Familiengeheimnis

Ein junger Mann verfällt auf dem Arbeitsweg einer jungen Frau. Ihre Arme sind es, die ihn, aus dem kurzärmeligen Kleid ragend, faszinieren. Was genau an diesen Armen so anziehend ist, erfährt der Leser von Arthur Rundts Ausnahmeroman Marilyn, der bei seinem ersten Erscheinen 1928 als Fortsetzungsroman in der Neuen Freien Presse abgedruckt wurde, nur vermuten. Es scheint etwas mit den Proportionen, der Feingliedrigkeit zu tun zu haben. Bald wird klar, Philip ist hartnäckig und wird Marylin nicht einfach so gehen lassen. Zunächst verfolgt er sie regelrecht auf ihrem Arbeitsweg, fährt ihr in der Bahn nach, richtet es ein, ihr wie zufällig über den Weg zu laufen und spricht sie letztendlich an. Dabei entsteht bei mir als Leserin ein beklemmendes Gefühl. Stalking nennt man das heute, was ich da las, so dachte ich. Dennoch, hinter dieser Obsession schien mehr zu stecken. Also folgte ich Marylin gespannt ebenfalls auf Schritt und Tritt. Auch bei ihren Versuchen zu entkommen. Sie floh regelrecht vor Philip, ohne ihn wirklich zu kennen, ohne dass er sie tatsächlich bedrohte. Was genau ihr solche Angst machte, dass sie sogar ihren festen Job kündigte und in eine andere Stadt zog, das erschloss sich mir (zunächst) nicht.

Doch Philip blieb weiterhin hartnäckig, machte ihren neuen Aufenthaltsort aus und reiste ihr nach. Gab seine eigene sichere und lukrative Stelle auf, weil er wußte, dass er Marylin heiraten wollte. Wer einmal eine solche „Belagerung“, einhergehend mit höflicher Zurückhaltung erlebt hat, der weiß, dass sich solcher Aufmerksamkeit meist nur schwerlich entziehen kann. Und so ergeht es auch Marilyn. Dennoch will sie zunächst nicht heiraten. Eine moderne Frau, die weiß was sie will, dafür einsteht und eine gute Portion Vertrauen in ihr Können hat. Zwischenzeitlich jedoch flackert noch einmal ein Fluchtgedanke auf, doch dieses Mal sind es die äußeren Umstände, die Marylin zurückhalten. Und wohl auch die Zuneigung, die sie Philip gegenüber tatsächlich entwickelt hat. Philips Ausdauer wird nun belohnt und das Paar erscheint nun tatsächlich glücklich.

 

Am zweiten Maisonntag, um die Mittagsstunde herum, saßen auf einer Bank des Central Parkes in der Gegend des großen Hügels zwei junge Leute. Es war ein unwahrscheinlich warmer Frühlingstag, die Sonne schien fast sommerlich auf die große Stadt herab. Der junge Mann hatte die Beine lässig von sich gestreckt, den Kopf nach rückwärts gelehnt, und blickte in den wolkenlosen, sattblauen New Yorker Himmel, der an solchen Tagen daran erinnert, daß die Mündung des Hudson und der Golf von Neapel beinahe auf dem gleichen Breitengrade liegen. Das Mädchen, ihrem Nachbar halb zugewandt, hielt die Hände im Schoß und sah ihn von der Seite her an, prüfend und verträumt, scheu aber dennoch in lächelnder Bewunderung.

Doch irgendetwas bleibt für Philip fremd an Marylin. Und auch sie macht immer wieder vorsichtige Andeutungen, dass sie wohl ein Paar bleiben würden, keine Familie. Ganz klar hatte Marylin ein Geheimnis, doch welches? Hing es mit ihrer Familie zusammen? Bereits in jungen Jahren war sie zur Vollwaise geworden. Zunächst verlor sie ihre Mutter – nicht einmal ein Bild hatte sie von ihr – und dann später, den Vater, dessen Foto sie stets in Ehren hielt.Währende Philip beruflich weiterkommt und auch Freundschaften unterhält, die seinem Arbeitgeber nicht ganz Recht sind – handelt es sich zwar um Personen des öffentlichen Lebens, aber eben der falschen Hautfarbe – versucht Marylin gesellschaftliche Ereignisse zu meiden. Gerade wenn sie in Zusammenhang mit dem berühmten Boxer Patterson oder dessen Freund und aufstrebendem Sänger Harley zu tun haben. Doch nach und nach wird gerade die Freundschaft zu Harley enger und damit auch alltäglicher. Zumindest im Hause Philip und Marylin Garrett.

