Stadtblatt Nr. 2

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JamesQube auf pixabay

Nachmittags zwei Ecken weiter

Nachdem er bei Kalle gewesen war, sah er wieder klar.

Also marschierte er selbstbewußt drauf los; hatte ja noch Einiges auf dem Schirm. Das würde nun alles kein Problem mehr sein. Er liebte es, Dinge auf diese Weise anzugehen. Machte alles entschieden einfacher. Eine Frage der Perspektive. Das war alles. Und seine war nun wieder zurechtgerückt.

Also nahm er die Bahn Richtung Alex. Stand aufrecht, während er Geringschätzung versprühte.

Was wußten die denn schon?
– Und Gehirnfrequenzen lassen sich doch manipulieren! – – Ich brauch jetzt dringend ’nen Döner! – – Boah! Ist die Alte scharf! – – Wo zum Henker bin ich hier? – – Esta no playa! – – Ich mach mit dem Wichser Schluß! – – Muß noch einkaufen! – – Was’n Idiot! – – Kein Job weit und breit. Nur Scheiße! –
schoss es ihm mit unterschiedlichen Stimmen durch den Kopf. Er wußte alles. Nichts, was er jetzt nicht durchschaute. Er war wie Holmes. Hammer, wie sich das anfühlte. Er wuchs noch ein kleines Stück und blickte hinüber zum anderen Wagenende, wie vor einem Spiegel posierend und die Geltung eines Probestücks begutachtend.

Er wurde dabei auch nicht groß beachtet. Nur hin und wieder lugte der Eine oder die Andere zu ihm, ohne aber den Blick lange zu halten. Wer wußte schon, wie der reagieren würde. Alles war denkbar. Nur ein paar Kiffer schüttelten indigniert die Köpfe.

Irgendwann stiegen sie dann zu. Zwei Uruk-Hai und ein Höhlentroll. Schnell waren sie auch bei ihm. Sie waren auf Fahrkarten aus. Was war bloß aus ihnen geworden? Er fand das komisch und sagte ihnen das auch. Da wollten sie mit ihm aussteigen. Doch das lehnte er kategorisch ab. Er sei noch nicht dort, wo er hinmüsse. Außerdem sei er ein Gott und damit sollten sie endlich mal klarkommen.

Da waren sie baff und staunten und schauten, während einer nach seinem kartenlesenden, Personaldaten aufnehmenden und Quittungen ausspuckenden Handcomputer griff. Eine Geste, die der entrückte Gott mißbilligend falsch verstand und daraufhin seinen göttlichen Finger drohend erhob.

Er solle das mal schön bleiben lassen, wenn er nicht arg in Mitleidenschaft gezogen werden wollte. Der Andere verstand kein Wort und forderte die Herausgabe des Personalausweises. Das wiederum verstand Gott nicht und sah das auch überhaupt nicht ein. Mehr noch fühlte er sich bedrängt und überhaupt unwürdig behandelt. Primitve! Doch hatte er für Derlei überhaupt keine Zeit und er war jetzt auch angekommen.

Also stieg man einvernehmlich aus, der Hoffnung anhängend, daß die Vernunft nun von ihrem Bummel zurück sei und die Dinge wieder in geordneten Bahnen ablaufen würden. Da spurtete Gott unversehens los. Gerade hatte er noch nach seinem Portemonnaie gegriffen, da war ihm der Blitz in die Beine gefahren und ließ ihn fortschnellen. Mit wenigen Sätzen war er schon die Treppe hoch und auf der Zwischenebene angelangt, die sich lang hinzieht. Allerlei Aufgänge bietend. Gott war nicht beizukommen. Nicht jetzt, da sein Treibstoff zündete.

Der Höhlentroll hatte nur geschaut. Zu langsam, um auch nur einen Arm in seine Richtung auszustrecken. Doch die Uruk-Hai fanden Motivation in einer Merkwürdigkeit, die sie Bonus nannten und gaben nicht so schnell auf. Zumal ihnen das elektrische Licht nichts anzuhaben schien. Doch als die beiden endlich den richtigen Aufgang hinaufgehechelt kamen, saß Gott bereits in einer fortfahrenden Tram und schaute und staunte.

Da zürnten die Uruk-Hai und riefen in ihrer ohnmächtigen Wut ihren Gott Namens „Scheiße“ an. Und riefen und riefen immerzu. Der aber blieb stumm und ordnete die Berliner Hundehaufen neu. Allerdings konnte Niemand die Zeichen lesen noch deuten und man kehrte einfach weiterhin alles weg. Sehr zu seinem Grimm.

