Fünf Fluchten für Fiction Freunde

Habe ich euch drangekriegt? Eine schöne Überschrift verleitet doch zum Weiterlesen! Und dieses Buch möchte ich Euch wirklich ans Herz legen. Nicht nur das Buch, auch den kleinen aber feinen Golkonda Verlag, der sich seit knapp sieben Jahren der Verbreitung der feinen und anspruchsvollen Phantastik widmet. Nicht nur sind die Inhalte anspruchsvoll, die Bücher unterscheiden sich auch wohltuend von der Masse der Neuerscheinungen, die von den großen Verlagen teilweise lieblos in die Buchläden geworfen werden. Natürlich gibt es hier auch Ausnahmen und die füllen zum Glück immer häufiger die Regale.

Schon Jo Walton hat es mir mit ihrem magischen Werk angetan, hier zu lesen. Im Golkonda Verlag kommt Mitte des Monats eine Trilogie der Autorin heraus, auch bald bei uns auf dem Blog zu lesen. Da freue ich mich richtig drauf. Ted Chiang war trotz seines Erfolges in Deutschland nicht verlegt, bis der Golkonda Verlag zugriff. Möchte niemand anspruchsvolle Science Fiction lesen? Das solltet ihr schnellstens nachholen und euch dieses, haptisch gut in der Hand liegende Werk besorgen. Ted Chiang ist der Meister der ersten Worte die, wie hier bei der Überschrift, entscheiden, ob man weiterlesen möchte oder nicht.

Die hier versammelten Geschichten haben allesamt Preise eingesammelt. Jede Geschichte mindestens einen. Ted Chiang hat seit 1991 nur fünfzehn Kurzgeschichten oder Novellen verfasst, mit diesen aber insgesamt neun Preise gewonnen, wobei er eine Nominierung 2013 sogar abgelehnt hatte. (Weil er seine Geschichte nicht gut genug fand)

Los geht es in dem Buch mit der 1990 erschienen Geschichte „Tower of Babylon“ (Gewinner des Nebula Awards). Hier die ersten Sätze:

„Läge der Turm der Länge nach auf der Ebene von Shinar, würde man zu Fuß von einem Ende zum anderen zwei Tagesreisen benötigen. Doch da der Turm aufrecht steht, dauert es einen ganzen Monat, um von seinem Sockel bis zur Spitze emporzusteigen – wenn man denn nichts tragen musste.“

Schon früh ist man als Leser in der Geschichte, mit wenigen Worten skizziert Ted Chiang ein biblisches Szenario, worauf der Titel natürlich hinweist. Doch der Leser bemerkt die feinen Anspielungen auf z.B. Generationenschiffe, außerirdische Mächte die einen Schirm um die Erde halten. Der Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Doch Ted Chiang beschreibt nur und wertet nicht, klärt nicht auf. Der Leser soll sich seine eigenen Schlüsse ziehen.

In der zweiten Geschichte „Story of your Life“ (Gewinner des Nebula Awards), irritiert anfangs die verwandte Zeit:

„Gleich wird dein Vater mich fragen. Ich will ihm meine ganze Aufmerksamkeit widmen, auf jede Kleinigkeit achten, denn das ist der wichtigste Augenblick unseres Lebens.“

Schon durch die wenigen Worte wird eine ganz eigentümliche Atmosphäre geschaffen, die die ganze Geschichte über anhält. Außerirdische kontaktieren die Erde. Eine Linguistin und ein Physiker erforschen deren Sprache und Wissenschaften. Dabei tritt eine ganz andere Art zu denken zu Tage. Beeinflusst unser Denken die Welt? Ich will nicht allzuviel verraten, aber in den Anfangsworten der Geschichte steckt schon deren Auflösung, die man in ihrer ganzen Tragweite erst am Schluss begreift. Die Geschichte war Grundlage für den Film Arrival von 2016 (Natürlich auch ein Grund, eine Neuauflage dieses Buches heraus zu bringen).