Arthur Rundt hat mit seinem kurzen aber äußerst eindrücklichen Roman Marylin keine Geschichte über ein Paar geschrieben – obwohl man das bis hierhin vermuten könnte. Vielmehr hat er in diesen Roman eigenhändig erworbenes, profundes Wissen über die amerikanische Gesellschaft der 1920er beziehrungsweise 1930er Jahre gepackt und dieses in den Bezugsrahmen einer zwischenmenschlichen Beziehung gesetzt. Denn was leider auch heute noch hochaktuell ist, war damals nicht minder wichtig: die Herkunft eines Menschen.

Wie in vielen Werken der damaligen Zeit arbeitet auch Arthur Rundt fast journalistisch, trägt unterschiedliche Steinchen zu einer Gesamtkomposition zusammen, lässt die Metropole – Marylin und Philip leben als Paar in New York – nicht außen vor und ist damit ein würdiger Vertreter der Literatur des Jazz Age und der sogenannten Neuen Sachlichkeit. Denn sachlich ist sie, die Sprache, derer er sich bedient. Und dennoch schafft er damit Atmosphäre. Während die Figur des Philip zunächst etwas beängstigend, später jedoch ausdauernd, fürsorglich und sympathisch erscheint, gewinnt Marylin erst an Kontur, als ihr Geheimnis vermeintlich gelüftet ist. Sie bringt – nach langer Zeit des Wartens – ein Kind zur Welt, auf das sie sich freuen zu scheint, aber gleichzeitig ängstlich erwartet. Das ist nicht unbedingt untypisch für eine junge Frau, die ihr erstes Baby erwartet. Für eine so selbst bestimmte Frau, die Marylin im Grunde aber ist, jedoch nicht erwartet. Und so wiegt das Geheimnis, das sie niemandem gegenüber gelüftet hat, weil sie glaubte, vielleicht darum herum kommen zu können, schlussendlich schwer. Philip denkt an Betrug, da er die wahre Herkunft seiner über alles geliebten Frau nicht kennt. Tatsächlich ist es aber die Genetik, die hier die Finger im Spiel hat und Marylins Wurzeln auch äußerlich nicht mehr verleugnen lässt.

Ist Philip ein Rassist? Klar ist, er fühlt sich betrogen und das auch noch doppelt und könnte mit dem vermeintlichen Betrug vielleicht leben, wäre dieser nicht so offensichtlich. Tatsächlich besitzt er nicht die Ressentiments, die sein Chef gegenüber anderen Hautfarben pflegt. Außerdem hat er – wie so viele andere seiner „weißen“ Freunde nicht erkannt, dass Marylins Herkunft eine andere ist. Im Gegensatz zu Patterson und Harley. Äußerlichkeiten sind es, die damals und heute großen Einfluß auf die Bewertung von Menschen nehmen. Traurig, aber großartig von Arthur Rundt aufgezeigt und für uns Leser eine glückliche Wiederentdeckung, die in jedes ernst gemeinte heimische Bücherregal gehört. Dem österreichischen Verlag edition atelier ist diese wunderschön gestaltete und deshalb nun auch mit einem Coverpreis der Jungen Kritiker ausgezeichnete Ausgabe zu verdanken. Außerdem ist das Buch mit einem klugen und interessanten Nachwort versehen, das weiterführende Literatur quasi aufdrängt. Ein wahres Kleinod der Literatur und ein Trigger für mich, mich vermehrt mit der Literatur Arthur Rundts, seiner Kollegen und deren Zeit zu befassen.

Ja, Mr. Garrett, Sie dürfen einen Farbigen als Diener in Ihrem  Büro haben oder als Chauffeur, eine Farbige zur Hausarbeit oder als Köchin. Wenn sie in einer dienenden Stellung sind und, was man von ihnen verlangt, ordentlich verrichten, dann gibt’s keinen Konflikt, dann ist’s sogar möglich, daß der Weiße die Treue des Farbigen erwidert. Ihr bekämpft den Schwarzen, wenn er noch nicht so weit ist, einen Dienst ordentlich zu verrichten, wenn er noch auf der niedrigsten Stufe steht, roh ist und zu allem fähig. Und ihr bekämpft ihn auch, wenn er sich Bildung aneignet und zu euch aufsteigt, ein selbstständiger Kaufmann sein will oder ein Arzt oder ein Advokat. Nur wenn er euch als nützliches Haustier dient, dann seid ihr mit ihm zufrieden.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 25. Januar 2017
  • Verlag : Edition Atelier
  • ISBN: 978-3-903005-28-0
  • Leinen, gebunden mit Lesebändchen: 176 Seiten

 

 

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