Doch das alles entging Gott, denn er schaute ein Wunder der Schöpfung. Eine Göttin, die seiner würdig schien. Das spürte er ganz stark. In seiner Hose. Oh ja! Der kleine Gott fing Feuer.

Also trat er zu ihr. Verfiel in einen Lobgesang ihre Schönheit betreffend und fing an, sich auszuziehen. Die Lunte stand nun vollends, denn sie hatte gezündet. Da griff sie kurzerhand in ihren Rucksack. Denn er schien sie überhaupt nicht zu hören, wie sie ihn so schroff zurückwies.

Er ging barhäutig vor ihr auf die Knie und bat um Erlösung. Für sich und seine Lunte. Da endlich fühlte sie ihn und packte zu. Und heraus zog sie ihren handlichen Elektroschocker und drückte ihn Gott auf die Brust. Dann erst schloss sie den Stromkreis.

Gott schrie auf, kipppte nach hinten um und zuckte auf dem Rücken liegend umher. Eine Fußhupe kläffte wild los. Gott bekam die Kreatur zu fassen und das Tier machte quietschend einen Satz auf Frauchens Schoß. Landete als aufgeplusterte Fellkugel.

Da erlangte er wieder Kontrolle über seinen Körper und kam unsicher zurück auf die Beine. Nun ebenfalls den Gott Namens „Scheiße“ anrufend. Oh, wie machte ihn das wütend. Er gab alles hin, um erhört zu werden und sie quatschte was von Belästigung? Das würde sie noch bereuen. Gleich hier. Gleich jetzt. Also ging er auf sie zu. Die Arme vor sich haltend. Einem Ringer nicht unähnlich.

Sie schrie ihn an. Das erkannte er. Nur hören konnte er nichts. Da war nur ein Rauschen in seinem Kopf. Ab und an zuckte es auch grell durchs Bild, das er, wie von weiter her, sah. Er war jetzt fast bei ihr und sie verpasste ihm eine weitere Spannungsladung. Gott torkelte mumiengleich rückwärts in Richtung einer offenstehenden Tür, kippte schließlich hinaus und schlug der Länge nach hin. Die Tür schloss sich. Und die Bahn fuhr an.

Niemand, der dabei gewesen war, hätte Gott wiedererkannt, als er vielleicht drei/vier Monate später so dreckig und abgewetzt, mit langem zerzaustem Haar und allerlei Bartflusen die Reihen irgendeiner Bahn abging, ein Straßenmagazin feilbietend. Man kannte ihn dann auch schon. Galt als harmloser Spinner, der nach seiner Göttin suchte, die er in einer Bahn verloren haben wollte. In seinen wachen Momenten vertrieb er das Blättchen oder sammelte Flaschen. Doch auch dann konnte er sich nicht erinnern, wo er seine Göttin verloren hatte. Ob in Neukölln, Pankow, Charlottenburg oder sonst wo. Aber irgendwann mußte er sie einfach wiederfinden. Und wenn er alle Züge jeden Tag rund um die Uhr ablaufen müsste und das für die nächsten zehn Jahr‘.

Allerdings konnte er nicht mehr genau sagen, wie sie ausgesehen hatte. Nur, daß sie unirdisch schön und in pink unterwegs gewesen war. Mit schwarzem langem Haar. Einfach perfekt. Doch er hatte es vergeigt, war gestolpert und aus der Bahn gestürzt. Hatte sich den Kopf angeschlagen. Das hatten sie ihm gesagt. Die Weißen in ihren weißen Räumen. Hatten sich Zeit für ihn genommen und alles festgestellt.

Später hatten sie ihm mitgeteilt, daß bei ihm im Kopf irgendwas nicht mehr richtig sei. Sagten, ihm blieben vielleicht noch zwei Jahre.
„Zwei Jahre als Gott! Das sollte doch reichen.“, hatte er entgegnet.
Da hatten sie gelacht und einer hat ihm sogar auf die Schulter geklopft.
Dann hatte er gehen dürfen.
Nur wohin, das hatten sie ihm nicht sagen können.

So setzte er sich wohl erst einmal auf eine Bank, um seine hin- und herwogenden Gedanken zu ordnen. Irgendwann bekam er Hunger, nur um teilnahmslos zur Kenntnis zu nehmen, daß er offenbar vollkommen mittellos war. Da fragte er kurzerhand vorbeikommende Menschen.

Jemand gab ihm wohl den Tipp mit den Obdachlosenmagazinen.

Mehr weiß ich allerdings auch nicht.

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