Geister der Vergangenheit

Geister – flüchtig, nicht greifbar, nebelartig durchsichtig aber nicht durchschaubar. Sie existieren als Anker in der Vergangenheit, der uns festhält, uns nicht weiter gehen lässt in unsere Zukunft, machen uns Angst, schränken uns ein, andererseits gibt es auch die guten Geister, die uns unsichtbar helfen, den Schubs in die richtige Richtung geben. Vielleicht trifft der Begriff Geister auch manchmal nicht ganz den Punkt, wenn es darum geht, zu beschreiben, welcher Art Ereignisse, Erlebnisse, Begegnungen sein können, die uns und unseren Lebensweg nachhaltig beeinflussen. Häufig sind es unsere Dämonen, die uns lenken.

In Nathan Hills Debutroman Geister – der im Original The Nix heißt und damit nach einem ganz bestimmten norwegischen (Haus-)Geist benannt ist – sind es mehr oder weniger Dinge bzw. Menschen, die wir lieben. Zu sehr lieben, als dass sie bei uns blieben. Wer kennt es nicht, das Gefühl, dass etwas zu schön ist, um wahr zu sein, ein zu großes Glück, um nicht durch etwas Negatives zerstört zu werden? Auch dem Glück muss man vertrauen können – und wenn man das nicht schon früh lernt, dann ist das im weiteren Leben schwierig.

Doch was macht unser Leben lebenswert und können wir Vergangenes immer weiter für unser späteres Verhalten verantwortlich machen? Was können wir tatsächlich wissen und wie beeinflusst es unsere Handlungen? Hill führt uns über eine kleine Begebenheit – die Mutter des Protagonisten attackiert per Kieselsteinwurf einen aufstrebenden aber nicht koscheren Politiker – hinüber zu den Ereignissen in Chicago 1968, die sich vielleicht nicht spontan so dynamisch entwickelten, wie gedacht, sondern schon damals durch massive Manipulation aus unterschiedlichen Richtungen gesteuert waren. Das Verbindungsglied dazu ist, wie bereits angedeutet, die Mutter des jungen Literaturprofessors Samuel Anderson, der allerdings selbst so ein paar Geister mit sich herumschleppt. Allen voran besagte Mutter, die ihn und seinen Vater ohne (damals) ersichtlichen Grund verließ. Nun, nach Jahren in denen Sam nichts von ihr gehört hat, taucht ihr Anwalt auf, um ihn zu bitten, für sie im anstehenden Verfahren auszusagen.

Nathan Hill hat mit seinem Roman Geister ein pralles, vielschichtiges und soghaftes Debüt vorgelegt. Prall deshalb, weil so viele Aspekte unseres heutigen Lebens einbezogen sind, vielschichtig, weil er die Verquickung der einzelnen Bereiche durchgängig wunderbar entwickelt und durchgängig bis zum Schluss aufrecht erhält. Der Sog, der sich zu Beginn der Geschichte ergibt, lässt zum Schluss hin zwar ein wenig nach, doch bin ich mir nicht sicher, ob das vielleicht auch an der Tatsache liegt, dass der immerhin 864 Seiten starke Wälzer von zwei Personen ins Deutsche übertragen wurde. Ein leichter sprachlicher Bruch ist spürbar und lässt das Lesetempo sinken.

Gelesen habe ich den Roman, den ich noch immer wärmstens empfehlen kann, schon vor einigen Monaten – alleine mit der Besprechung tue ich mich schwer. Denn so dicht und prall die Geschichte um Samuel, seine Mutter, die Ereignisse In Chicago und die Familiengeschichte Samuels ist, so lange sie in meinem Kopf nachhallte – tatsächlich bis jetzt – so wenig konnte ich selbst in Worte in fassen, was mich an diesem Buch so sehr faszinierte. Zunächst war es die Sprache, die Entwicklung der Geschichte, dann deren Auflösung, die zuletzt vielleicht ein wenig hastig geschieht. Manche Leerstelle bleibt und das ist gut so, viele werden gefüllt, das erwarten wir Menschen. Dennoch erscheint mir dieses Buch nicht adäquat durch mich greifbar.

Dennoch ist es ein Buch, wie ich es liebe. Es handelt von den wichtigen Dingen im Leben eines Menschen. Dingen, die egal, wo eine Katastrophe passiert oder ein Attentat verübt wird, uns ausmachen: Freundschaft, Liebe, Vertrauen – aber auch von Verrat, der überwunden wird, von Verletzung, die Heilung erfahren muss, um ein gutes Leben führen zu können. Dass am Ende des Buches vielleicht ein wenig die Luft raus ist – so empfanden das einige LeserInnen, kann man verzeihen. Denn über eine Strecke von fast 900 Seiten könnte der Überblick schon verloren gehen. Doch genau das ist Nathan Hill eben nicht passiert. Die losen Fäden der einzelnen Geschichten führen am Ende zusammen, da gibt es keinen Zweifel für mich. Und deshalb werde ich Geister sicherlich auch noch ein zweites oder drittes Mal lesen. Unbedingte Leseempfehlung und herzlichen Dank an den Verlag und Autor für das wunderbare Exemplar. Ich bin auf weitere Lektüre von Nathan Hill mehr als gespannt.

Pwnage hat Samuel einst erklärt, dass die Menschen in seinem Leben Feinde, Hindernisse, Rätsel oder Fallen sind, und sowohl für Samuel wie für Faye waren die Menschen damals im Sommer 2011 eindeutig Feinde. Die beiden wollen in Ruhe gelassen werden, doch man erträgt diese Welt allein nicht, und je weiter Samuel in seinem Buch vorankommt, desto klarer wird ihm, wie falsch er lag. Denn wenn du die Menschen als Feinde, Hindernisse oder Fallen betrachtest, liegt du unablässig im Krieg mit ihnen und mit dir selbst. Siehst du sie hingegen als Rätsel, genau wie dich selbst, bringen sie dir Freude, denn am Ende wenn du nur tief genug in sie dringst, wenn du den Deckel des Lebens lüftest, wirst du etwas Vertrautes finden.

Weitere Besprechungen finden sich unter anderem bei Sätze&Schätze, Letteratura, LiteraturReich. Phelmas berichtet über eine Lesung mit Nathan Hill.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe: 04. Oktober 2016
  • Verlag: Piper
  • ISBN: 978-3-492-05737-0
  • Gebunden: 864 Seiten

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s