Nun kommen wir zu meiner persönlichen Lieblingsgeschichte: „Hell is the absence of God“ (Gewinner des Nebula und Hugo Awards)

„Dies ist die Geschichte eines Mannes namens Neil Fisk, und sie erzählt, wie er lernte, Gott zu lieben. Das Schlüsselereignis in Neils Leben war so schrecklich wie alltäglich: Der Tod seiner Frau Sarah.“

Schon hier steckt die ganze Tragik im Leben des Neil Fisk, ach was, im ganzen Leben Gläubiger. Die ewige Suche der Zweifler nach Gott, dem Beweis Gottes. Perfide ist in Ted Chiangs Geschichte, dass es eine Art Regel gibt, wann man in die Hölle, wann in den Himmel kommt. Und wenn man sich sehr geliebt hat, dann trifft man sich dort im Jenseits wieder. Ganz stark sind seine Assoziationen mit den auf die Erde kehrenden Engel in Verbundenheit mit Naturgewalten.

Wieder ganz anders die nächste Geschichte: „The merchant and the Alchemist’s Gate“  (Gewinner des Nebula und Hugo Awards), die aus Tausendundeine Nacht stammen könnte.

„O mächtigster Kalif und Herrscher über die Gläubigen, demütigst verneige ich mich vor dem Glanz Eurer Gegenwart, einen größeren Segen kann sich ein Mann in seinem Leben nicht erhoffen. Eine wahrhaft seltsame Geschichte habe ich Euch zu erzählen, und selbst wenn man sie in ihrer ganzen Länge auf einen Augapfel tätowieren würde, so könnte das Wunder ihrer Darbietung das ihren Inhalten nicht übertreffen, denn sie ist jenen eine Warnung, die gewarnt sein, und jenen eine Lehre, die lernen wollen.“

Hier verweilt Ted Chiang wunderbar in der blumenreiche Sprache des Morgendlandes und erzählt eine Geschichte für Herz und Kopf.

Auch sehr stark und sehr minimalistisch ist die letzte Geschichte in diesem Band: „Exhalation“  (Gewinner des Hugo und BSFA Awards)

„Seit Langem herrscht die Meinung vor, dass die Luft (von manchen auch Argon genannt) der Quell des Lebens sei. Tatsächlich ist das aber nicht der Fall, und so graviere ich diese Worte, um zu berichten, wie ich herausfand, was der wahre Quell des Lebens ist und – was damit zusammenhängt – auf welche Weises das Leben eines Tages enden wird.“

Die Hauptperson hier ist kein Mensch, überhaupt ist die beschriebene Umgebung ganz ‚un-menschlich‘. Doch handeln die Akteure wie Menschen im Mittelalter, die plötzlich feststellen, dass es hinter dem Horizont doch weitergeht und dass die Sonne sich nicht um die Erde dreht. Auch diese Geschichte unterscheidet sich von den anderen, vom Aufbau und Atmosphäre.

Ted Chiang hat die Gabe, komplexe Inhalte, ruhig und sachlich zu erklären, in eine vertraute Umgebung zu packen und so allgemein verständlich zu machen. Das habe ich bisher bei erst wenigen Science-Fiction Schriftstellern beobachten können. Vergleichbar ist vielleicht noch der Moderator Ranga Yogeshwar von der Fernsehsendung Quarks & Co..

Nach diesen fünf Perlen endet das Buch nach nur 224 Seiten. Da hätte man doch auch alle fünfzehn Geschichten in ein Buch verpacken können, werden die Sparbrötchen unter Euch einwenden, was will ich denn mit noch einem zweiten Buch (Das wahre Wesen der Dinge, auch bei Golkonda erschienen). Das ist aber immer so, wende ich ein: Je größer die Kiste mit Inhalt, desto matter leuchten die Perlen. Und dieses Buch und die Geschichten werden mir bestimmt noch in ein paar Jahren im Gedächtnis bleiben, was bei einer übervollen Kiste mit fünfzehn Geschichten schwieriger wäre. Diese Geschichten benötigen Raum um zu leuchten und das hat der Golkonda Verlag begriffen und deswegen begrüße ich diese Vorgehensweise!

Lasst Euch diese Perlen nicht entgehen!

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe: 24. Juli 2017
  • Verlag: Golkonda
  • ISBN:  978-3-946503-12-5
  • Gebunden: 224 Seiten
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