Männersache?

Weshalb begeben sich zwei Männer auf die Suche – oder sollte man besser sagen, auf die Jagd? – nach einem Tier, das weil es so selten ist, bereits geschützt werden muss? Weil sie es können? Weil sie prinzipiell eine starke Bindung an ihre Heimat, an die dortige Landschaft und vor allem an das Element, in dem der von ihnen gesuchte Eishai lebt, also an das Wasser und damit das Meer, das Norwegen umspült, besitzen? Weil sie damit versuchen, einer Legende auf die Spur zu kommen und Männer nun eben manchmal so etwas tun müssen? Einer fixen Idee folgen, egal, was für Auswirkungen sie hat? Das kann man sich durchaus fragen, klappt man das wunderschön gestaltete Buch vom Meer zu. Faszination ist eben nicht logisch, aber Mythen können sie nähren und zum Teil erklären.

Ein Jahr lang verfolgt der Norweger Morten Strøksnes gemeinsam mit seinem Freund Hugo Aasjord den Plan, einen Eishai zu fangen. Aasjord lebt eher einsam auf der kleinen Insel Skrova im Norden Norwegens. Dort malt er. Nebenbei baut er eine alte Fischfabrik in ein Kulturzentrum um. In seiner Abgeschiedenheit hat er lange über einen Wunsch, eine fixe Idee nachgedacht und fragt seinen Freund, ob er Interesse an einem gemeinsamen Abenteuer hat. Strøksnes sagt sofort zu, denn er will darüber schreiben. Der Eishai ist ein außergewöhnliches Tier, kann er doch 400 Jahre und älter werden und ist damit, laut den neuesten Forschungsstudien, das langlebigste Wirbeltier, das wir kennen.

Ein Jahr dauert das Abenteuer an – ein Abenteuer, das man nicht unbedingt nachvollziehen kann. Man könnte jetzt sagen, ja klar, das versteht man als Frau nicht, was da sinnvoll dran sein soll, aber stopp: Mein Mann hatte sich das Buch zuerst gekrallt und als fast Diplom-Geoökologe und offensichtlich untypischer Mann, störte ihn vor allem die Sinnlosigkeit des Unterfangens. Da konnten auch die wunderbar einfügten Querverweise zu Mythen und Legenden, die realen Geschichten um unsere Ozeane nicht überzeugen.

Obwohl Strøksnes sehr genau um die ökologischen Auswirkungen seiner Spontanflüge nach Norwegen wußte, wenn sein Freund ihn rief, weil es günstig schien, einen Eishai aus den Tiefen zu ziehen, so blieb dieses Problem eher eine Randnotiz. Und auch die Frage nach dem Sinn, ein Tier zu jagen, dessen Fleisch für den Menschen nicht genießbar ist, stellte sich nicht. Strøksnes nahm das Abenteuer, um seinen anderen Geschichten, eine Rahmenhandlung zu geben. Das kann man machen, nachvollziehbar muss es aber nicht sein. Einzig der Wagemut, sich in einem Schlauchboot dem urzeitlichen Wirbeltier zu nähern und es fangen zu wollen, nötigte mir – und auch meinem Mann – Respekt ab.

Was bleibt ist ein äußerst ambivalentes Verhältnis zu einem Buch, das wunderbare Passagen über alles die Meere unseres blauen Planeten Betreffende aufweist – bis hin zu fast lyrischen Betrachtungen, wenn Strøksnes in der Ruhe Norwegens auch zu sich findet – und die wohl ungeklärt bleibende Frage nach dem Sinn.

Eine ausführlichere Besprechung von Rallus gibt es hier.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 29. August 2016
  • Verlag : DVA
  • ISBN: 978-3-421-04739-7
  • Gebunden: 368 Seiten

 

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19 Gedanken zu “Männersache?

  1. Weißt Du, liebe Bri, ich finde es sehr erfrischend, auch mal eine ambivalente Rezension zu lesen. Und die Kommentare bereichern das, weil eben jeder Bücher anders liest man und wahrnimmt. Mich erinnert Deine Rezi an meinen Versuch, „Die grünen Hügel Afrikas“ von Hemmingway zu lesen. Ich persönlich finde, das Hemingway ein guter Geschichtenerzähler ist, und habe das erste Kapitel verschlungen. Aber dann hat mich dieser Fokus auf die Jagd begonnen zu stören. Ich konnte das Buch nicht zu Ende lesen. Ich vermute, das würde mir hier ähnlich gehen. Was bilden sich diese Jungs eigentlich ein? Mein Mann bringt gerade den Kleinen Entdecker ins Bett, daher kann ich ihn nicht fragen, ob er es für einen Urinstinkt der Männer hält. Aber meine Vermutung wäre, dass er sich selbst davon distanzieren würde. Allerdings ist er ein Segler und als solcher vernarrt ins Meer. Also, wer weiß. Vielleicht gebe ich ihm mal Deine Rezi zum Lesen, und wenn er denkt, ihm könnte das gefallen, dann habe ich eine Idee zu Weihnachten. Liebe Grüße, Peggy

