellen konnte. Und so hat das Ende eine der berührendsten Szenen, die ich in einem Jugendbuch je gelesen hatte. Ein klares MUST READ für Kinder ab zehn Jahren.

 

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe: 16. März 2017
  • Verlag: Fischer
  • ISBN:  978-3-7373-5230-7
  • Hardcover: 304 Seiten
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