Der Astronaut ohne Anzug, der dennoch atmen konnte

“ Es ist wirklich wie bei Star Trek: The Next Generation. Wir schweben im Weltraum und versuchen zu verstehen, was es bedeutet ein Mensch zu sein.“

Solomon Reed ist 17 Jahre alt und hat das Haus seiner Eltern seit drei Jahren nicht verlassen. Freiwillig. Alles, was er braucht, hat er dort. Das Draußen ist zu viel für ihn, beschert ihm nur immer häufigere Panikattacken und so genießt er die Sicherheit und Ruhe des Hauses in vollen Zügen. Selbst sieht er sich angesichts der globalen Weltlage als durchaus verwöhnten Teenager, der einfach für das Leben draußen, in der Realität, zu neurotisch ist. Seine Eltern bedrängen ihn nicht, weil sie ihn lieben und wissen, dass es ihm einfach zur Zeit nicht möglich ist, die Außenwelt zu ertragen, hatten die Panikattacken ihn doch dazu gebracht, sich vor der Schule auszuziehen und in den dortigen Brunnen zu legen. Die meisten der Schüler, die das miterlebt hatten, erinnern sich kaum oder gar nicht mehr an Sol(omon) und seine etwas schräge Aktion. Anders Lisa Praytor. Lisa ist eine kluge junge Frau mit dem Wunsch, ein Psychologiestudium an einer der besten Universitäten absolvieren zu können. Doch dazu braucht sie ein Stipendium, für das wiederum ein Aufsatz über ihre persönlichen Erfahrungen mit psychisch kranken Menschen gefordert wird. Und spätestens hier fällt ihr Sol wieder ein. Schon damals, als er sich in den Brunnen legte und danach nie mehr an der Schule erschien, wollte sie genauer wissen, was mit ihm los war. Ihm helfen. Und das ist, neben dem Aufsatz, der zweite Grund, weshalb sie versucht, Sol ausfindig zu machen und sich mit ihm anzufreunden. Was ihr schließlich auch gelingt. Doch damit beginnt nicht nur Sols, sondern auch Lisas und Clarks – Lisas Freund und ebenso Star Trek: The Next Generation – Fan wie Sol – Leben komplizierter zu werden. Aber auch reicher.

Hochgradig unlogisches Verhalten ist John Corey Whaleys drittes Jugendbuch. Sein Sujet ist und bleibt die Suche nach einem eigenen Platz im Leben. Junge Menschen, die mit irgendetwas zu kämpfen haben, versuchen eben einfach klar zu kommen. Jeder dieser drei wunderbaren Romane hat jedoch seinen ganz eigenen Stil, seine eigene Wahrheit. Äußerst authentisch vermag es Whaley aber in all seinen Romanen die Gedankenwelt der unterschiedlichen Teenager auszuleuchten. Immer gilt es, Widerstände oder gar sich selbst zu überwinden.

Ins seinem ersten Roman Hier könnte das Ende der Welt sein geht es um das Verschwinden eines Jungen und darum, wie die Zurückgebliebenen damit umgehen. Ganz besonders gelungen ist hier für mich das Ende, das Whaley nicht offen sondern alternativ gestaltet hat, womit mancher Leser leider nicht ganz zurecht kommen mag. Das zweite Leben des Travis Coates erzählt von einem jungen Mann, der sich, seines unausweichlichen Todes gewiss für ein ausgefallenes kryronisches Experiment zur Verfügung stellt und erfahren muss, was fünf Jahre im Leben eines Menschen ausmachen können. Sein soeben im Hanser Verlag erschienener dritter Roman hat nun einen 17 Jahre alten Protagonisten, der vollkommen zurückgezogen lebt. Unterschiedliche Themen und doch haben sie eines gemeinsam: Die Rettung erfolgt immer durch Freundschaft.

Geschickt lässt Whaley den Leser die Hintergründe von Sols Verhalten selbst herausfinden. Glücklicherweise hat der Junge ein sehr verständnisvolles Umfeld und selbst eine gute Portion Willen, sich Stück für Stück an Neues heranzuwagen. Lässt man Gefühle zu, können sie überwältigen, man kann aber, ist man wie Sol bereit, Hilfe anzunehmen, lernen, mit dieser Überwältigung umzugehen. Und auch hier hat Sol Glück, dass er zwei Freunde wie Lisa und Clark findet. Das mag manchem zu sehr konstruiert erscheinen, aber ist es nicht so im Leben, dass die Situationen, Dinge und Menschen, die man wirklich braucht, zu einem kommen, wenn man sie nur lässt?

Sprachlich wunderbar flüssig, mit gutem Witz und klugen Erkenntnissen, ist Hochgradig unlogisches Verhalten nicht nur ein Buch für Jugendliche, sondern auch Erwachsene, die die Teenagerzeit ihrer Kinder vielleicht etwas besser verstehen wollen. Jugendliche werden sich auf jeden Fall wiederfinden und das auf kluge und unterhaltsame Weise.

Wer bisher noch nichts von Whaley gelesen hat und kluge Jugendbücher liebt, der sollte einfach den Buchhändler seines Vertrauens aufsuchen – und zwar schnell.

“ Die Welt ist groß und beängstigend. Aber wir können da draußen überleben. Solomon Reed hat es vorgemacht. Ich habe seine Hände gehalten, und wir haben bis zehn gezählt, und es war schön. Er war ein Astronaut ohne Anzug, doch er konnte atmen.“

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 24. Juli 2017
  • Verlag: Hanser Verlag
  • ISBN: 978-3-446-25705-4
  • Gebunden: 240 Seiten
  • Ab 13 Jahren

 

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2 Gedanken zu “Der Astronaut ohne Anzug, der dennoch atmen konnte

  1. Ich hab mir das Buch voller Vorfreude bestellt, weil es wirklich sehr vielversprechend klingt – als ich dann geschaut habe, was der Autor noch so geschrieben hat, ist mir aufgefallen das “ Hier könnte das Ende der Welt sein“ schon seit Ewigkeiten auf meinem SUB liegt.
    Es ist jetzt also wirklich an der Zeit, mich mit dem Autor vertraut zu machen und nach deinen Rezensionen freue ich mich schon darauf!

    Alles Liebe
    Yvonne

    Gefällt 1 Person

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