Im Bugatti auf der Flucht

Bugatti – alleine der Name lässt so manchen ins Schwärmen kommen, steht er nicht nur für formschöne Automobile der Extraklasse. Ich persönlich verband damit vor allem Italien – wahrscheinlich, weil der Firmengründer der Automobilsparte, Ettore Bugatti, gebürtiger Mailänder war und die Bugattis mir als Künstlerfamilie im Gedächtnis hafteten. Für seine Automobilherstellung wählte Ettore Bugatti jedoch einen Standort in Frankreich: Ab 1909 wurden in Molsheim / Elsass die erfolgreichen Limousinen, Sport- und Rennwagen konzipiert und gebaut. Nachdem jedoch die Deutschen in Frankreich einmarschierten und die Fabrik im Elsass besetzten, wich Ettore Bugatti nach Bordeaux aus. Eines der überhaupt nur vier Exemplare des legendären Bugatti 57 SC Atlantic verschwand in den Kriegswirren spurlos. Aber es machten sich Gerüchte breit, es gäbe Verbindungen ins Périgord, wo man ihn in Teilen oder als Ganzes versteckt vermutete.

Bruno, Chef de Police von St. Denis, erfährt von diesem Wunderauto, das sogar als Fluchtauto für Verfolgte der Nazis genutzt worden sein soll, im Rahmen der durch ihn organisierten Oldtimer Rallye. Zwei junge Sammler sind dem futuristisch aussehenden, materialtechnisch hochwertigen Automobil auf der Spur, liegt sein Wert doch im zweistelligen Millionenbereich. Einer der beiden Sammler ist Engländer und Co-Pilot von Annette – ihres Zeichens Staatsanwältin und Rallye Fahrerin, die sich über die Rallye in St. Denis für die nationalen Wettkämpfe qualifizieren möchte. Als ihr Co-Pilot wegen angeblicher Migräne ausfällt, muss Bruno ran. Und hier zeigt Martin Walker, dass er seine Figuren tatsächlich entwickeln kann. Denn Tausendsassa Bruno, der manches Mal schon fast zu perfekt wirkte, kriegt Manschetten. Er hat veritablen Schiss davor, die Rallyestrecke in Annettes Höllentempo hinter sich zu bringen. Letztendlich kann er sich nicht drücken. Mir als bekennendem Bruno-Fan tat es ausnehmend gut, ihn so menschlich „schwächelnd“ zu erleben.

Neben dieser Weiterentwicklung seiner Hauptfigur wartet Walker natürlich wie immer mit dem wunderbaren Flair des Périgord und der bekannten gemeinschaftlichen Lebensweise der Menschen aus St. Denis auf. Eine Leiche gibt es auch. Auch in diesem Fall hat Bruno den richtigen Riecher, als er das vermeintlich natürliche Ableben doch näher untersuchen lassen möchte. Neben der Suche nach dem schicken Auto und der Klärung eines möglichen Mordes gelingt es Bruno auch noch, einen auffällig gewordenen Jungen wieder in die richtige Bahn zu setzen und seiner Ex-Freundin damit auch noch unter die Arme greifen zu können, was ihr neues Unterfangen Reitstall angeht. Er ist eben jemand, der das große Ganze im Blick hat und die einzelnen Dinge zusammenführen kann. Was manch einer vielleicht übertrieben nennen mag, gefällt mir besonders gut. Lösungen werden gefunden, wo sie gebraucht werden.

Was die bisherigen Bücher der nun schon auf 9 Bände angewachsenen Reihe angeht, war ja immer das historische und politische Hintergrundwissen über Frankreich – vor allem um den Zweiten Weltkrieg herum – beachtlich eingearbeitet worden. Auch Grand Prix lässt dies nicht vermissen und hat mich – einmal mehr – dazu gebracht, mich sowohl über die Automobile der Marke Bugatti, die Firma selbst und deren Testfahrer näher zu informieren. Einige der in Walkers Krimi erwähnten Personen existierten tatsächlich. Erstaunlich wie er es immer wieder fertig bringt, interessante historische Begebenheiten in seine Kriminalfälle hineinzuschmuggeln, beziehungsweise die Fälle um die Begebenheiten herum aufzubauen.

Für mich hat die Reihe nichts an Unterhaltungswert verloren, im Gegenteil, wäre ich nicht schon von Bruno als Figur begeistert, so hätte ich mich jetzt wohl ein wenig in ihn verguckt, ist er doch ein durch und durch zufriedener Mensch. Die Kanten und Ecken sind es, die Menschen interessant machen und das hat Martin Walker glücklicherweise noch zum rechten Zeitpunkt geschafft, bevor die Reihe drohte, etwas eintönig zu werden. Ich freue mich auf den nächsten Fall für Bruno.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 26. April 2017
  • Verlag : Diogenes
  • ISBN: 978-3-257-06991-4
  • Gebunden: 384 Seiten

 

 

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