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    • Liebe Peggy, danke Dir für deinen lieben Kommentar. Ja, die Beiträge bereichern das wirklich – ich glaube, ich schreibe nur noch so ;))) Kleiner Scherz. Ja, jeder liest anders, jeder legt den Fokus anders, vielleicht hätte zu einer anderen Zeit dieser Punkt keine große Beachtung meinerseits gefunden. Die norwegische Seele, die Constanze so gut nachfühlen kann, weil sie persönlichen Bezug dazu hat, die kann ich halt nicht fühlen – weil ich weder jemals dort war, noch irgendeine Verbindung dazu habe. Und wie gesagt, das Buch ist ja nicht schlecht, nur meine Meinung dazu ist eben unentschieden. Aber wenn Dein Mann Segler ist und das Meer liebt, hab ich vielleicht noch einen Tipp: http://www.mare.de/index.php?article_id=3297&setCookie=1 LG und ich hoffe, eure Wohnungssuche hat bald ein Ende!! Bri

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  2. Schade, dass das Buch hier so negativ ankommt. Ich war begeistert von dieser Geschichte und auch von der Erzählweise, die ich allerdings zunächst als Hörbuch genossen habe! Für mich ist das Buch eine wahre Geschichte über Freundschaft und die Liebe zum Meer. Zwei Männer, die auf diesen Inseln aufgewachsen und mit dem Fischen vertraut sind, die letztlich einem Mythos nachjagen, für die eher der Weg als das Ziel im Vordergrund steht. Aber ich kann verstehen, dass man es auch ganz anders empfinden kann.

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    • Liebe Petra, naja, wie gesagt, mein Eindruck ist überaus ambivalent – das schrieb ich ja. Die Diskussion zeigt hier aber auch, dass es andere Seiten gibt, die ich nicht erwähnt oder auch so nicht gesehen, nicht nachvollziehen konnte. Wie zum Beispiel Constanzes Einwurf mit der norwegischen Seele die darin steckt – das deckt sich mit deinem Empfinden denke ich. Vielleicht bin ich auch so ambivalent – oder gar enttäuscht? – eben weil ich mich auf das Buch so sehr gefreut hatte? Das mag auch sein. Ich finde alelrdings auch, dass die Diskussion hier dazu beiträgt, mir das Ganze noch mal unter anderen Gesichtspunkten zu Gemüte zu führen und wie gesagt: soooo negativ ist mir das gesamte Buch ja nicht aufgestossen. Was die Erzählweise angeht: da sind die Geschmäcker bekanntlich sehr verschieden und ich konnte damit schon leben. Alleine die Tatsache, dass ich über das Buch nur so wenig zu Papier brachte, zeigt mir aber auch, dass es bei mir eben nicht so sehr ankam. Aber so ist das eben: Schönheit liegt im Auge des Betrachters 😉 LG – und danke für Dein Verständnis 😉

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  3. Meinen Dank für die schöne Rezi. Mich (als Mann) hat die sinnlose Jagd an sich nicht gestört, wohl aber die erzählerischen Mankos. Wobei das ja vielleicht auch zusammengehört: Melville oder Hemingway charakterisieren ihre Figuren und erzählen eine wirkliche Geschichte. Bei diesem Buch hatte ich immer das Gefühl, eine Doku auf Papier zu sehen/lesen.
    Liebe Grüße!

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    • Interessant, wie die Beiträge hier ein runderes Bild zeichnen. Im Prinzip hat er ja auch eine Dokumentation geschrieben. Es ist ja kein Roman und somit sind die „Figuren“ ja echte Personen, die eben das getan haben, was sie getan haben … Aber mir ist vorhin auch klar geworden, dass wäre es ein Roman, wäre ich wohl etwas milder damit umgegangen 😉 LG, Bri

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    • Liebe Constanze, daran habe ich auch gedacht, dass diese norwegische Seele einfach anders tickt und ich sie eben nicht nachvollziehen kann. Du aber ja schon 😉 – ich kann auch verstehen, dass man dieses Buch wunderbar findet, es hat ja seine poetischen Stellen … wie gesagt, vielleicht bin ich da zu streng oder will zu viel verstehen, aber das ganze ist eben kein Roman, sondern ein Sachbuch, bei einem Roman hätte ich das wohl alles nicht so hinterfragt ;). Du darfst dieses Buch natürlich lieben, das ist durchaus nachvollziehbar. LG, Bri

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  4. Ganz interessant auch eure beiden so unterschiedlichen Rezensionen dazu zu lesen. Vielleicht ist das Jagen ein männlicher Urinstinkt und vielleicht erklärt sich daraus auch die unterschiedliche Betrachtungsweise. Je ne sais pas.
    Aber vielleicht ist es heutzutage einfach auch – unabhängig vom Geschlechterdingens – einfach wichtig, solche Geschichten zu hinterfragen – über ihren rein literarischen Wert hinaus.
    Natürlich hat die Story etwas Archaisches (fast schon ein wenig Moby Dick?), das kann sehr reizvoll sein. Es geht dann eher um die ewige Suche, das Scheitern und das Sich-Messen …
    Nun, so oder so: Ich glaube, ich würde – hätte ich jetzt überhaupt damit geliebäugelt – mich Deinen Bedenken anschließen und das Buch nicht lesen.

