Meine Gedanken sind meine besten Freunde

Als fleißiger Rezensent und Bücherleser, liest man natürlich auch mal bei der Konkurrenz rein, was diese so schreibt. Auch hier gibt es, wie bei den Lieblingsschriftstellern, Rezensenten die man gerne liest, weil sie witzig oder klar strukturiert schreiben oder einfach denselben Geschmack teilen. Rezensionen sind immer Eindrücke des Lesers, die dieser hatte und diese Eindrücke, finde ich, sind nicht diskutierbar. Wenn ich rot mag, mag ich eben rot. Punkt.

Was mir aber immer wieder auffällt, sind die Erwartungen, die die Leser an Bücher haben. Sicher schüren die Verlage diese Erwartungen auch – reine Marketingsache. Aber erst einmal sind Bücher einzelne Kunstwerke, die für sich betrachtet werden müssen. Im vorliegenden Fall bin ich wieder über diese Erwartungshaltungen der Leser gestoßen. Das Buch wurde schlecht bewertet, weil es den Erwartungen, ein Zamonienroman zu sein, nicht entsprochen hatte.

Das mit den Erwartungen ist so eine Sache. Wenn ich einen Kasten Bier einer Marke kaufe, erwarte ich, dass es so und nicht anders schmeckt. Wenn ich ein Kunstwerk eines Künstlers betrachte, lese, höre, habe ich sicherlich auch Erwartungen, aber ich persönlich nehme das Kunstwerk wie es ist und nicht wie es sein soll. Wegen eigener Erwartungen etwas schlechter zu bewerten, ist für mich falsch.

Nun zu diesem Nicht-Zamonienroman, der aber äußerlich so schön aufgemacht ist wie ein Zamonienroman. Walter Moers habe ich schon früh wegen seiner Comics zu schätzen gelernt, seine Zamonienbücher und die Illustrationen dazu, sind etwas ganz Besonderes. Dieser Roman sticht wegen seiner faszinierenden Wortspielereien und seiner (etwas versteckten Liebesgeschichte) aus dem Rahmen der Moers Romane heraus. Ich habe zum Glück das Nachwort als erstes gelesen, weil ich wissen wollte, warum Moers diesen Band nicht illustriert hat. Dabei stieß ich auf die erwähnte Liebesgeschichte.

Prinzessin Dylia leidet an einer Schlafkrankheit. (Nicht nur dass der Name ein Anagramm der Zeichnerin ist, auch die Krankheit ist ähnlich). Es gibt Tage, da streift sie alleine durch das große Schloss ihres Vaters und versucht, sich durch Treppensteigen zu erschöpfen, um ein wenig Ruhe zu bekommen. Ihr ist in diesen einsamen Stunden nie langweilig, was sie immer bei sich hat, ist ihr klarer Kopf und ihre bunte Phantasie. (Im Buch auch wirklich sehr bunt dargestellt). Eines Tages sitzt ein Gnom, ein Nachtmahr auf ihr und teilt ihr mit, dass er sie ab jetzt langsam in den Wahnsinn treiben wird. Prinzessin Dylia glaubt dies nicht so recht, was kann ihr denn schon passieren? Die Macht der Gedanken ist mit ihr.

Zusammen mit dem Nachtmahr gehen beide auf eine bunte und phantasievolle Reise in Dylias Gehirn, wo sie so allerhand entdecken. Moers fährt hier eine große Parade von Wortspielereien, phantastischen Geschöpfen und philosophischen Bezügen auf, dass es eine reine Freude ist.

