Lange Schatten

u1_978-3-10-002283-7** Gastrezension von daslesendesatzzeichens Göttergatten **

Den meisten Deutschen sind die schrecklichen Jahre der Nazizeit sehr bewusst (Ausnahmen machen leider aktuell wieder Schlagzeilen). Vielleicht ist der starke Eindruck jener eigenen Vergangenheit der Grund, warum die Deutschen über diese Zeit in ihrem Lieblingsurlaubsland kaum Kenntnis haben. Zwischen 1936 und 1939 wütete in Spanien ein Bürgerkrieg zwischen Republikanern und Nationalisten. Die Nationalisten – oder Faschisten – unter General Franco gingen aus diesem Krieg als Sieger hervor. Erst nach Francos Tod 1975 fand Spanien den Weg zu der heutigen Demokratie.

Die Zeit des Bürgerkriegs aber vor allem auch die langen Jahre der totalitären Herrschaft Francos bilden den Rahmen einer Tetralogie von Carlos Ruiz Zafón. Nach „Der Schatten des Windes“ (2003), „Das Spiel des Engels“ (2008) und „Der Gefangene des Himmels“ (2012) ist als letzter Band jetzt „Das Labyrinth der Lichter“ erschienen.

Obwohl viele der Protagonisten der ersten drei Bände in „Das Labyrinth der Lichter“ wieder eine Rolle spielen, kann das Buch auch gelesen werden, wenn man die anderen Bände nicht kennt. Vielleicht ist das sogar ein Vorteil, doch dazu später.

Mauricio Valls gehört zu den Gewinnern der nationalen Bewegung und ist durch die Gunst Francos zum nationalen Bildungsminister aufgestiegen. Er gilt als wichtige Persönlichkeit der politischen Kulturszene und nur unter der Hand wird auf seine Vergangenheit verwiesen. Von 1939 bis 1944 war er Direktor des berüchtigten Gefängnisses Montjuic in Barcelona, wo Folter und Morde an der Tagesordnung waren.

Die Geschichte beginnt 1959 in Madrid, als die Vergangenheit Mauricio Valls einholt. Am Abend eines großen Balls in seiner Villa erhält er von einem Unbekannten einen Drohbrief: „Deine Zeit ist um. Du hast eine letzte Chance. Beim Eingang zum Labyrinth.“ Schon vorher war er solchen Schreiben ausgesetzt und hatte sich aus Angst vor einem Anschlag weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Ohne mit jemanden darüber zu sprechen, bricht er am frühen Morgen des nächsten Tages mit seinem engsten Leibwächter auf: „Die Stunde ist gekommen, Vicente. Ich kann mich nicht länger verstecken. Jetzt oder nie. Kann ich auf dich zählen?

Ab da verliert sich die Spur von Valls.

Ohne das Verschwinden des Ministers der Öffentlichkeit mitzuteilen, beginnt die Polizei mit der Suche. Der Polizei waren die Drohbriefe an Valls bereits vor seinem Verschwinden bekannt. Sie vermutet einen Zusammenhang mit Valls Vergangenheit und damit auch mit der dunklen Zeit des Bürgerkriegs. Die Polizei schaltet Leandro Montalvo ein. Montalvo leitet eine Einheit der Sicherheitspolizei, die sich im Graubereich des Legalen bewegt.

An dieser Stelle kommt die eigentliche Hauptperson des Buchs ins Spiel. Alicia Gris, 29, arbeitet für Montalva seit sie 17 Jahre alt ist. Zusammen mit einem Hauptmann der Polizei, der ihr zugeordnet wird, beginnt Alicia mit der Suche. Im Arbeitszimmer von Valls finden sie in einem Versteck das Buch „Das Labyrinth der Lichter VII – Ariadna und der Scharlachprinz“ des fiktiven Autors Victor Mataix.

Am Abend erhält Alicia die Mitteilung, dass man Valls Wagen in Barcelona gefunden hat. Von ihm und seinem Leibwächter keine Spur. Am nächsten Morgen nimmt Alicia den ersten Zug nach Barcelona …

Doch auch Alicia wird von ihrer Vergangenheit eingeholt. In Barcelona wuchs sie auf, dort verlor sie ihre Eltern, dort wurde sie im Bombenhagel als 12-Jährige schwer verletzt. Und dort wurde sie von Montalva als kriminelle Jugendliche für seine Dienste angeworben.

Wie die drei ersten Bände spielt „Das Labyrinth der Lichter“ hauptsächlich im Barcelona der Francozeit. Wieder werden der Friedhof der verlorenen Bücher und die Buchhandlung der Familie Sempere zu zentralen Orten der Handlung.

Auf der Suche nach Valls wird Alicia schließlich klar, dass es hier um mehr geht. Es geht um ein schreckliches Verbrechen aus der Zeit kurz nach Ende des Bürgerkriegs. Verübt von mittlerweile mächtigen Persönlichkeiten Spaniens. Wie mächtig diese Menschen sind, erlebt Alicia, als sie von dem Fall abgezogen wird. Für Alicia ist es aber nicht mehr nur ein Fall. Es geht ihr um die Wahrheit, und sie ermittelt auf eigene Faust weiter. Sie ist fest entschlossen, das Verschwinden von Valls aufzuklären.

Mit der Erfahrung der ersten drei Bände kann Zafón es nicht verhindern, dass sich bei mir beim Lesen immer häufiger ein Wiederholungseffekt einstellt.
Er liebt Bücher und weist ihnen in seinen Erzählungen wesentliche Rollen zu. Die Bücher, in diesem Band  „Ariadna“, genauso wie die Schicksale der fiktiven Schriftsteller, sind letztlich Mittel, die vielen losen Fäden der Geschichte zu verbinden und die Rätsel zu entschlüsseln. So grau Zafón Barcelona und das Leben dort schildert, so konsequent teilt er die Figuren seiner Geschichte in gut und böse auf. Es gib die Reinen, wie Daniel Sempere, der als Sohn und Vater für seine Familie da sein möchte und versucht, die Wahrheit über den Tod seiner Mutter Isabella zu erfahren. Es gibt aber auch die Bösen, wie den „Schlächter“ Hendaya, einen Polizist, der vom Hass getrieben die Wahrheit unterdrücken will. Alle Figuren der Geschichte lassen sich auf diese Weise einteilen, es gibt „die unten“ und „die oben“, es gibt „die vom Schicksal Betrogenen“ und „die Opportunisten“. Diese Charakteristika seiner Erzählungen fesseln beim ersten Kontakt mit Zafón. Mit ihrer Wiederholung auch im vierten Teil haben sie für mich jedoch ihren Reiz eingebüßt.

Nichtsdestotrotz ist Zafón ein brillanter Erzähler. Auf über 900 Seiten zieht er mich wieder hinein in sein geheimnisvolles Barcelona. Es ist beeindruckend, wie er im vierten Band die zahlreichen Figuren und Handlungen aller Bände miteinander in Verbindung setzt und alles schließlich auflöst. Letztlich ist die Geschichte um den Friedhof der verlorenen Bücher mit dem vierten Band nun aber auch auserzählt.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 1. Auflage 2017
  • Verlag: S. Fischer
  • ISBN: 978-3-10-002283-7
  • Gebunden: 944 Seiten

 

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