Im Bannkreis der Ideen

9783406574948_largeAls ich vor ein paar Wochen in London war, hatte ich bereits das Buch „Charlotte“ von David Foenkinos gelesen. Darin war ich über den Namen Aby Warburg gestolpert und hatte erfahren, dass a) besagter Aby Warburg Mitte des 19. Jahrhunderts in einer Bankiersfamilie in Hamburg groß geworden war, aber schon früh auf sein Erbe verzichtet hatte, unter der Bedingung, dass ihm seine Familie jedes Buch kaufen würde, das er für seine Studienzwecke brauchte, und dass er b) dadurch eine ganz wunderbare Bibliothek erschaffen hatte, die noch immer existiert und die mittlerweile in London beheimatet ist.

Natürlich musste ich, als ich nun in eben dieser Stadt weilte, einen kurzen Abstecher  an den Woburn Square machen, mitten im Univiertel Bloomsbury. Dort ist das Warburg Institute, das Zuhause der Warburg Bibliothek, seit sie tragischerweise 1933 inklusive Personal und gesamter Ausstattung vor dem Nazi-Regime Hitlers aus Hamburg fliehen musste. Einlass ins „Heiligtum“ habe ich nicht erfragt, da man dafür ein Empfehlungsschreiben vorzeigen sollte, das ein wissenschaftliches Interesse an dieser Bibliothek nachweist. Bei mir waren ja dann doch eher chronische Neugier und, nun ja, ein bisschen „Kulturtourismus“ die treibende Kraft.

Das Gebäude ist kein umwerfender Bau, der großartig hervorsticht, aber er passt sehr gut in die universitäre Umgebung und strahlt eine gewisse gelehrte Atmosphäre aus, die mich ein wenig innehalten ließ.

Angeregt durch die „Charlotte“-Lektüre wollte ich nun gerne mehr über Aby Warburg erfahren und stieß auf den Titel Aby Warburg – Im Bannkreis der Ideen von Karen Michels. Der Verlag C.H. Beck hat damit einen bibliophilen, in Halbleinen gebundenen, mit wundervoll klassischem Layout und Satz und vielen interessanten Schwarzweiß-Fotografien versehenen Band herausgebracht.

Das Buch ist in dreizehn Kapitel (exklusive Vorwort, Anmerkungen, Bildnachweisen und Literaturangaben) aufgeteilt, dabei umspannt es das gesamte Leben Aby Warburgs, der, wie gesagt, 1866 in Hamburg als ältester Sohn des Bankiers Moritz Warburg und seiner Frau Charlotte auf die Welt kam. Er wählte einen ganz anderen Lebensentwurf als den von seinen Eltern für ihn vorgesehenen. Seine reiche Familie wollte, dass er in die Fußstapfen seines Vaters trat, um sich ebenfalls um Bankgeschäfte zu kümmern.

Doch es zeichnete sich rasch ab, dass er weder große Lust noch ein übermäßiges Talent für diese Branche hatte, und so setzte er durch, dass er am hoch angesehenen Johanneum in Hamburg-Winterhude zur Schule gehen konnte, wo er 1886 das Abitur erlangte. Nun stand ihm die Welt offen für seine wissenschaftlichen Ambitionen.

Doch Aby Warburg hatte schon früh die Kluft gespürt zwischen der recht orthodoxen jüdischen Erziehung, die er zu Hause erfuhr und erfahren hatte, und dem nicht-jüdischen Umfeld, das sich außerhalb seines Zuhauses abspielte. Juden hatten zum gesellschaftlichen Leben Hamburgs keinen Zugang, sie mussten ihre eigenen Kreise erschaffen. Diese Hindernisse, die ihm als Jude in den Weg gelegt wurden, sollten ihn weiterbegleiten, sein Leben lang.

