Heimkehr

„Ich bin zu den zerfallenden Wolken und dem tiefen Himmel zurückgekehrt, zu den Elementen, die mich geprägt haben. Ich will herausfinden, ob diese Kräfte mich wie Schluss-Steine festhalten und das Zucken beenden können.“

Die Orkney Inselgruppe verfügt über vielerlei Einrichtungen des täglichen Lebens, natürlich auch ein Krankenhaus. Dort wird Amy Liptrot geboren. Dort erleidet ihr Vater aufgrund der drei Wochen zu früh erfolgten Geburt seiner Tochter einen manischen Anfall und wird in eine Zwangsjacke gesteckt und sediert. Gerade in dieser Welt und damit auf der abgelegenen schottischen Inselgruppe angekommen, trifft Amy ihren Vater das erste Mal auf dem Rollfeld des kleinen Flugplatzes der Insel. Dort wird sie dem Vater, der aufgrund einer fehlenden, inseleigenen psychiatrischen Anstalt per Hubschrauber auf das Festland geflogen werden soll, kurz in die Arme gelegt. Während Amy auf den Inseln ankommt, wird ihr Vater von dort ausgeflogen.

Amys Eltern stammen nicht von den Orkneys, sondern sind Engländer, die sich auf der Inselgruppe niedergelassen haben, weil sie sich für ein ländliches Leben entschieden hatten. Die Farm, auf der Amy aufwächst, bereitet viel Arbeit und als Teenager möchte Amy nur eines: weg. Weg aus der Provinz, weg von der Familie, die ihre Probleme hat, mit der bipolaren Störung des Vaters zu Rande zu kommen, weg von der Langeweile, die sie immer wieder ergreift und vor allem hin zu einem lebendigen Leben. Und so ist ihr Weggang nach dem Schulabschluss nur logisch. Sie zieht nach London, dorthin wo das Leben boomt.

Doch auch in London ist nicht alles einfach, auch wenn es bei den spontanen Picknicks mit anderen jungen Leuten im Park, so erscheint. Immer mit dabei: Alkohol. Denn er scheint es zu sein, der die aufregenden Dinge im Leben möglich macht. Nicht das Leben selbst kann die immer im Hintergrund harrende Langeweile auslöschen. Was als gesellschaftlich anerkanntes Gemeinschaftserlebnis beginnt, driftet bald ab in einsame Trinkerei. Und damit direkt in eine verheerende, mehrere Jahre andauernde Sucht, die Liptrot distanziert – objektiv und völlig ungeschönt beschreibt. Sie erkennt selbst, dass ihre Art, Alkohol zu trinken nicht mehr einem „ungefährlichen“ Muster entspricht, als sie von Parties weggeht, weil die dort Anwesenden zu langsam trinken. Gleichzeitig versucht sie aber nach wie vor ihr alltägliches Leben, eine Beziehung, ihren Job am laufen zu halten. Was natürlich auf Dauer nicht gelingen kann.

Solche Beschreibungen kennt man sonst nur von Männern. One-Man-Parties, die regelmäßig mit einem Blackout enden, davon habe ich schon häufiger gehört oder gelesen. Ich selbst kannte bisher keinen so freimütigen, mutigen und offenen Bericht einer Frau über ihre Alkoholsucht, der klar macht, dass ihre Sucht nicht unmittelbar aus den äußeren Umständen entstand, sondern durch eine innere Unrast. Diese innere Unrast jedoch geht nicht weg. Nicht mit, aber auch nicht ohne Alkohol und so verlaufen die immer wieder gestarteten Versuche, von dieser zerstörerischen Sucht loszukommen, im Sande. Schlussendlich hilft nur eine Therapie, die Liptrot erfolgreich beendet. Die Beschreibungen, was mit ihr und den anderen Teilnehmern dieser Therapie passiert sind harte Kost und schwer zu verdauen. Viele der Mitteilnehmer schaffen es nicht und wenn doch, was kommt danach? Eine Sucht zu besiegen heißt, immer auf der Hut zu sein. Den Rest des Lebens. Das macht Liptrot klar. Wie sie das tut, ist bewundernswert. Nie hat man das Gefühl, hier ist jemand, der Ausflüchte oder Gründe sucht für sein damaliges Verhalten. Dennoch weiß ich nicht, wie Betroffene selbst solch einen schonungslosen Bericht aufnehmen.

Neben dem Kampf gegen die Sucht tritt nach und nach aber etwas anderes in den Vordergrund des Memoires, denn Liptrot kehrt nach erfolgtem Entzug zurück auf die Orkneys. Einsteils, um gewohnten Situationen und Orten zu entfliehen, die sie in die Sucht zurückwerfen könnten, andererseits weil sie keinen Job hat. Sie beginnt, trotz des Gefühls des Festsitzens, die Natur der Inseln mit anderen Augen zu sehen und immer, wenn die negativen Gedanken und der Wunsch, Alkohol zu trinken, drohen überhand zu nehmen und damit alles bisher Erreichte wieder zu zerstören, geht sie schwimmen. In der eiskalten See.

„Ich will den Frust darüber wegfegen, dass ich auf dieser Insel festsitze und nicht mehr über das Ventil verfüge, mich betrinken zu können.“

Aber auch das Gefühl, festzusitzen ändert sich. Die Landschaft tut das ihre dazu und Liptrot schafft mit ihrem Memoire etwas ganz besonderes: Sie kombiniert ihre Biographie, die vielen Menschen, die mit Sucht ein Problem haben, zeigen kann, dass es zwar nicht einfach aber doch zu schaffen ist, von der Sucht loszukommen mit einer Art Landschaftsbeschreibung, die ihresgleichen sucht. Ein Text, der für mich keinem Genre eindeutig zuzuordnen ist, aber gerade deshalb eine große Wucht entfaltet. Nicht umsonst wurde Nachtlichter bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

Letztendlich war die Entscheidung, zu ihren Wurzeln zurückzukehren, die richtige. Denn die Kräfte der Elemente haben es tatsächlich vermocht, Amy Liptrot wieder Boden unter den Füßen zu verschaffen.

Wer sich über Amy Liptrot, das Buch und über dessen Entstehung weitergehend informieren möchte, dem sei dieses Interview empfohlen. Eine weitere, sehr fundierte und schöne Besprechung findet sich auf Zeichen & Zeiten

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe: 09. Oktober 2017
  • Verlag: btb
  • ISBN: 978-3-442-75733-6
  • Gebunden, 352 Seiten

 

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6 Gedanken zu “Heimkehr

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