Viel Spaß

Richard Kraft, Rhetorikprofessor in Tübingen, Ehemann und Familienvater mit geringer Sozialkompetenz, wird mittels einer unvorhergesehen Chance aus seinem provinziellen Tübinger Trott gerissen. Ein Techno – Milliardär hat einen Wettbewerb ausgeschrieben. Anlässlich des dreihundertsiebten Jahrestages des Leibnizschen Essays zur Theodizee über die Güte Gottes, die Freiheit der Menschen und den Ursprung des Übels gilt es in 18 Minuten im „Theodicy and Technodicy: Optimism for a young Millennium“ darzulegen –Why whatever is, is right and why we still can improve it. – Unter den Augen und Ohren der per Livestream zugeschalteten Welt erwartet den Verfasser der preiswürdigsten Antwort eine Million Dollar.
Diese Million, glaubt Kraft, könnte ihn befreien. Von der Frau die ihn nicht liebt, eher verachtet, den Zwillingstöchtern, die die Haltung ihrer Mutter zu teilen scheinen und so macht er sich auf ins gelobte Land des Silicon Valley um den geldschweren „Lorbeerkranz“ zu erringen. Schwafler der er ist, geschickt mit Worten und versiert im Formulieren, ist die Aufgabe dennoch nicht einfach für ihn. Allein schon aufgrund seines Charakters und seines Weltbildes, doch er braucht das Geld:

„Aller irdischen Sorgen ledig, dürfte er sich ganz der Auslotung seiner eigenen Unzulänglichkeit widmen. Dafür ließe sich doch für ein Mal optimistisch sein. Alles ist gut. Hierzu müssen sich doch ein paar überzeugende Argumente finden lassen. Irgendwo in der Geschichte. …

Jonas Lüscher erzählt in diesem kurzen Roman die Geschichte dieses Unsympathen grandios. Der Sog ist da und obwohl Rhetoriker Kraft niemand ist, den man je ins Herz schließen wird, weckt Lüscher Mitgefühl für ihn.

Nie ist es einfach, nie und nichts! Dringt es wie ein ferner Ruf zu ihm. Das hatte er früh erfahren müssen.“

Man ahnt Krafts Scheitern schon voraus, doch wie es sich geriert, das bleibt bis zuletzt hochspannend und erheiternd, wenn man bereits den nötigen Zynismus entfalten konnte, diesen Roman trotz, oder wegen? des frustrierenden Themas zu mögen. Das wiederum macht einem der Autor leicht, denn er brilliert mit seiner Erzählweise und seinen Schlüssen, die er aus dem IST – Zustand zieht, der ihm die Argumentationslast komplett abnimmt. Niveauvoll, dennoch nie zu abgehoben, macht Lüscher aus intellektuellem Geschwafel große Kunst, Feuilleton nah und dennoch ein luftig zu lesendes Vergnügen ist es nicht für die Leser, die nach der Devise no brain no pain leben, schreckt aber auch jene nicht ab, die brain ohne pain nutzen mögen. Er formuliert nur das Gegebene, das aber großartig.

Dabei lässt er den Leser in Zeitsprüngen in die Entwicklung des Antihelden Richard Kraft vom überzeugten Neoliberalen ein. Nebenbei erfährt man erhellende Details zum Lebensweg und Werdegang des durchweg negativ gestimmten Kraft, dessen Name im Laufe der Seiten eine Bedeutung erhält. So zu leben, sich immer wieder aufzurichten, erfordert Kraft. Bereits wie sich jener sein selbst gewähltes Weltbild der Segnungen des Marktliberalismus, welches doch bereits überzeugend widerlegt ist, aufrecht erhält, zusätzlich zu seinen Selbsttäuschungen im Privaten, das ist große urkomische Tragödie. En passant wird die deutsche Politik der vergangenen Jahrzehnte unter die Lupe genommen, die dem Neoliberalismus den Weg bahnte, bis hin zur derzeitigen Misere. Lüscher verknüpft diese verschiedenen Themen elegant. Sein subtiler Humor, der auf mich sehr britisch wirkte, überraschend für einen Schweizer, macht diesen kurzen Roman zu einem komplexen, bösartig amüsant nachdenklichen Lesevergnügen mit Oha Effekt.

So unterhaltsam und komisch kann Scheitern, Gesellschafts- und Wirtschaftskritik sein.

28 Dodos für diese bitterböse und hochgradig witzige Abrechnung mit dem herrschenden (Wirtschafts)system. Eines meiner Lesehighlights 2017.

Übrigens:Kraft“ erinnert mich stark an Einzlkinds hochgeschätzte Lesehighlights Gretchen und Billy. Ist Lüscher womöglich ein Teil des geheimnisvollen Autorenkollektivs, der sich hier ungebremst intellektuell solo auslebt? Egal wie, mehr davon!

Buchdetails

  • Erscheinungsdatum: 08. März 2017
  • aktutell 4. Auflage
  • Verlag : C.H. Beck
  • ISBN: 978-3-406-70531-1
  • Gebunden: 240 Seiten

 

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2 Gedanken zu “Viel Spaß

  1. Das freut mich wie du weißt. Ich leide immer ein wenig, wenn sich ein Buch das ich großartig finde nicht viral verbreitet und begeistert. Es ist ein intelligentes Genußbuch, bin mal derselben Meinung wie D. ScheckWäre auch was für Seren. Unernst ernst.

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  2. Ich war ja erst skeptisch … aber am Samstag war in X-Berg die Lange Buchnacht und wie der Zufall es so will, habe ich entdeckt, dass Jonas Lüscher in der Kirche am Mariannenplatz las .. Die Akkustik war leider etwas ungünstig, aber der Text – großartig. Muss ich lesen. LG, Bri

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