The Fritz

u1_978-3-10-397211-5Ein jüdisches Mädchen auf der Flucht vor den Deutschen. Man hat ein solches oder ähnliches Motiv schon so oft vorgesetzt bekommen, dass man meinen könnte, bereits alles darüber zu wissen oder zu kennen. Und so war mein erster Impuls, ich gebe es beschämt zu, leicht genervt das Buch beiseite zu legen und noch ein bisschen abzuwarten, weil mich andere Themen gerade viel brennender interessierten. Doch dann blätterte ich ein wenig durch die Seiten und las mich bereits bei der dem Roman vorangestellten Begrüßung des Programmleiters fest.

Jedesmal, wenn wir ein Buch aufschlagen, schlägt unser Herz mit der Hoffnung, dass sich hinter dem Umschlag eine Geschichte verbirgt, die wie ein Komet durch unser Leben fegen wird und mit einem Lichtstreif alles verändert – unseren Blick, unser Empfinden und Fühlen.

Gut getroffen, denn in der Tat ist es ja das, wonach man als leidenschaftlicher Bücherfreund immer sucht: nach einem Impuls, nach einer guten Story, die einem mehr als nur gutes Lesevergnügen bietet, die einen berührt, einen im besten Falle weiterbringt und anstößt, im echten Leben vielleicht sogar anders zu reagieren als vor der Lektüre.

Das hier behandelte Thema ist, wie eingangs erwähnt, kein Novum – und man kann als Autor auch die Weltgeschichte nicht neu erfinden, man kann sie aber sehr wohl auf ganz eigene Weise zum Leben erwecken. Emmanuelle Pirotte gelingt es, die nüchternen Fakten, die einem hinreichend bekannt sind, mit starken Emotionen und prallen Bildern zu füllen, so dass sie einen regelrecht verfolgen.

Renée, das siebenjährige jüdische Mädchen, wird in den Ardennen bei einer Familie versteckt. Seine Eltern sind verschwunden. Als die Deutschen, obwohl wir uns im aussichtslosen Kriegswinter des Jahres 1944 befinden, einen ihrer letzten verzweifelten Versuche starten, das Ruder doch noch einmal herumzureißen, scheint es für Renée bei ihrer neuen Familie nicht mehr sicher genug zu sein. Sie wird dem Pfarrer übergeben, doch auch dem ist die Mission „Kindrettung“ rasch zu heikel, er reicht sie seinerseits weiter an zwei amerikanische Soldaten, die er in ihrem Jeep anhält, als sie in hohem Tempo an ihm vorbeibrausen wollen.

Renée wurde auf der Rückbank hin und her gerüttelt. Sie zog ihr Lumpenmännchen aus der Tasche. Der Fahrer begann mit seinem Nachbarn zu reden:
„Und jetzt, was machen wir?“
Deutsch. Das war Deutsch, keine Frage. Sie kannte die Sprache derer, die ihr niemals über den Weg laufen durften, genau. Sie hatte sie nur zweimal gehört, aber niemals könnte sie diese Sprache mit einer anderen verwechseln. Sie stach wie ein Strauß Brennnesseln, sie hatte die Farbe, die Konsistenz eines Eisblocks […]

Ein Moment, wie aus einem Drehbuch entsprungen. Das schutzbedürftige Kind wird aus Versehen direkt in die Höhle des Löwen katapultiert.

Unternehmen Greif war der Deckname für dieses besonders perfide Kommandounternehmen: Wehrmacht-Soldaten unter dem Befehl des österreichischen SS-Obersturmbannführers Otto Skorzeny mussten hierbei US-Uniformen tragen und gegnerisches Gerät verwenden. Ziel war zum einen die Verwirrung auf amerikanischer Seite, zum anderen die Einnahme Antwerpens, wo sich das wichtigste Munitionslager der Alliierten befand.

Renée hat also extrem schlechte Karten, denn was die zwei deutschen Soldaten mit dem jüdischen Mädchen tun müssen, ist beiden Seiten klar. Doch dann, als Renée tief drin im Wald steht, und der Deutsche die Pistole auf sie richtet, geschieht etwas gänzlich Unerwartetes:

Renée fragte sich, was für ein Gesicht der Soldat wohl machte, der sie töten würde, der andere, der hinten geblieben war, der, dessen Augen sie im Jeep flüchtig gesehen hatte, der mit der grabestiefen Stimme. Sie wollte ihn sehen. Sie wollte, dass er sie sah. Sie begann sich um ihre eigene Achse zu drehen, ganz langsam, und ihre Augen trafen die seinen. Sie waren hell und kalt. Und plötzlich zuckte darin ein seltsames Schimmern auf, die Pupillen weiteten sich. Der Deutsche schoss. Renée schreckte zusammen. Eine Sekunde lang schloss sie die Augen, und als sie sie wieder öffnete, lag der andere Soldat im Schnee, mit einem verstörten Ausdruck. Renée brauchte eine Weile, bis sie begriff, dass sie unversehrt war. Sie betrachtete den niedergestreckten Mann, dann wieder den anderen, der genauso überrascht schien wie sie selbst.