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    • Lustigerweise habe ich zwar damit gehadert, aber meinem Mann hat die Jagd so das restliche Leseerlebnis verhagelt, es war sehr interessant. Er meinte, man könne doch auch ohne diesen Rahmen ein wunderbares Buch über das Meer und die Querverweise schreiben … womit er schon Recht hat. Du siehst, meine Rezension ist recht kurz, weil ich einfach auch nicht so recht weiß, was ich von dem Buch halten soll. Es hat tolle Passagen, aber die Jagd UND dann der Umweltaspekt … ach ja.

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    • Da fällt mir noch was ein: Der alte Mann und das Meer – das ist ja auch so ein Dingens oder Moby Dick, wie Du schon erwähnst … aber ein Eishai!!! Den kann man nicht mal essen und der hat auch keinem der beiden Freunde etwas angetan… also ja, für mich einfach nicht wirklich nachvollziehbar.

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      • Ich möchte nur einwerfen wie viele Menschen erkleckliche Summen zahlen um sich von Sherpas, oder (Respekt!) aus eigener Kraft, den Mount Everest hoch ziehen (lassen). Motorradfahren, Haustierhaltung…man kann vieles weiterhinterfragen und das ist auch gut. Obwohl ich meine Probleme mit dem Roman hatte (nicht der Hai, eher das Hemingwaytrauma ) und ihn nur anlas, finde ich die Jagd als Transportmittel des Romans nicht fragwürdig. Wenn er gefällt ist das nicht ausreichend?

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      • Erstens, ja das ist schon wahr, zweitens, es ist KEIN Roman, es ist ein Sachbuch und ist autobiographisch. Auf der einen Seite die Landschaft, die Zurückgezogenheit und dann muss man hin und her fliegen, um solch ein Tier zu jagen? Das Fleisch ist nicht genießbar. Nur um des Jagens willen, das kann ich nicht nachvollziehen. Und das was da sonst noch kommt, die anderen Verweise werden davon für mich überschattet. Also wie gesagt, es ist MEIN ambivalenter Eindruck 😉 Aber da sollte sich jeder eine eigene Meinung bilden 😉

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      • Ich kann mir keine Meinung bilden, hab ja nicht zuende gelesen. Ich denke nur, ein Hai, mei…da gibt es Schlimmeres. Klar, dass sie ihn nicht futtern ist Verschwendung. Wie so vieles und ich denke da gibt es dekadenteres/schlimmeres

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      • Hmm, nee das Argument – ein Hai, da gibt es Schlimmeres gilt gerade bei diesem Tier für mich nicht. Früher dachte man, ein Eishai wird 200 Jahre alt – heute weiß man, er wird 400 Jahre alt und älter, das heißt, mal scharf nachgedacht, dass er wahrscheinlich keine hohe Reproduktionsrate besitzt. Man weiß auch gar nicht, wie viele es dieser Tiere noch gibt. Die Geschlechtsreife erreichen sie im übrigen mit ca. 150 Jahren … Aber wie gesagt, das ist ein Punkt, der mich stört und den ich für mich nicht lösen konnte. Nicht mehr und nicht weniger.

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  5. Irgendwie ist es an mir vorbeigezogen, dass es um eine Jagd geht, obwohl ich jetzt schon mehrmals das Buch in der Hand hatte (wegen des schönen Einbands). Daher kann ich nachvollziehen, dass eben dieser Aspekt eine gewisse Sinnlosigkeit hat.
    Danke für den Hinweis – obwohl ich das Buch nun eher nicht lesen werden.

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    • Also sehr schön gemacht ist das Buch, keine Frage. Aber ja, es geht tatsächlich darum, den Eishai zu fangen. Wie gesagt, es gibt sehr viele schöne Stellen und wenn Du die Besprechung von Rallus gelesen hast, dann wirst Du merken, dass das Buch an sich schon auch schön ist, aber ich bin eben so zwiespältig, weil ich den Sinn nicht verstehe und weil dazu kommt, dass Strøksnes ja immer hin und her jettet mit dem Flugzeug, was ja der Landschaft, in der sein Kumpel lebt, entgegensteht. Das passt irgendwie nicht. Aber mag sein, dass ich da zu streng bin 😉 Vielleicht ausleihen in der Bib erst mal? LG, Bri

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      • Danke. Mich hatte auch die schöne Aufmachung gereizt und es steht ja sogar im Untertitel, dass es um die Jagd nach dem Eishai geht … mein Mann hat eine richtige kleine Bibliothek was das Thema Meer angeht … aber das hier steht ein wenig abseits. Er ist da tatsächlich noch strenger als ich.

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