Thomas Bernhards Erbe

Dieses beachtliche Romandebüt des jungen Autors Mulitzer strotzt bereits zu Beginn vor innovativen Ideen, einem wundervoll gewobenen Netz zwischen Fiktion und realen Ereignissen und dient als Hommage an den alten misanthropischen Meister der österreichischen Literatur.

Die Hauptfigur, ein junger Schriftsteller und Uni-Assistent wandelt und recherchiert auf den Spuren von Thomas Bernhards Erstlingsroman FROST, in dem der Altmeister die Einwohner des kleinen salzburgischen Dorfs Weng als degenerierte, schwachsinnige, bösartige Missgeburten charakterisiert. Insbesondere die Großmutter des Protagonisten bekam von Bernhard ihr Fett weg, weil sie als nymphomanische Männerfresserin, die ihren Gästen hinterrücks Hundefleisch serviert, vernadert* wurde. Über diese Ereignisse spricht man seit Jahrzehnten nicht in der Familie und so macht sich der Student und beginnende Literat auf in das kleine Dorf, um Hintergründe und Wahrheiten aus seiner eigenen Familie zu untersuchen und herauszukriegen, inwieweit sich Bernhard eventuell durch schriftstellerische Freiheiten an der Oma gerächt hat, die ihn damals in einer intimen Beziehung enttäuscht oder auch abgewiesen haben könnte. Ihr seht schon, der Roman ist extrem vielschichtig, denn selbstverständlich sind die Figuren in FROST ein bisschen real, das Dorf Weng gibt es auch und Thomas Bernhard hat tatsächlich in der Gegend zwei Jahre in der Lungenheilanstalt  verbracht.

So mixt Thomas Mulitzer gekonnt die Schauplätze und Figuren aus Bernhards literarischer Vorlage wie eben den Maler und die Dorfwirtin und baut sie – wie den Schriftsteller Thomas Bernhard persönlich – als Protagonisten in eine andere Familiengeschichte ein, die aber dennoch – auch vom Plot her – einige Parallelen zum Roman FROST aufweist.

Dabei gelingt Mulitzer sehr ironisch mit wundervollen Sprachkonstruktionen und Wortwitz eine Charakterstudie sowohl des modernen Dorflebens als auch eine Abrechnung mit der Vergangenheit.

„Im Cafe war es schwül wie in einem Schweinebauch. Die Kellnerin hielt den Organismus am Leben, indem sie Bier zu allen Zellen pumpte. […] Ich war als Eindringling in diesem Mikrokosmos nur ein Virus auf der Durchreise.

„Die alte Lungenheilanstalt thronte noch immer am Fuße des Berges. Im Gegensatz zu früher siechten die Kranken nicht mehr in einer halbverfallenen Liegehalle, sondern vegetierten in modern gestalteten Räumlichkeiten dahin, die mit allen Annehmlichkeiten ausgestattet waren, die sich die Todgeweihten des 21. Jahrhunderts nur wünschen konnten. Kabelfernsehen bis zum allerletzten Augenblick. Verrecken am Puls der Zeit.“

Weiters wird ganz grandios noch ein sehr böser Rundumschlag gegen den österreichischen Literaturbetrieb der Gegenwart geführt – insbesondere gegen das Festival, das tatsächlich in memoriam Thomas Bernhard in Goldegg nahe Weng stattfindet. Dort liest ein gefeierter Autor Namens J., ein überheblicher mit Drogenproblemen behafteter Schriftsteller, der schon viel zu früh viel zu berühmt wurde. Dieser Literat zeigt nach einem kurzem Flirt der Studentin Denise unvermittelt ein Foto seines Schwanzes. Ich kicherte beim Lesen wie Rumpelstilzchen und sang: „Ach wie gut dass niemand weiß, dass ich Thomas Glavinic heiß.“ (Dabei ist jede Ähnlichkeit mit Figuren des realen Lebens selbstverständlich frei erfunden und gaanz zufällig – vor allem dass der Autor auch noch J. heißt – wie Jonas – ist wirklich der Gipfel der Ironie.)

So habe ich mich über weite Strecken köstlichst an der intelligenten Bosheit des Romans gelabt. Leider wird die Geschichte zum Ende wirr, keine einzige Frage klärt sich restlos sondern alles versinkt in vagen Andeutungen. Auch der Protagonist gibt irgendwie auf, alle offenen Fragen zu untersuchen und wird vom Dorf absorbiert, bevor er plötzlich und ziemlich grundlos abreist. Irgendwie verweigert mir Thomas Mulitzer das Ende der Story, und so etwas kann ich nicht leiden. Ich weiß natürlich schon genau, warum er dies tut, denn auch der Roman FROST, der als Vorbild dient, ist nicht als Vertreter des klassischen Entwicklungsromans zu sehen, im Gegenteil: er fungiert als ein sehr innovativer Degenerationsroman. Insofern ist dieser Abschluss dann wieder nur die konsequente Anlehnung an die Vorlage, auch wenn er mir nicht gefällt.

Fazit: Sehr gutes, lesenswertes, vielschichtiges Romandebüt – nicht nur für Thomas Bernhard-Fans geeignet.

*vernadern = denunzieren, verraten

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 6. September 2017
  • Verlag: Kremayr & Scheriau
  • ISBN:  978-3-218-01080-1
  • Hardcover: 304 Seiten
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