Da beutelt nix, aber viel Schönes dabei…

Kein Känguru, dafür noch eine Dystopie? Ich bin Beuteltierliebhaberin der ersten Stunde: Das kommunistische Känguru war Urlaubsbegleiter auf langen Fahrten, Launeaufheller ohne (unerwünschte) Nebenwirkungen und Anlass für viele gute Gespräche mit den begeisterten Söhnen – die bis heute etliche Zitate zu gegebenem Anlass freudig absondern –  und nicht zuletzt auch politische Meinungsbildung für sie. Wie sehr das Känguru die kids beeinflusst hat, fiel mir auf, als der Älteste meiner beiden zum ersten Mal wählen durfte. Das Thema Wahlschein, das ja nur den Schein einer Wahl lässt und das Wählen daher nur eine Scheinwahl und somit per se unnötig ist war schwer zu entkräften, zumal diese Argumentation doch etliches für sich hat und die elterlichen Verweise auf das hohe Gut der Demokratie, das es zu erhalten und zu schützen gibt, die Rückblicke auf die Anfänge der Demokratie und die (Menschen) Opfer die dafür erbracht worden sind und letztendlich erste Bürgerpflicht blabla etcetera nicht wirklich griffen. Einzig das Argument, dass nicht wählen den Populisten eine weitere Stimme gibt – und somit Steuergelder an Rechte – konnte ein wenig überzeugen.

Hoch anzurechnen ist dem Autor, dass er nicht auf der Erfolgswelle weitergeschrieben hat, der Trilogie noch ein Sequel oder Prequel anhängte, sondern neue Charaktere in einer nicht allzu fern scheinenden Zukunft entwarf. Die Kreativität scheint stark in ihm, genau wie der Wille politisch subversiv aktiv zu bleiben.

Ein Zitat aus einem Science Fiction von Peter F. Hamilton, den ich gerade lese, gibt den momentanen Zustand unserer heutigen Gesellschaftsform sehr schön wieder:

„Man gibt den Menschen die Illusion von Demokratie, streut ein paar frei wählbare Councils ein, denen man Befugnisse über lokale Bagatellen einräumt, während man alles, was wirklich wichtig ist, direkt durch die Wirtschaft kontrolliert.“

 

Jetzt also eine Dystopie von Marc – Uwe Kling. Nun ja. Anfangs war es schwer. Die vertraute, hochgeschätzte Kleinkünstlerstimme die aus Deutschland ein Qualityland macht und der Name des Helden, dessen Ursprung  mir doch stark vereinfacht und platt erschien, im Nachhinein betrachtet allerdings sinnig und konsequent ist. Känguru Trilogieliebhaber müssen sich darauf einlassen. Die Hörfreude, Spannung und Einsicht steigern sich mit zunehmendem Detailwissen um den Aufbau von Qualityland.

Verglichen mit anderen Dystopien, von denen ich etliche grandiose gelesen habe ist Qualityland eher auf dem Niveau von der Circle. Dieser spaltete ja bereits uns Buchstoffliebhaber.

Unsere jetzige Gesellschaft ein wenig in die Zukunft versetzt auf die Spitze getrieben. Von aktuellen Entwicklungen befeuerte Realsatire.

Was Qualityland von the Circle sehr angenehm unterscheidet, ist der Blick des Kabarettisten, den Kling beibehält. Die Gesellschaftskritik ist ausnehmend sarkastisch. Nur der Humor bewahrt den Hörer vor tiefster Verzweiflung angesichts der gesellschaftlichen und sonstigen Veränderungen der nahen Zukunft. Hier möchte ich eher den Vergleich zu Karen Duves großartiger satirischer Dystopie Macht ziehen. So hat Kling, wie Duve, in seinem Roman etliches konsequent weiter gedacht. Den Einsatz der Algorithmen und die Aufweichung des Datenschutzes, Konzernmacht, Schwächung der Bürgerrechte, Lobbyismus, Konsumzwang und daraus resultierende allgemeine Verblödung.

Der Witz ist manchmal etwas flach, die gewohnte Subtilität blitzt nur ab und an kurz durch, sind die Charaktere doch schon sehr in dieser Zukunft à la Circle verankert.  Die wunderbare Anarchie, die das Känguru so charmant verströmt, nimmt in Qualityland weniger Raum ein. Gelacht hab ich trotzdem, oft und gern. Man kann sich dem nicht entziehen. Allein die modernisierte Umbenennung der Trennung der gesellschaftlichen Schichten ist eine Känguru-würdiger Einfall. Zeitgemäß und visionär.

Reminiszenzen an die Kängurutrilogie gibt es zuhauf, Hardcorefans müssen nicht weinen. So hab ich Micky sehr ins Herz geschlossen.

So bleibt eine unterhaltsame Realsatire, ein kritisches, tragikomisches Hörbuch, das gerade den jüngeren Hörern wichtiges Input gibt, unsere Gesellschaft mitzugestalten, wenn sie denn tun und denken möchten.

Wer danach immer noch das Känguru sehr vermisst, dem kann vielleicht mit diesem Spiel geholfen werden:

 

Qualityland gibt es mit dunklem Cover für Apokalyptiker und hellem für Optimisten.

Fazit:

Qualityland kann man sich nicht in Endlosschleife reinpfeifen wie die Kängurutrilogie, haben und hören muss man es unbedingt. Wie immer bei Kling bin ich der Meinung, er macht wunderbare Literatur, die dringend als Schullektüre missbraucht werden sollte (der Englischlehrer meiner Söhne hat die Schüler das Känguru hören lassen, statt des üblichen Vorferienanfangfilms, gute Idee kam sehr an. Für Pflichtlektüre ist Kling zu schade!)

Danach kann niemand mehr behaupten, nicht gewarnt worden zu sein. Die Kapitalismuskritik ist immer noch stark in Marc-Uwe Klings neuem Werk.

 

Buchdetails

  • Erscheinungsdatum Erstausgabe : 22.09.2017
  • Aktuelle Ausgabe : 22.09.2017
  • Verlag : Hörbuch Hamburg
  • ISBN: 9783957130945
  • Audio CD

 

 

 

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9 Gedanken zu “Da beutelt nix, aber viel Schönes dabei…

  1. Eine Freundin von mir kann es gar nicht hören, weil sie mit der Stimme des Autors nicht klarkommt. Manchmal gewöhnt man sich. ich kann heute Lieder hören, die früher NoGo waren. Wobei ich Kling sehr gut lesen hören mag.

    Gefällt 2 Personen

  2. Dystopisch angehauchte Realsatire zeitlich versetzt dürfte passen. Finde es aber auch schön, dass es sich nicht so leicht etikettieren lässt.
    Liebe Grüße
    thurs

    Gefällt 2 Personen

  3. Schöne Rezension 🙂
    Der Vergleich zum Circle drängte sich mir auch ganz stark auf… Mein Freund fand das abwegig, aber thematisch ist es schon eng und irgendwo schwankt das Qualityland für mich zu sehr zur Humor/Satire, sodass ich mich mit dem Begriff Dystopie schwer tue, auch wenn es unverkennbar dystopisches bereit hält!
    VG Jennifer

    Gefällt 3 Personen

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