Reload Doris Day

Wenn man sich Bilder von Margaret Atwood anschaut, kann man sich nicht des Eindruckes erwehren: Der Frau sitzt der Schalk im Nacken! So eine Frau mit so einem gewinnenden Lächeln kann doch nur so ein Buch hervor bringen. Die fast 80-jährige Autorin hat schon vieles in ihrem Leben geschrieben und viele Preise gewonnen. Hierfür hätte sie meiner Meinung nach den Special-Doris-Day-Preis gewinnen müssen (Den es so in der Art natürlich nicht gibt). Doris Day ist uns als lächelnde, immer gut frisierte und in einem 50er-Jahre-Spitzen-BH gekleidete Schauspiele-Ikone bekannt. An Sex denkt man bei ihrem Namen nicht.

Um Sex geht es hier in diesem Buch eigentlich nicht, doch irgendwie schon, denn der Grund warum das Ehepaar Stan und Charmaine in die Fänge des Positron-Projektes gerieten, war natürlich vorrangig der Hunger und die grassierende Arbeitslosigkeit. Aber so richtig in die Bredouille gerieten sie erst, als der Sex dazukam. Der richtig wilde, verbotene Sex. Doch, wie gesagt, um Sex geht es hier nicht – nicht immer. Und wenn, dann wird es so ein Doris-Day-Sex – mit Puppen und unechtem aufgesetztem  Lächeln.

Doch zuallererst ist der Roman eine Dystopie. Dystopien sind ja auch gerade in Mode. Da der Weltfrieden immer brüchiger wird, macht man sich Gedanken um die Zukunft. Die sieht bei so einer politischen Lage schlecht aus. Bei Margaret Atwood ist sie voller, für die Charaktere, ungewolltem Witz.

 CONSILIENCE=KONSEQUENZ+RESILIENZ. ZEIT IN HAFT IST ZEIT FÜR DIE ZUKUNFT

Das ist das Motto des Positron-Projektes, das Wohlstand verspricht. Einen Wohlstand, den Stan und Charmaine, gerade nach der Finanzkrise, nicht mehr haben. Das Mittelstandspärchen ist durch die Krise tief in die Armut geschlittert. Die beiden wohnen im Auto, Stan schläft auf dem Fahrersitz, damit er bei einem Bandenangriff jederzeit schnell losfahren kann. Sie arbeitet in einer Kneipe. Aber ein Leben, was eine Zukunft vermittelt, ist dies nicht.

Da kommt das Angebot dieser Firma ganz recht. Einen Monat so leben wie man es sich ersehnt, in einem Haus, mit einem Job, Essen, Wasser zum Duschen. Den anderen Monat muss man dann ins Gefängnis, aber auch dort hat man eine Aufgabe und verbringt die Zeit gesichert und gesättigt. Wie klingt das? Ja, man verkauft sich und sein ganzes Leben an diese Firma, und man wird auch komplett überwacht. Die Stadt ist abgeschottet, Nachrichten von draußen dringen nicht hinein. Das Fernsehen zeigt nur unaggressive Filme aus der Doris-Day-Zeit und auch die Musik ist aus dieser Zeit. Doch alle sind zufrieden und es gibt keine Verbrechen mehr. Das Paradies auf Erden.

Doch dieses Paradies ist nur eine aufgeklebte Fassade, und Stan und Charmaine fühlen, dass das nicht das Leben ist, worauf sie sich einlassen möchten. Doch was tun? Die Fassade herunterreißen?

Was, wenn das gar nicht ihr echtes Gesicht ist?, denkt Charmaine. Was, wenn es nur angeklebt ist und sich darunter eine riesige Kakerlake befindet? Was würde passieren, wenn ich sie an den Ohren packen und ziehen würde? Würde das Gesicht abgehen?“

Die Windungen des Romans werden immer aberwitziger und Margaret Atwood ist es gelungen, eine dystopische Screwballkomödie zu schreiben, die ganz einfach Spaß macht. Elvis kommt auch noch vor – weil der ja auch nicht tot ist.

„Er posiert vor dem Spiegel, schenkt sich ein schiefes Grinsen; wobei das kaum nötig ist, weil die Lippen von allein grinsen. Darunter sind seine eigenen Lippen halb gelähmt. Er zuckt mit seinen neuen schwarzen Augenbrauen, wirft den Kopf zurück und streicht auch die Haare glatt. ‚Du alter Herzensbrecher‘, sagt er. ‚Auferstanden von den Toten.‘ Die falschen Lippen sind schwer zu manövrieren, aber das kriegt er noch raus. Seltsamerweise hat er wirklich eine gewisse Ähnlichkeit mit Elvis. Ist das alles, was wir sind?, denkt er. Unverwechselbare Kleider, eine Frisur, ein paar übertriebene Merkmale, eine Geste?“

Die satirischen Übertreibungen braucht sich Atwood teilweise gar nicht aus den Fingern zu saugen. Die Las-Vegas-Episode mit den falschen Elvissen ist real und auch die Sexpuppen sind bittere Tatsachen.

Es ist eines dieser Bücher, das sicherlich viele Verbindungen zu anderen Utopien aufweist, aber ganz einfach Spaß am Lesen macht, ohne dass man sich großartig Gedanken macht, was nun dieses oder jenes bedeuten soll. Die Szenen sind erschreckend nahe an der Realität und die Verbindung mit Doris Day sehr amüsant. Am Ende ist es dann doch die weibliche Hauptfigur, die, wie so oft bei Atwood, den Durchblick behält. Ein herrliches, quirliges Buch, das die düsteren Überwachungsutopien ein wenig auf die Schippe nimmt. Mit Stan und Charmaine hat es auch noch zwei herrlich unbeholfene Charaktere, die tapsig durch die Geschichte geführt werden und als unfreiwillige Helden herausgehen. Eine klare Leseempfehlung.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 03 April 2017
  • Verlag : Piper
  • ISBN:  978-3-8270-1335-4
  • Gebunden: 400 Seiten
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3 Gedanken zu “Reload Doris Day

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