Warburg ging gegen den Willen seiner Eltern nach Bonn zum Studium der Kunstgeschichte und Archäologie, wo er begann, sich von den elterlichen Vorgaben bezüglich seiner Zugehörigkeit zum Judentum abzunabeln. So aß er nicht mehr koscher, denn beim koscheren Mittagstisch wollte es ihm partout nicht schmecken.

Doch viel wesentlicher war, was dort geistig mit ihm geschah: Er entdeckte durch Vorlesungen des Historikers Karl Lamprecht den Zugang zu ganz neuen Welten:

Lamprecht entwickelte die damals noch unkonventionelle Idee, Kunstwerke nicht nur auf ihre Schönheit, ihre ästhetische Wirkung hin zu studieren, sondern sie als Dokumente zu sehen – Dokumente, die Informationen über die „Bildungsgeschichte der Menschheit“ enthalten.

Diese These ließ Warburg Zeit seines Lebens nicht mehr los, er entwickelte seine eigenen Theorien dazu.

Auch der Philologe Hermann Usener gab Warburg viele neue Denkanstöße: „Wie entstehen Mythen und was bedeuten sie für die menschliche Entwicklung?“. Der Gedanke dahinter war, dass, je höher entwickelt der Wissensstand der jeweiligen Völker wäre, desto weniger ausgeprägt sei schließlich die Bedeutung des Mythos. Weiß man um die naturwissenschaftlichen Phänomene von Blitz und Donner, sieht man darin eben keine schreckliche Waffe der wütenden Götter mehr.

Ende der 1880-er Jahre reiste Warburg nach Florenz, wo er seine spätere Frau Mary Hertz kennenlernte und seine akademischen Kunststudien vorantrieb. Er erwärmte sich für Botticelli und beschloss, seine Dissertation über ihn zu schreiben. Mit seinen Gedankengängen, die er dafür formulierte, ebnete er bereits den Weg für seine neue Herangehensweise, wie man Kunstwerke deuten und in ihnen „lesen“ konnte: die Ikonologie.

Kunst ist ihr [der Ikonologie] das, was wir heute Zeitgeist nennen. Wenn es aber einen Zeitgeist gibt, dann müssen sich seine Spuren nicht nur in der Kunst, sondern auch in anderen kulturellen Äußerungen auffinden lassen. Die Ikonologie ist daher bemüht, alle Kulturformen auf Gemeinsamkeiten hin zu befragen […].

Ein interdisziplinärer Ansatz, der zu jener Zeit noch äußerst innovativ war.

Nicht zuletzt deshalb sammelte Warburg unglaubliche Mengen an Büchern an, die in seine Handbibliothek wanderten. Durch die Vereinbarung mit seinem Bruder Max, auf sein Erbe zu verzichten, dafür aber jedes Buch, das er für seine wissenschaftlichen Zwecke benötigte, finanziert zu bekommen, hatte er quasi einen Freibrief zum Bücherkauf.

1895 reiste Aby Warburg für ein knappes halbes Jahr in die USA, wo er die Riten und Traditionen der Pueblo-Indianer studierte. All seine Erlebnisse konnte er in seine Forschungen zum Thema „Mythen“ einfließen lassen, standen diese Menschen für ihn doch auf einer kulturellen Stufe mit denen der heidnischen Antike. Äußere Phänomene quittierten sie mit reflexhaften Reaktionen, nicht mit rational-besonnenen.

1897 endlich heiratete er gegen den Willen seines Vaters Mary Hertz, eine Christin, was einem endgültigen Bruch mit den Judentum gleichkam.

Im Sommer 1900 sprach er erstmals mit seinem Bruder Max über eine mögliche „Warburg-Bibliothek für Kulturwissenschaft“ in der Hansestadt, und 1904 zogen Aby und Mary, die zwischenzeitlich in Florenz gewohnt hatten, endgültig nach Hamburg zurück. Warburg hatte nun die Position eines Privatgelehrten inne und brachte seine Idee einer Bibliothek weiter voran.