Eine merkwürdige Verbundenheit ist entstanden zwischen dem verkleideten Soldaten und dem Mädchen in diesem entscheidendsten aller Augenblicke. Und sie hält an. Doch es wird nicht kitschig, sondern es bleibt alles spröde. Beide Seiten sind sich nicht klar, was das nun werden soll, wie es weitergehen soll. Und trotz der Verbundenheit, die auch er spürt, ist ihm Renée nicht uneingeschränkt sympathisch, nein, sie nervt ihn sogar. Mit ihrer Fragerei und ihrem „Kind sein“.

Sie finden eine verlassene Hütte im Wald, wo sie sich erst mal verschanzen. Der Soldat beginnt zu jagen, Fallen auszulegen, damit sie etwas zu essen bekommen, und allmählich formt sich ein Bild von diesem Kerl, der so unerwartet gehandelt hat, als er eigentlich nur ein weiteres Mal hätte seine Pflicht erfüllen müssen.

Doch bald schon wird die ganze Emotionalität dem Soldaten zu viel, sie nimmt ihm die Luft – so nah ist ihm lange niemand mehr gekommen, wie dieses Gör. Er schwankt zwischen Verachtung und Bewunderung für das Kind. Er braucht wieder Ruhe in seinem Gefühlsleben und beschließt, Renée im nächsten Dorf abzugeben. Gesagt, getan.

Aber hatte er mit emotionaler Stabilität gerechnet, nachdem er sie losgeworden war, so wird er bald eines Besseren belehrt. Er vermisst sie, muss er sich eingestehen, als er in der Hütte, zu der er zurückkehrt, ihren Schal in der Ecke liegen sieht. Und plötzlich weiß er, dass er sie wiedersehen will, koste es, was es wolle. Der als Amerikaner getarnte Deutsche macht sich auf, sie aus dem französischen Dorf zurückzuholen, wohlwissend, dass dies merkwürdig, auffällig und unpassend ist – und vorallem hochgradig gefährlich. Für sie wie für ihn. Und tatsächlich, diese Entscheidung sollte sein Leben bis aufs Äußerste verändern.

„Heute leben wir“ beschreibt in einer so klaren, ehrlichen, manchmal schon fast brutalen Art und Weise die Dinge, wie sie nun eben sind, dass man nicht anders kann, als sich dem hinzugeben. Manchmal erschreckt einen die Abgeklärtheit des kleinen Mädchens, doch dann wieder erscheint es die einzig mögliche Art, wie man eine so absurde Lebenssituation durchstehen kann. Stoisch, ruhig, nicht von dieser Welt. Nur selten bricht aus ihm das „normale“ Verhalten eines Kindes hervor. Doch wer sollte es dem Kind verübeln, wo es doch keine Normalität kennt. Und trotzdem ist dies einer der wenigen Kritikpunkte, sollte man unbedingt einen haben wollen: Das Wesen dieses Mädchens wirkt an manchen Stellen nicht mehr nur abgeklärt, sondern fast schon abgehoben. Unwirklich. Kaum vorstellbar, dass ein Kind mit sieben Jahren so handeln und reden kann. Auch wirkt die Beziehung zwischen den beiden, die altersmäßig eindeutig in Vater- und Tochter-Rollen einzuordnen sind, stellenweise fast schon ein wenig erotisch. Oder habe nur ich die kleinen Eifersuchtsanfälle Renées, wenn „ihr“ Soldat mit der Dorfschönheit flirtet, oder die Momente, in denen der Deutsche sich einfach nicht klar ist, was er für die Siebenjährige übrig hat, so empfunden?

Pirotte jedenfalls lässt so einiges offen, zieht den Spannungsbogen bis zur letzten Seite, so dass man ein ums andere Mal zittert, wie die Geschichte wohl ausgehen mag.

Klare Leseempfehlung für eine packende Story mit Charakteren, die weit über das normale „Gut-Böse-Schema“ hinausreichen.

Eine weitere Besprechung des literarischen Geheimtipps findet sich hier: https://buchrevier.com/2017/06/04/emmanuelle-pirotte-heute-leben-wir

 

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 1. Auflage 2017
  • Verlag: S. Fischer
  • ISBN: 978-3-10-397211-5
  • Gebunden: 288 Seiten

 

 

 

 

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