Amerikanischer Albtraum

In nicht allzu ferner Zukunft beginnt diese dystopische, sehr authentische Familiengeschichte, die gleichzeitig einen sehr kritischen, differenzierten Blick auf eine USA, die ihre besten Zeiten längst hinter sich hat, wirft.

Wir glauben wohl alle nicht mehr an rosige Zukunftsaussichten, anders kann ich mir die gehäuft vorkommenden Dystopien nicht mehr erklären. Trotz kognitiver Dissonanz, so ganz kann man die Augen nicht mehr verschliessen vor den zu bewältigenden Aufgaben und dem miesen Personal das uns zu deren Lösung in den westlichen Demokratien zur Verfügung steht. Von den nicht demokratischen Ländern ganz zu schweigen. Amerika ist hier der Vorreiter für den Westen. Nicht erst mit dem jetzigen Präsidenten begann der Niedergang der Vereinigten Staaten, die eine immense Schuldenlast angehäuft haben.

Die Mittelschicht schrumpft, Bildung ist teuer, der Raubbau an der Natur zeigt Folgen, wie auch der Klimawandel.

Lionel Shrivers „Amerikanische Familie“ ist nicht nur eine weitere Dystopie, die den Hype bedient, sie ist so nah an der Realität, dass die Leserschaft mit den unangenehmen Auswirkungen einer sich zersetzenden Gesellschaft direkt konfrontiert wird. Moral, Ethik, Zivilisation, Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe, was bleibt übrig, wenn es nur noch um das nackte Überleben geht. An den Mandibles kann man beobachten, wie der Niedergang voranschreitet. Nebenbei: Charaktereigenschaften, die zuvor unangenehm waren verstärken sich im Elend. Doch die Mandibles folgen der Maxime „Blut ist dicker als Wasser“. Besonders Avery, die Mutter des Jungen Willing, dessen Erwachsenwerden sich über den gesamten Roman erstreckt, handelt nach diesem Prinzip und es hilft. Lionel Shriver geht in dieser Familiengeschichte sehr einfühlsam mit den einzelnen Protagonisten um, sie wertet ihr Verhalten nicht. Das ist wohltuend, liest sich aber leicht distanziert.

2029 ist es der Mangel, der in Nordamerika verwaltet wird. Zumindest was die Mittelschicht betrifft. Es fehlt an vielem, der gewohnte Komfort der westlichen Industriestaaten steht immer weniger Menschen zur Verfügung. Spannend ist Shrivers Schilderung des Niedergangs, da die Auswirkungen der Krise direkt mit dem Leben der Familie Mandible verknüpft sind.

Die Geschichte beginnt bei Florence, die ihren 13 jährigen Sohn Willing, ihren Lebenspartner, sich selbst sowie Untermieter Kurt gerade so durchbringt. Essen ist sehr teuer, Wasserknappheit und ein mieser Job, der bei weitem nicht ihrer Ausbildung entspricht erschweren das Leben. Anders als ihre Schwester Avery die mit ihrem Professorengatten Lowell und den Kindern Bing, Goog und Savannah gutgesettled alle Annehmlichkeiten, die die USA den Bessergestellten bietet, genießt.

Die Form, die die Autorin gewählt hat, den wirtschaftlichen Niedergang der USA darzustellen, ist einprägsam. Alle Leser können ihn nachvollziehen, egal ob sie wie Florence Mandible im Prekariat oder, wie ihre Schwester Avery mit ihrer Familie, gutsituiert leben.  Doch es trifft auch die großen Vermögen. Jene, die sich aufgrund ihres Kapitals immer auf der sicheren Seite wähnten. So auch den Patriarchen der Familie,  Großvater Mandible, dessen riesiges Vermögen im Hintergrund seine Töchter und Enkelkinder immer in Sicherheit wiegte.

Schaut man sich die Verschuldung der USA an, ist das von Shriver entworfene Szenario sehr realistisch. Und so kann man diesen Familienroman durchaus auch auf andere Industriestaaten übertragen. Die Versprechen, die die Staaten, Politiker und Regierungen ihren Bürgern und Wählern machen sind nicht mehr einzuhalten. Wohlstand und Sicherheit, Schutz des Privaten, funktionierende Infrastruktur, all das ist nicht so selbstverständlich wie von den Bürgern angenommen. Ein derartiges Szenario kann durchaus auch die Bessergestellten und die Superreichen treffen.

Eine Folge dessen, dass niemand sich im Neoliberalismus mehr darum kümmerte, dass es den vielen gutgeht, sondern einige wenige das vorhandene Vermögen unter sich verteilten. Freiheit ist nicht nur die Freiheit der Andersdenkenden sondern ganz allgemein auch die der Anderen ein gutes Leben in relativer wirtschaftlicher Sicherheit zu führen.

„Its the economy stupid!“

Lionel Shriver hat mit „Eine amerikanische Familie“ einen Weckruf geschrieben, der in seiner Komplexität weit über die Grenzen Nordamerikas reicht und trotz des nicht gerade amüsanten Themas spannend und empfehlenswert ist, auch für Menschen die mit Dystopien sonst nichts anzufangen wissen. Mir fehlte ein wenig die Poesie, die zugunsten des realitätsnahen Erzählstils nur sachte und kaum fassbar vorhanden war. Doch das ist Geschmacksache und weder der Autorin, die ich bis dato noch nicht kannte, noch dem Roman anzulasten.

 

 

Buchdetails

  • Erscheinungsdatum Erstausgabe : Januar 2018
  • Verlag : Piper
  • ISBN: 9783492058216
  • Fester Einband 496 Seiten
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5 Gedanken zu “Amerikanischer Albtraum

  1. Bisher noch nicht gelesen, weiß aber, um was es geht. Ich glaube, dass dieses Thema auch einmal in der Sendung Quarks und Co durchgenommen wurde.
    Steht jedenfalls noch in meiner Liste der zu lesenden Bücher.

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  2. Dann gefiel dir sicher auch Elsbergs „Blackout“. Der hat mich bewogen immer einen Notvorrat Wasser und Food zu horten. Beängstigend.

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  3. Ich werde es demnächst beginnen, da es von der Thematik her Jürgen Bauers Roman „Ein guter Mebsxh“ sehr ähnelt und ich solche Szenarien, nah an unsere Zeit gesetzt, als spannend und erschreckend realistisch zugleich empfinde.

    Nach dieser Besprechung freue ich mich noch mehr auf das Buch.

    Gefällt 1 Person

  4. Es ist sicher kein Jugendbuch, liest sich sehr erwachsen. Wie beschrieben sehr realistisch und da man unbedingt wissen möchte wie es weitergeht auch flott weg.
    Sehr gerne. 🙂

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