Das ist nicht meine Welt

Vorab, in der Zeit wird hier überhaupt nicht gelaufen. Wer bei diesem schönen schwarzen Buch (Ist echt ein Hingucker und Anfasser wert) auf ein Zeitreise-Buch hofft, wird enttäuscht werden, denn um Zeit geht es hier überhaupt nicht. Vergleichbar ist das Buch eher mit diesem hier, nur viel besser.

„Was wäre wenn?“, „Hätte ich doch nur!“ – wie oft sagen wir das, wenn wir eine falsche Entscheidung getroffen haben! Die Frage, was wäre passiert, wenn ich mich so und nicht so entschieden hätte, drängt sich oft auf. Doch was ist falsch, was ist richtig? Entscheidungen, die uns anfangs falsch erscheinen, können auf längere Sicht doch die richtige Wahl gewesen sein. Man schaue nur Filme wie z.B. Butterfly Effect oder Zurück in die Zukunft, in der eine Entscheidung die ganze Welt veränderte und jede nachträgliche Änderung alles nur noch verschlimmbesserte. Was ein Glück, können wir unsere Entscheidungen nicht rückgängig machen, auch wenn so manche Gräueltaten der Weltgeschichte vielleicht nicht passiert wären, wenn … Lassen wir das Thema – oder besser widmen wir uns dem Buch, welches dieses Was-wäre-wenn-Szenario aufgreift.

Dark Matter = Dunkle Materie, ist Materie, deren Existenz einzig dadurch erklärt wird, dass sich die Umlaufgeschwindigkeit der Sterne nicht so verhält, wie sie sich nach dem Gravitationsgesetz verhalten sollte. Nachgewiesen wurde die Existenz der dunklen Materie bis jetzt noch nicht. Aber wenn ich dem Wikipedia –Eintrag Glauben schenken kann, sind wir von mehr dunkler Materie umgeben, als von sichtbarer. Etwas, das sich gut in einem Science-Fiction-Roman ausschlachten lässt, da bei diesem Thema viel Handlungsspielraum ist.

Jason Dessen ist glücklich. Er hat die Frau seiner Träume. Beide haben ihre eigene Karriere aufgrund der Geburt und der ersten schwierigen Jahre ihres Sohnes aufgegeben. Sie war eine aufstrebende Künstlerin, er ein genialer Physiker. Bei der Feier eines Kollegen von ihm, wird er auf dem Nachhauseweg entführt und niedergeschlagen. Er erwacht in einer veränderten Welt, in der er keine Familie hat, keinen Sohn, aber dafür einen Kubus und eine Droge gefunden hat, die es ermöglicht, zwischen den Welten zu reisen. Er ist ein geachteter weltberühmter Physiker, doch insgeheim sehnt er sich nach seiner alten Welt zurück.

„Niemand sagt einem, dass sich alles ändern, einem alles genommen wird. Es gibt keine Warnung, keinen Hinweis darauf, dass man bereits am Abgrund steht. Und vielleicht ist es das, was eine Tragödie so tragisch macht. Es geht dabei, nicht nur um das, was passiert, sondern wie es passiert. Es ist dieser Schlag in die Magengrube, wenn man es am wenigsten erwartete. Keine Zeit, um auszuweichen oder sich wegzuducken.“

Nun beginnt ein spannendes, rasantes, richtig zackiges Buch. Zackig, weil sich der Stil des Buches der Schnelligkeit des Inhaltes anpasst. Teilweise stehen einzelne Wörter im Stakkato untereinander und betonen die Unruhe die den Helden erfasst. Er denkt an das, was er verlor. Und je länger die Zeit läuft, desto verzweifelter wird er. Ab und an sind ein paar ärgerliche Klischees eingebaut, wie der Mann mit dem Hut, der beim Blick aus dem Hotel auf dem Bürgersteig steht und ihn anscheinend beobachtet. Das wirkt dann wie in einem drittklassigen Spionagefilm, als hätte Blake Crouch ein paar Thriller-Puzzle-Stücke eingesetzt.

Doch ansonsten besticht das Buch durch seine verständliche Darstellung des Schrödingers-Katze Experiments und die immer wieder eingeflochtenen philosophischen Betrachtungen Jasons.

Nichts ist da.
Alles ist ein Traum.
Gott, die Menschen, die Welt, die Sonne,
der Mond, das Gewirr der Sterne
…ein Traum … alles ein Traum.
Sie sind nicht vorhanden.
Nichts ist vorhanden
Nur der leere Raum – und du!…
Und du bist nicht du – du hast keinen Körper,
kein Blut und keine Knochen.
Du bist nur ein Gedanke

Mark Twain

Klar wird es am Ende noch romantisch und enthält einen Schuss Hollywood-Kitsch:

„Ich entsinne mich auch noch deiner Lippen, die an einigen Stellen dunkelrot vom Wein waren. Vom Verstand her habe ich immer gewusst, dass unser aller Getrenntsein und unser aller Isolation reine Illusion ist. Wir alle sind aus derselben Materie, sind alle hervorgegangen aus den herausgeschleuderten Partikeln sterbender Sterne. Aber noch hatte ich dieses Wissen nicht wirklich in meinem tiefen Innern gespürt – zumindest nicht bis zu diesem Moment im Garten mit dir. Und wegen dir.“

Hach! Schmacht!

Die Filmrechte sind schon verkauft. Wenn der Film dann rauskommt, besorge ich mir eine große Packung Popcorn und lasse mich bereitwillig berieseln. Ein unterhaltsamer, spannender und gut gemachter Science-Fiction-Thriller.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe: 27.März 2017
  • Verlag: Goldmann
  • ISBN:  978-3-442-20512-7
  • Paperback: 416 Seiten
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6 Gedanken zu “Das ist nicht meine Welt

  1. Ich habe auch nicht so recht verstanden, warum man sich in Deutschland für diesen irreführenden Titel entschieden hat… Im Englischen heißt das Buch einfach „Dark Matter“ – weitaus treffender 🙂

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    • Über sinnfreie Übersetzungen englischer Originaltitel echauffiere ich mich auch regelmäßig. 🙂 Seitens der Verlage scheint es da nur zwei Möglichkeiten zu geben: Entweder man macht aus dem englischen Titel einen deutschen, der in den allermeisten Fällen eine gänzliche andere Bedeutung hat oder aber, man übernimmt den Originaltitel auch für die deutsche Ausgabe, kann dann aber sicher sein, dass dieser mit einem möglichst bescheuerten deutschen Untertitel versehen wird.

      Ich würde mir wirklich wünschen, mir würde mal jemand erklären, welcher Gedanke dieser Vorgehensweise zugrunde liegt…. 🙂

      Gefällt 2 Personen

      • 😀 Da hast du absolut recht! Das verheerendste Deutscher-Titel-Desaster war für mich auf jeden Fall „The curious incident of the dog in the night-time“. Da lautet der deutsche Titel „Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone“. Da weiß man gar nicht, ob man lachen oder weinen soll.

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      • Okay, das ist übel! 😉

        Ich fand es schon schlimm als man dem Fantasy-Roman „The River Kings’ Road: A Novel of Ithelas“ von Liane Merciel den deutschen Titel „Der Krieger und der Prinz“ gemacht hat.

        Im Original klingt das prima, die Übersetzung klingt nach Iny Lorentz… 😉

        Gefällt 1 Person

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