Kopflastig

047_2352_172776_xxlManesse hat eine ganz besonders bibliophile Ausgabe verschiedener später Henry James-Titel herausgebracht, zu denen auch „Die Kostbarkeiten von Poynton“ gehört. Jedem Buchliebhaber geht da alleine schon vom Anlick des äußeren Erscheinungsbildes das Herz auf: in Leinen gebunden, mit schickem, edlem Schutzumschlag, silbergrauem Lesebändchen und – tataaa! – einem Farbschnitt in grün (oder soll das gold suggerieren?). Geschmackvoller kann man ein Hardcover-Buch kaum gestalten – es ist schon eine Besonderheit!

Der Augenschmaus lud mich ein, den mir bis dato fremden Henry James kennenzulernen. Mich sprach auch das Thema an: Intrigen und Chaos im edlen Landsitz einer verwitweten Lady des 19. Jahrhunderts. Das klang ein bisschen wie „Downton Abbey“ als Buch. Großartig!

Die weiblichen Figuren dieses Gesellschaftsromans sind allesamt deutlich stärker als der sehr blass wirkende männliche Protagonist Owen. Er ist zwar das Zentrum der Turbulenzen und Verwirrungen, doch die eigentliche Strippenzieherin in der Geschichte ist seine Mutter, die Witwe Adela Gereth. Zumindest sieht sie selbst sich gerne so. Die scharfzüngige, temperamentvolle Lady ist erschüttert, was für ein tumbes weibliches Wesen Owen ihr als mögliche Hochzeitskandidatin präsentiert. Absolut unfassbar ist für sie vor allem, wie wenig dieser jungen Frau namens Mona Brigstock die edlen, kostbaren Einrichtungsgegenstände bedeuten, die sie, Adela, Zeit ihres Lebens gesammelt hat, um Poynton Park zu dem zu machen, was es nun ist: eine kostbare Perle!

Deutlich lieber wäre ihr da als Schwiegertochter Fleda Vetch, die zwar mittellos, dafür aber umso tugendhafter und vor allem gebildeter ist.

Adelas drängendstes Problem aber ist, dass ihr Sohn nicht nur eine völlig unpassende Verlobte anschleppt, sondern im selben Zug auch noch sie aus dem großen Landsitz auszuquartieren und in einen gar nicht standesgemäßen Witwensitz abzuschieben gedenkt. Das Recht hat er dabei ungeschickterweise auch noch auf seiner Seite und so muss sie zähnekirschend eines Tages auch wirklich die Segel streichen. Nicht jedoch auf kleinlaute Weise. Statt der paar Gegenstände, die ihr Sohn ihr zugesteht, nimmt sie fast das komplette Inventar ihres Landsitzes mit.

Die unglückliche Seele, die zwischen alle Fronten gerät, ist, man ahnt es schon, die intelligente, aber viel zu moralische Fleda Vetch. Sie ist eisern bemüht, zwischen Adela Gereth und Owen Gereth, in den sie sich mittlerweile Hals über Kopf verliebt hat, zu vermitteln. Auch Owen entwickelt Gefühle für Fleda, doch Fledas moralische Ansprüche an sich und ihre Umwelt erlauben ihr nicht so einfach, ihren Gefühlen nachzugeben und so steht sie sich die ganze Zeit vor allem sehr selbst im Wege …

Henry James‘ Roman beruht hauptsächlich auf wunderbaren Charakterstudien, herrlich konzipierten Irrungen und Wirrungen und der Freude an pointierten verbalen Giftspritzen.

Dennoch habe ich nur halbherzig dem gesamten Roman folgen können, da mir zu wenig Handlung, zu wenig Aktion vorhanden waren und zu viel Betonung auf den Dialogen lag. Das hat mich ganz persönlich sehr schnell ermüdet und so musste ich das Buch in mehr kleinen Häppchen lesen, als geplant.

Dennoch ein Gesamtkunstwerk, da sowohl Sprache/Übersetzung als auch Gestaltung des Buches wunderbar im Einklang miteinander sind und somit den Kenner der amerikanischen Literatur des späten 19. Jahrhunderts sehr erfreuen werden!

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe: 26. Juni 2017
  • Verlag: Manesse
  • ISBN: 978-3-7175-2352-9
  • Gebunden, Leinen mit Schutzumschlag und Lesebändchen sowie Farbschnitt: 288 Seiten
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