1908 waren es bereits 9.000 Bücher, die untergebracht werden mussten, also zogen die Warburgs schon wieder um. Ein geräumiges Haus in der Heilwigstraße wurde gefunden, das sowohl für die Familie mit mittlerweile drei Kindern als auch für die Unmengen von Büchern genug Platz bot. Deren systematische Anordnung sollte Warburgs Hauptwerk werden. Man stellte einen Assistenten und freie Mitarbeiter an, um alle Texte zu ordnen und zu katalogisieren. Wissenschaftlichen Nutzern stand die 1914 auf 18.000 Bände angewachsene Bibliothek werktags an den Nachmittagen offen.

Doch der erste Weltkrieg erschütterte auch die Warburgs und 1918 nahm Warburgs seit jüngster Kindheit bestehende psychische Labilität erschreckende Ausmaße an: Mit einer Pistole bewaffnet, wollte er seine Familie töten – um sie vor Schlimmerem zu bewahren, da er Wahnvorstellungen von Unbekannten hatte, die seiner Familie etwas antun wollten. Die folgenden sechs Jahre musste Aby Warburg in Sanatorien verbringen.

Als er 1924 wieder in seine Heimatstadt Hamburg zurückkehrte, war seine Bibliothek ein großer Betrieb geworden, von seinem engen Mitarbeiter Fritz Saxl treu geleitet.

Ein neues Bibliotheksgebäude wurde geplant, dessen Bau Aby Warburg überwachen sollte – wohl auch als eine Art Therapie, die ihn „wiedereingliedern“ sollte in den heimatlichen Betrieb. Das Herzstück bildete für Warburg der ovale, nicht runde (!) Lesesaal im Erdgeschoss. Oval deshalb, weil Warburg selbst es als äußerst unangenehm empfunden hatte, in runden Sälen zu studieren, da sie keine Spannung aufrecht erhalten könnten. Nur die Form einer Ellipse habe diese zwei Pole, die eine Bewegungsenergie entstehen ließen, die es nach Warburgs Auffassung brauchte, um gut arbeiten zu können.

Das Spannende an der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg (K.B.W.) war und ist jedoch vor allem das Ordnungsprinzip der Bücher.

[…] das erste Geschoß war dem menschlichen Handeln, „Dromenon“, gewidmet, das zweite dem Wort, das dritte der Orientierung, das vierte dem Bild.

Doch nicht nur innerhalb der Magazingeschosse gab es eine besondere Anordnung, auch innerhalb der Regale.

Die Bücher waren nicht etwa alphabetisch, sondern nach inhaltlichen Kriterien geordnet: nach dem – berühmt gewordenen – „Gesetz der guten Nachbarschaft“.

So wunderbar diese Idee ist, so schwierig war sie in der Umsetzung. Es gab ein flexibles Signierungssystem.  Jedes Buch wurde mit drei Farben gekennzeichnet: eine für das Wissenschaftsgebiet, eine für den methodischen Stellenwert und eine für die wissenschaftliche Unterabteilung. Leider stellte sich heraus, dass die Farben schnell verblassten und so kam es immer wieder zu Verwechslungen.

Die Bibliotheksstruktur blieb in Bewegung – wie im Endeffekt auch jedes einzelne Buch.

1929 erlitt Aby Warburg ganz unerwartet beim Arbeiten einen Herzanfall und starb – inmitten seines Lebenswerks, der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg.
Im Dezember 1933 war klar, dass ein Verbleib der Bibliothek in Hamburg nicht mehr möglich war, und so flohen die (meisten) Mitarbeiter mit den Büchern und der gesamten Ausstattung nach London.

Karen Michels gewährt mit ihrem Buch auch dem Laien Einblicke in die komplexe Gedankenwelt Aby Warburgs. Eine anspruchsvolle Lektüre, deren Lohn ein reicher Schatz an Wissen ist.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 2. Auflage 2008
  • Verlag: C.H. Beck
  • ISBN: 978-3-406-57494-8
  • Gebunden: 128 Seiten mit 47 Abbildungen. Halbleinen
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