Viel Lärm um nichts

9783956141676Auf den letzten Seiten lässt Véronique Olmi die Protagonistin ihres Romans „Der Mann in der fünften Reihe“ sagen:

„[…] und dann habe ich die Nacht in einem Bahnhof verbracht und jemandem, der vielleicht zugehört hat, mein Leben erzählt. Ich habe mit der erstbesten reglosen Person gesprochen. […]“

Eine treffende Beschreibung: reglos. Vielleicht reglos vor Freude, ob der schönen Sprache, derer sich Olmi bedient. Vielleicht aber auch reglos vor Erstaunen, was für ein Koloss an Psychodrama da so unerwartet auf einen herniederprasselt.

Die Frau auf der Bühne sieht den Mann im Parkett. Den einzigen unter all den Besuchern im Publikum, der nicht an ihren Lippen hängt, nicht zu ihr schaut. Sie kennt diesen Mann. Sie war mit ihm zusammen – bis vor einigen Monaten.

Die Frau sieht den Mann im Parkett, er sitzt in der fünften Reihe, und ihr Leben nimmt einen anderen Verlauf, denn sie hat das Gefühl, hier, mitten auf der Bühne, sterben zu müssen. Sie kann nicht weiterspielen, die Aufführung muss abgebrochen werden.

In dem mit 112 Seiten recht schmalen Bändchen beschreibt die Schauspielerin Nelly ihren beruflichen Niedergang (oder dramatisiert sie dies nur?), der sich innerhalb weniger Minuten auf der Bühne mitten in der abendlichen Vorführung abspielt.

Sicher, das Buch hat wunderbare Momente, z.B. wenn Nelly erzählt, welch emotionalen Achterbahnfahrten ihr Leben gleicht, wenn sie ein Engagement hat:

„Wenn ich spiele, habe ich vor allem Angst. Krank zu werden. In der Metro steckenzubleiben. Meinen Text zu vergessen. Keine Stimme mehr zu haben. Vorher zu viel an die Abendvorstellung zu denken und meine Energie und Konzentration zu verlieren. Vor der Abendvorstellung zu entspannt zu sein und meine Energie und Konzentration zu verlieren. Der Moment der Vorstellung löscht alle anderen aus, saugt sie ein wie ein schwarzes Loch. Der Tag ist eine ständige Spannung hin zu diesem Lichtmoment.“

Gelungen setzt Olmi hier die Wiederholung in Satzbau und Wortwahl ein, um die Zwiegespaltenheit der Protagonistin in dieser Situation zu zeigen: Es ist ein Drahtseilakt, der unausweichlich kommenden Aufführung die richtige Portion Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Man spürt, dass Nelly unfähig ist, einen normalen Alltag zu leben in diesen Phasen des Bühnenengagements.

Gerade da setzen die inhaltlichen Fragezeichen beim Lesen ein: Man wundert sich unwillkürlich, dass diese exzessive Persönlichkeit als Mutter zweier Kinder konzipiert ist. Die Beschreibung ihres täglichen Lebens lässt keinen Platz für diese angeblich vorhandenen Kinder/Jugendlichen, die, so hat man den Eindruck, zwar bei Nelly wohnen, aber wenig Einfluss auf ihr Dasein zu haben scheinen.

Sie verbringt die Nacht auf dem Bahnhof, nachdem sie die Aufführung hat platzen lassen – selbst bei allmählich pubertierenden Kinder erscheint dies erstaunlich, zumal Nelly nicht mehr mit dem Mann ihrer Kinder zusammenlebt und sie auch keinen Babysitter zu haben scheint.

Es stört deshalb, weil dieser Teil ihrer Persönlichkeit, das Kinder-Haben, keinerlei Einfluss auf das Buch hat, völlig belanglos ist – der Ausgang wäre derselbe, wäre sie nicht Mutter. Warum muss sie dann so angelegt sein?

Das Werk erhebt sich in enormer Geschwindigkeit in philosophierende Sphären; wie die Zeitschrift „Elle“ treffend formuliert:

„Es spricht von Sehnsucht, Liebe, Theater, vom Leben.“

Richtig. Aber … warum? Als Leser bin ich überrascht von all diesen Gedankengängen, an denen mich Nelly teilhaben lässt, die mich nicht mitreißen, weil ich die Person Nelly nicht wirklich fassen kann, mich nicht in sie hineindenken kann. Sie bleibt mir fremd – bis zum letzten Wort.

Warum bricht sie so komplett zusammen auf der Bühne, wo es doch ihr Beruf ist, anderen etwas vorzuspielen? Warum schafft sie das nicht auch in diesem Moment? Ja, sicher, die großen Gefühle. Doch ich kann sie nicht „erfühlen“, die großen Emotionen. Mir erscheint es nicht plausibel, es wirkt alles, bei aller Sprachschönheit und Anerkennung guter Passagen, doch sehr aufgesetzt und gekünstelt. Als habe Véronique Olmi verzweifelt nach einem Rahmen für ihre klugen Gedanken gesucht.

Der kleine Roman überzeugt mich (leider) nicht – aufgrund der sprachlichen Stärken ist Véronique Olmi es jedoch wert, sich ein weiteres ihrer Werke genauer anzuschauen.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: München 2017
  • Verlag: Kunstmann
  • ISBN: 978-3-95614-167-6
  • Gebunden: 112 Seiten

 

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