Freude! Freude!

Beethoven von Martin GeckIch muss gleich mit einem Bekenntnis starten, denn ehrlich währt ja bekanntlich am längsten … Ich habe nicht das ganze „Beethoven“-Buch gelesen. Aber, die gute Nachricht ist: Muss ich auch gar nicht. Ich habe quasi die Lizenz zum punktuellen Lesen bekommen. Direkt vom Autor:

„Genauigkeit kann jedoch ganz unterschiedlichen Vorhaben zugutekommen: einer vielbändigen, detailverliebten Lebensbeschreibung, einer Sammlung eingehender Werkanalysen oder einer umfänglichen Darstellung der Rezeptions- und Wirkungsgeschichte. Doch wer schreibt noch solche „erschöpfenden“ Bücher – und wer liest sie? Besser gleich ein ganzes Universum – mit dem Mut zur Lücke. Da kann man sich – trotz planvoller Kapitelanordnung – an beliebiger Stelle einlesen: Weil in einem Universum alles mit allem zusammenhängt, wäre es von vorneherein hoffnungslos, die Erscheinung Beethoven entlang eines geradlinigen Zeitstrahls erfassen zu wollen.“

An beliebiger Stelle loslegen zu dürfen, fand ich großartig! Denn: 512 Seiten sind eine echte Herausforderung. Und Martin Geck schreibt ja keine seichte Lektüre, sondern ein anspruchsvolles Sachbuch auf hohem Niveau. Wenn ich das linear und zwanghaft von vorne bis hinten hätte abarbeiten müssen, hätte ich kapituliert. Doch so habe ich mir erstmal den Aufbau des Buches angeschaut und sorgfältig mein persönliches erstes Kapitel ausgewählt.

Martin Geck hat das Buch anhand von Schlagwörtern unterteilt und diese dann nochmals gegliedert durch berühmte Persönlichkeiten, die Geck mit den Schlagwörtern  in Verbindung setzt. Zum Teil werden Menschen behandelt, die sich zu Lebzeiten auf bestimmte Weise über Beethoven geäußert haben. Zum Teil sind es aber auch Menschen, die vor Beethovens Zeit lebten und über die Beethoven sich geäußert hatte bzw. mit denen Beethoven verglichen wurde.

Es gibt beispielsweise die Themeneinheit „Virtuoses Klavierspiel im Zeichen Beethovens“ mit den Unterkapiteln Clara Schumann, Artur Schnabel und Elly Ney. Oder „Transzendenz“ mit den Untergliederungen Friedrich Hölderlin, Caspar David Friedrich, Paul Nizon. Ich habe mich auf das Motto „Phantastik“ gestürzt, denn dort tummelt sich mein Favorit unter den schriftstellerischen Klassikern, William Shakespeare, neben Robert Schumann und Jean Paul.

Und so taucht man ein, in das Beethoven-Universum. Aufgeteilt in kleine Häppchen, die man sich, einem Betthupferl ähnlich, zurechtlegen kann. Im Shakespeare-Kapitel erfährt man, dass Beethoven tatsächlich eine Frage seines Sekretärs nach der Inspiration zu zwei Sonaten (op. 31,2 und op. 57) mit dem Satz beantwortet haben soll: „Lesen Sie nur Shakespeare’s Sturm.“ Offensichtlich hatte Beethoven des öfteren gewisse Sachverhalte oder Dinge im Kopf, wenn er komponierte, sprich: Er holte sich Gedankenanstöße durch Werke anderer Genies, um seiner musikalischen Ausdrucksweise und seiner Fantasie neues Futter zu geben.

Man darf den Komponisten nicht losgelöst von seiner Zeit und seinem Weltbild betrachten, sondern muss ihn eingebettet in seine Epoche, seine Denkweise und die seiner Zeitgenossen untersuchen. Zu Beethovens Lebzeiten sagte beispielsweise Jean Paul: „Der echte Zauberer und Meister des romantischen Geisterreiches bleibt Shakespeare.“ Wie naheliegend ist also die Vorstellung, dass auch ein so Großer wie Beethoven sich hat beeindrucken lassen von einem Gleichrangigen!

Bis in die heutige Zeit gibt es Vergleiche zwischen Shakespeare und Beethoven. Man sucht nach Vergleichen, um das Unfassbare greifbarer zu machen. So sagte auch Yehudi Menuhin: „Bei Beethoven ist wie bei Shakespeare das Gedankliche so vollkommen formuliert, daß es sich nicht einfacher, klarer, prägnanter oder schöner ausdrücken ließe.“

Geck erschafft mit seinem Buch eine Welt innerhalb der Welt. Ein Universum, in dem sich alles um den Fixpunkt Ludwig van Beethoven dreht. Wer bezog sich wann wie auf ihn. Wie äußerte er sich über andere? In welchem Lichte sah ihn seine eigene Epoche?

Ein Buch, das sich an den Beethoven-Kenner richtet, denjenigen, der schon ein großes Vorwissen mitbringt und sich nicht mehr um Nebensächlichkeiten wie den Lebenslauf des Großmeisters kümmern muss. Wer sich hier festliest, ist kein Beethoven-Frischling, dazu wird zu viel vorausgesetzt. Es vermittelt wunderbare Einblicke in die Meinung anderer über den Komponisten (spannend auch das Kapitel über den erklärten Wagnerianer Thomas Mann, der erstaunlicherweise mit dem Finale aus Beethovens Neunter (die Ode an die Freude) nur recht wenig anfangen konnte), verlangt seinem Leser aber ein hohes Maß an Bereitwilligkeit ab, sich anzustrengen und sich zu konzentrieren.

Kein Buch, in das man eben mal so nebenbei hineinschmökern könnte, sondern eine Lektüre, die einen fordert – mich, um ehrlich zu bleiben, oft auch überfordert. Großer Vorteil: Die Möglichkeit, dass man einzelne Kapitel je nach Gusto losgelöst voneinander lesen kann. Durch ihre Eigenständigkeit erlauben es die Kapitel auch, das Buch nicht in einer Lektüresitzung durchzuarbeiten. Denkbar ist, dieses Buch als Begleiter über lange Zeit auf seinem Lesetischchen liegen zu haben und immer wieder danach zu greifen, ein Kapitel zu lesen, vielleicht auch mal zwei, um dann wieder zu pausieren, das Erfahrene sacken zu lassen.

Im Hinblick auf das nahende Weihnachtsfest gebe ich den Tipp: Das ideale Geschenk für den intellektuellen Schwiegervater/die intellektuelle Schwiegermutter, den Musikfreak, den ausgewiesenen Beethoven-Liebhaber.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe: 22. September 2017
  • Verlag: Siedler Verlag
  • ISBN: 978-3-8275-0086-1
  • Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen: 512 Seiten

 

Alle Zitate sind dem Buch „Beethoven“ von Martin Geck entnommen.

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