Berliner Stadtblatt Nr. 3

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JohnQube auf pixabay

Zwei Kieze nördlicher

Walter schielte. Nicht nur Morgens, wenn er stocksteif die Augen aufschlug, sondern auch Abends, wenn er sie schloss. Und dazwischen hielt sich der schiele Blick hartnäckig. Dennoch fand er seine Sachen und wußte genau, in welcher abgewetzten Tüte welches Stück Eigentum hauste.

Den Wagen hatte er auf halber Höhe eines Bahndamms aus dickem Gesträuch befreit und ihn händisch wieder bis hinauf zum Bürgersteig gezogen. War sicherlich schon fünf Jahre her. Wenn es sowas überhaupt noch gab. Jahre. Walter war sich nicht sicher.

Immerhin bot der Einkaufswagen genügend Platz und seine Rollen und seine Lager liefen nach all den vernachlässigten Jahren noch wie geschmiert. Wahrscheinlich eine robuste limited edition Ausgabe aus einer der letzten Eröffnungspräsentationen von plus, bevor diese sympathische Kette samt der drolligen kleinen Preise verkaufterweise verschwand. Und mit ihr sein Leben.

Sein neues Leben war anders gewesen. Hart, unvorhersehbar und viel zu oft zu kalt und zugig. Einsam war er auch schon davor. Das war nicht neu.

Übergewichtige Männer mit Brille und auffallend ausfallendem Haupthaar stehen nun einmal nicht hoch im Kurs. Das würde sich aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht ändern. Also konnte er dahingehend gleich Penner bleiben.

Sein Revier zog sich durch die ganze Innenstadt. Mal hier hin. Dann dort hin. Doch ein Zelt, wie viele seiner Leidensgenossen, besaß er nicht. Festivals mit ihren reichhaltigen Hinterlassenschaften blieben für ihn unerreichbar. Doch hatte er davon gehört. Seinen Schlafsack hatte er allerdings über eine Kleiderausgabe erhalten. Er warf einen prüfenden Blick auf das abgewetzte Stück in Rot. Waschen sollte er den auch mal wieder. So krustig steif, daß man ihn beinahe schon an den breiten Brückenpfeiler anlehnen konnte.

Das war nicht gut.

Denn mit Schmutz und einem zu starkem Maß an Verwahrlosung im Gepäck konnte man lange vergeblich nach seiner Würde Ausschau halten. Ob das nun am Geruch lag oder was, wußte er nicht zu sagen.

Also: Kleingeld auftreiben, Waschsalon aufsuchen und auf der Wartebank dann auf die Rückkehr seiner Restwürde warten. Dazu vielleicht etwas zu lesen. Das wäre schön.

Walter lugte in eine alte Aldi – Nord – Tüte im Wagen und besah sich mißmutig seine drei bemitleidenswert schmuddeligen Taschenbücher. Als ob es keine anderen auf der Welt gäbe.

So bescheiden seine Bibliothek aber auch war, so vollführte sie doch große, beinahe schon gewagte Sprünge, die von Wolfgang Hohlbeins Das Druidentor über Hermann Hesses Klein und Wagner bis hin zu Carlos Wiggens Das dunkle Schiff führten.

Walter sehnte sich nach dem Meer. Nach Küsten, Möwen und Wind. Der weite Blick. Diese herrliche Ferne. Einmal hatte er eine Fahrt an die Nordsee gebucht. Doch hatte er zu seiner Entäuschung feststellen müssen, daß er mit Mitte Vierzig der mit Abstand jüngste Teilnehmer gewesen war. Danach war er nicht mehr fortgefahren. Die Dinge hatten sich alsbald nach seiner Rückkehr überschlagen und ehe er sich versehen hatte, war in der Regel ein Brückenbogen morgens das Erste, was er erblickte.

Das Meer aber hatte er seitdem nicht mehr vergessen können. Die meiste Zeit war er auf dem Deich gestanden und hatte einfach nur geschaut, während der Rest der Reisegesellschaft vor allem inhäusig verkehrte. Ein kleiner Wattspaziergang pro Tag. Dann bummeln und Schifffahrt und schnell wieder rein. – einfach nur lachhaft! Walter lachte wie zur Bestätigung laut auf und schüttelte mitleidig den Kopf.

Ob er es allerdings in diesem Leben noch würde bewerkstelligen können, das wunderbare Meer nochmals zu erblicken, war mehr als fraglich.

Immerhin brauchte er jeden Cent, um nicht langsam vor die Hunde zu gehen. Und selbst wenn er es schaffen sollte, immer schön was zur Seite zu legen. Wie sollte er denn sicherstellen, daß seine Ersparnisse nicht von so ’ner Kanaille geklaut würden? So oder so bestand nicht viel Aussicht auf Erholung am Meer.

Vielleicht gab es ja so etwas, wie ein Penner – Erholungsprogramm oder so eine Art Austauschprogramm für Wohnungslose, kam ihm der Gedanke. So könnten immerhin Penner vom Land mal Stadtluft schnuppern und er käme hier endlich weg. Natürlich käme er dann nicht mehr zurück. So doof mußte man erst einmal sein.

Er lachte wieder laut auf und schüttelte klar verneinend den Kopf.

Walter käme schon durch. So viel war man sicher. Bis hier hatte er es schließlich auch geschafft. Also warum nicht auch noch bis ans Meer? Und wer wußte schon? Vielleicht ja sogar noch ein Stückchen weiter. Auf ’nem Schiff.

Aber einen Schritt nach dem anderen. Zuerst der Schlafsack. Wenn ich mit so einem dreckigen Ding da auftauchte, dann schicken die mich doch gleich wieder zurück. Also Geld muß her. Für ’nen Becher Kaffee und ’nen Waschmaschinendurchlauf.

Na, dann mal los, Walter. Pack den Wagen voll und ab damit auf die Überholspur! Feixend bereitete er seinen Aufbruch vor. Und wenn ihn jemand fragte, wo er denn waschen wolle, würde er antworten. „Ick wasch‘ meine Sachen nur in Schöneberch. Denn da wissen se noch mit solch feinem Linnen umzujehen.“

Also wird er wohl von Norden her gekommen sein. Über die Urania rüber zur Martin – Luther hin.

Mehr weiß ich aber auch nicht.

 

weitere Texte, Projekte von Geruede sind auf seinem Blog zu finden: https://geruede.wordpress.com

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