Tanz der Möglichkeiten

„Die Leute sind nicht arm weil sie schlechte Entscheidungen getroffen haben, wie sie gern erklärte, sie treffen schlechte Entscheidungen weil sie arm sind.“

Ist in der Armut, dem Aufwachsen in Familien, die sich Bildung nicht leisten können, oder den 3D-Farbfernseher wichtiger finden als Bücher, das Scheitern vorprogrammiert? Dreht sich die Armutsspirale immer dort weiter, wo die Hauseingänge mit Parolen beschmiert, der Vorgarten der Hochhäuser mit Hundekot vollgekackt ist, die populistischen Parolen der Rechtsradikalen breite Zustimmung finden und der Traum einer Zukunft in dumpfen und viel zu kleinen Mietskasernen erstickt wird?

Hoyerswerda ist überall, auch in anderen Staaten. Swing Time spielt in Londons Nordwesten, in Kilburn, wo sich zwei Mädchen in den Achtzigerjahren finden, die von ihrer Art nicht unterschiedlicher sein könnten. Eine Gegend, aus der auch die Autorin kommt und die ihr nicht unbekannt ist. Auch die Hautfarbe der Mädchen hat den identischen Braunton wie die der Autorin. Als coloured people sind ihre Bildungs- und Aufstiegschancen um viele Faktoren schlechter, als die der Weißen. Hier ist es wichtig, dass, wie die Mutter der namenlosen Ich-Erzählerin sagt, die Eltern sich um die Möglichkeiten der Kinder kümmern.

Tracey unddie Ich-Erzählerin lernen sich auf der Tanzschule kennen. Tracey hat sehr viel Talent, die Erzählerin kann gut singen, aber weniger gut tanzen. In der Schule sind sie in der gleichen Klasse. Beide träumen den Traum, so gut wie Fred Astaire und Ginger Rogers zu tanzen (Er gab ihr Klasse, sie gab ihm Sex, so ein erwähntes Zitat von Katherine Hepburn im Buch) und in Musicals aufzutreten. Die Erzählungen über die Schulzeit und das Aufwachsen in dem Vorort von London (einer von zwei Vororten wo die ethnischen Minderheiten, die Bevölkerungsmehrheiten bilden) werden retrospektiv erzählt. Dazwischen führt uns Zadie Smith in die Gegenwart. Die Erzählerin arbeitet als persönliche Assistentin bei einer erfolgreichen australischen Pop-Musikerin, Aimee. (Diese ist fiktiv, ähnelt aber in ihrem Gebaren sehr Madonna, auf die auch die farbigen adoptierten Kinder hindeuten).

Die Ich-Erzählerin führt es nach Afrika, wo sie beim Bau einer schwarzen Schule mithilft.  Wobei die Erzählerin zynisch bemerkt, dass Aimee mehr im Jahr verdienen würde, als das komplette Land. Dort kommt sie mit vielen Afrikanern in Kontakt, die die Erzählerin aber als Weiße betrachten. Eine Umkehrung der Verhältnisse. Zadie Smith baut viel schwarze Haut, Musik, Stammeszugehörigkeit, Milieu, ethische Minderheiten, Islamkritik, Bildung, Chancengleichheit und noch viele andere drängende Themen unserer Zeit ein. Doch alles wirkt seltsam leblos. Angesprochen, ohne die notwendige Wut oder wenigstens eine Art Emotion. Das mag vielleicht auch an der blassen, untätigen Ich-Erzählerin liegen, die alle ihre Möglichkeiten im Leben liegen lässt. Tracey ist lebendiger und probiert, fällt auf die Nase, nicht aber ohne zu versuchen, ihre halbherzige Freundin mitzunehmen auf die Reise. Diese weiß nicht wohin sie soll und welche Eigeninitiative sie ergreifen soll.

„Ich fühlte mich, als hätte ieh in einem ganz bestimmten Zug gesessen, der mich dorthin brachte, wohin Menschen wie ich als Jugendliche eben sollten, doch jetzt war plötzlich etwas anders. Man hatte mir mitgeteilt, ich solle an einer ungeplanten Haltestelle ein ganze Stück weiter vorn aussteigen. Ich musste an meinen Vater denken, den man schon aus dem Zug geschubst hatte, bevor er ganz aus dem Bahnhof war. Und an Tracey, wild entschlossen, selbst abzuspringen, weil sie lieber laufen wollte als sich vorschreiben zu lassen, welche Haltestelle ihre war und wie weit sie noch mitfahren durfte.“

So verfliegen die Seiten, Kapitel voller Menschen, die in Bezug treten, ohne wirklich unter die Oberfläche zu gehen. Die Ich-Erzählerin ist zwar eine von vier persönlichen Assistentinnen von Aimee, führt aber kein eigenes Leben, begräbt sich und ihre Träume in einer Scheinwelt. Tracey hingegen kann wenigstens den Broadwaytraum zu Ende träumen. Das Buch wird immer sehr interessant, wenn die Ich-Erzählerin in der Vergangenheit verweilt. Dann sind die musikalischen Tanzträume der Mädchen sehr bunt und wirklich, die Emotionen von Tracey beleben diese Parts. Die Gegenwarts-Teile verlieren sich in dumpfer Gleichgültigkeit und fehlender Intensität.

Letztendlich ist dieses Buch nicht an mich gegangen. Ist es diese Unentschlossenheit der namenlosen Heldin, die mich manchmal rasend macht? Oder ist es die Fülle an Themen die nicht fertig ausgeführt und halb gar im Eintopf des Buches herumliegen? Oder die Beiläufigkeit mit der dieses Buch an mir vorbeizieht? Ich kann es nicht sagen. Es berührt mich kaum. Es entwickelt sich keine Leidenschaft. Nur ganz am Ende hat die Autorin mich eingefangen, da hat sie mein Herz doch noch gepackt und zugedrückt.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 17. August 2017
  • Verlag : Kiepenheuer & Witsch
  • ISBN:  978-3-462-04947-3
  • Gebunden: 640 Seiten
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5 Gedanken zu “Tanz der Möglichkeiten

  1. Wenn dich die Unentschlossenheit der Protagonistin manchmal „rasend“ gemacht hat, hat der Text dich dann nicht doch auf eine Art erreicht? Vielleicht ist ja genau der Gegensatz zwischen der bunt und lebendig erinnerten Vergangenheit mit ihren Idealen und der drögen, scheinbar farblosen Gegenwart die Intention? Zugegeben – besonders spannend zu lesen klingt das in der Tat nicht.

    Gefällt 2 Personen

    • Eine gute Idee, aber auch der Text punktete nicht mit Überraschungen. Er war erzählend gut, literarisch mir nicht spannend genug. Und ich glaube nicht dass zadie smith diesen Gegensatz hervor heben wollte. Es klang alles sehr – gewollt.

      Gefällt 1 Person

      • Weshalb glaubst Du das nicht, Ralf, dass Smith genau diesen Effekt erzielen wollte. Es ist ja nicht ihr erstes Buch – und sie hat ein fähiges Lektorat – da würde ich schon mal davon ausgehen, dass es so gewünscht war von ihr. GEfallen muss es Dir ja nicht, aber sie hat sich sicher was dabei gedacht …

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