„‚Ich habe so etwas jedenfalls in dieser Form noch nie gesehen.‘  Er blickte sie ernst an. ‚Eine riesige grüne Spinne. Spinnweben voller Diamanten. Eine Höhle mit gestapelten Wörtern. Bunte Grabsteine. Du hast komische Dinge in deinem Denkorgan, das muss ich schon sagen.“

Bei der Reise spürt Dylia, dass es mit der Allmacht des Nachtmahr nicht so weit her ist. Und mögen sich die Beiden gar ein wenig? Doch wie vielerorts falsch geschrieben, ist dies nicht die Liebesgeschichte, die in diesem Buch steckt. Die Liebesgeschichte ist viel mehr außerhalb des Buches zu suchen. Und Moers hat nicht nur ein weiteres, wirklich außerordentlich sprachgewaltiges, phantasievolles und buntes Werk geschaffen, er hat auch ein modernes Märchen, nein ein Mut-Märchenbuch für all die geschrieben, die anders oder gar krank sind und sich in ihre Gedankenwelt flüchten.

Schon die Neuerschaffung von manchen Wörtern und Begriffen ist herrlich gelungen. Eine Zusammenfassung der Prinzessin Insomnia am Ende des Buches über ihre Reise in ihrem Gehirn gefällig?

„Es wäre contraindkativ, ein Niemalsweh mit Abgunst zu betrachten, so wie eine Quoggonophobie alles andere als pisanzapra ist, wenn man nach einer Defenestration allzu linguamundivagant dem Iktsuarpoken in Amygdala frönen würde, denn selbst der größte Schlimazzel weiß doch, dass es alles andere als hoyotojokomeshi wäre, Zaminolonimaz mit zu viel Mamihlapinatapaai zu behandeln.“

Und so gebe ich hier eine klare Leseempfehlung. Ob der Verlag jetzt Etikettenschwindel betreibt, kann ich nicht eindeutig erkennen. Vorne auf dem Cover steht: Roman. Öfters habe ich das Buch als Zamonienroman beworben gesehen. Es spielt in Zamonien. Nur nicht so, wie es sich mancher Leser wünscht. Und wenn es kein Zamonienroman ist? Na und? Was für ein Glück!

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe: 28. August 2017
  • Verlag: Knaus
  • ISBN:  978-3-8135-0785-0
  • Gebunden: 344 Seiten

17 Gedanken zu “Meine Gedanken sind meine besten Freunde

  1. Hildegunst hören, das könnte ich auch nicht – den muss ich lesen. Ich mag ihn. Verschwurbelt, Dichter halt ;))) Ich mochte Ensel und Krete überhaupt nicht. 😉 Und mit Hörbüchern geht es mir immer so, dass ich das so entspannend finde, dass ich meist einschlafe, bzw. keine Zeit habe, in Ruhe zu hören. Hörspiele sind was anderes.

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  2. Hihi ich mag diese Diskussion, denn ich habe auch meine Problemchen mit dem Hidegunst – an dem Hörbuch knabbere ich jetzt schon mehr als ein Jahr herum. Liegt auch daran dass ich Hörbücher nur im Auto höre. Dies Woche auf der Fahrt nach Salzburg wäre ich fast fertig geworden, aber bei der Rückfahrt war ich zu fertig, um mir den Hildegunst anzutun 😜😎🐲

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  3. Darauf hätte ich jetzt getippt, dass es Hildgunst von Mythenmetz ist, der dir nicht behagt – und auf den haben so viele gewartet ;))) Und sind deshalb enttäuscht …

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  4. Aber auch der Blaubär ist doch ein Zamonienroman, der erste eigentlich. Welche mochtest Du denn nicht? Rumo ist klass und ganz anders ist ja auch Die wilde Reise durch die Nacht, also die könntest Du schon mögen 😉

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  5. Wieso dachtest du, Du kommst drum herum? Nee, nee. Moers muss – und Zamonien erst recht. Denn was in Zamonien passiert ist ein Zamonienroman. Punkt. Weiß gar nicht, was man da zu kritteln hat …

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  6. Das habe ich in den letzten Tagen leider auch mitbekommen. Es ist sehr schade, da sich viele Leute dadurch selbst eines schönen Leseerlebnisses berauben. Ich finde das Buch klingt großartig, ganz egal, ob es jetzt genau so ist wie Moers‘ andere Werke oder eben doch mal ein bisschen anders. Ich freue mich drauf, wenn es endlich mit der Post kommt und werde da ganz unvoreingenommen rangehen. 🙂

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