Malen gegen den Wahnsinn

Charlotte von David FoenkinosCharlotte. Ein kurzer, knapper Titel. Das Cover mit dem faszinierenden Gesicht, nur angeschnitten, der Kopf nicht komplett zu sehen. Dann dieser Blick, intensiv und ernst, der einen überall hin zu verfolgen scheint. Charlotte. Auch der Name meiner ältesten Tochter. Noch ein Grund, dass dieses Buch mich wie auf magische Weise anzieht und ich es unbedingt haben möchte.
Ich kenne den Autor, David Foenkinos, nicht, und auch Charlotte Salomon, die Protagonistin des Romans, sagt mir bis dato nichts. Dass es sich bei dem Buch um einen Spiegel-Bestseller handelt, ist mir ebenfalls entgangen – und so bin ich im besten Sinne unbedarft und unvoreingenommen.

Das Buch nimmt mich ab der ersten Seite gefangen. Nein, noch davor. Bereits die vorangestellte Bemerkung des Autors packt mich und zerrt mich an Bord:

Der folgende Roman beruht auf dem Leben der deutschen Malerin Charlotte Salomon. Sie war sechsundzwanzig und schwanger, als sie ermordet wurde. Ihr autobiografisches Werk Leben? Oder Theater? ist die Quelle, auf die ich mich hauptsächlich beziehe.

Sechsundzwanzig und schwanger. Das ganze Leben vor sich, ein neues Leben in sich. Und dann wird sie ermordet!

Charlotte Salomon ist Jüdin, eine begabte junge Künstlerin, die in Berlin lebt. Sie flieht vor Hitlers Regime nach Südfrankreich und entkommt den Klauen des Bösen dennoch nicht. Ein schreckliches Schicksal, wie man es aus dem Dritten Reich kennt. Und doch ist da noch so viel mehr. Hier geht es um eine junge Frau, die abseits aller Weltpolitik auch so schon ein schweres Päckchen zu tragen hat. Den Namen Charlotte trägt sie nicht ohne Grund: Die geliebte Schwester ihrer Mutter Franziska hieß bereits so. Die kleine Charlotte soll mit ihrem Namen an diese geliebte Schwester erinnern, die auf tragische Weise viel zu jung verstorben ist. Selbstmord. Franziska verkraftet diesen Verlust nie, es kommt ihr vor, als habe ihre Schwester sie betrogen – wie konnte sie sie nur so alleine lassen. Obwohl Franziska aus Liebe, wie sie behauptet, heiratet und die kleine Charlotte bekommt, wird sie nicht glücklich. Ihr Leben ist eine Katastrophe, ihr Zustand verschlimmert sich, sie versucht sich umzubringen. Die Umwelt ist alarmiert, bewacht sie – doch es nützt alles nichts. Franziska springt aus dem Fenster und stirbt.

Charlotte Salomon ist noch kein Teenager, als all das passiert. Doch alleine ist sie bereits länger, das Interesse an der kleinen Tochter verschwand, bevor die Mutter tatsächlich starb, nämlich als sich der psychische Zustand verschlechterte. Einen fatalen Satz jedoch gab sie dem kleinen Mädchen mit auf den Weg:

Ihre Mutter habe versprochen, ihr zu schreiben.
Sobald sie im Himmel oben angekommen ist.

Es dauert qualvolle Wochen, bis die kleine Charlotte begreift, dass sie niemals einen Brief von ihrer Mama aus dem Himmel bekommen wird. Als es ihr klar wird, ist sie der Mutter fürchterlich böse.

Irgendetwas an diesem Buch fasziniert mich nicht nur, es irritiert mich. Ich brauche einige Zeit, bis ich merke, was es ist: Es ist zum einen dieser Flattersatz, der das Seitenlayout bestimmt. Als sei es eine Gedichtesammlung und kein Roman. Viele Absätze zerfleddern außerdem das Erscheinungsbild und bringen Unruhe hinein.

Und dann ist da zum anderen dieser merkwürdige Wechsel des Erzählstils. Mal scheint die Mutter Franziska zu berichten, mal die kleine Charlotte. Und plötzlich tritt auch noch der Autor selbst in Erscheinung, als Ich-Erzähler. Mitten im Erzählfluss, mitten im „Sich-in-Charlotte-Einfühlen“ kommt ein abrupter Perspektivenwechsel. Das klingt dann folgendermaßen:

Am Fürstin-Bismarck-Lyzeum wird hinter ihrem Rücken getuschelt.
Sie hat ihre Mutter verloren, wir sollen nett zu ihr sein.
Sie hat ihre Mutter verloren, sie hat ihre Mutter verloren.
Die breiten Treppenaufgänge des Gebäudes haben etwas Beruhigendes.
Etwas Schmerzstillendes.
Charlotte ist froh, jeden Tag zur Schule gehen zu können.
Auch ich bin diesen Weg etliche Male gegangen.
Ich wollte auf den Spuren der kleinen Charlotte wandeln.
Ihrer Fährte folgen, hin und zurück.

Es verwirrt mich, dass der Autor sich einfach so in diesen Roman einbringt, wo er doch zwischendurch immer wieder versucht, eine Atmosphäre zu erschaffen, in die der Leser eintauchen kann. Es stört den Lesefluss, es ist ungewöhnlich.

Doch dann, auf Seite 73, kommt endlich die lange fällige Erklärung, die allem plötzlich einen Sinn gibt :

Ich saß immer da und wollte dieses Buch schreiben.
Aber wie?
Durfte ich selbst darin vorkommen?
Konnte ich aus Charlottes Geschichte einen Roman machen?
Welche Form sollte das Ganze annehmen?
Ich schrieb, löschte, kapitulierte.
Ich brachte keine zwei Zeilen zu Papier.
Nach jedem Satz geriet ich ins Stocken.
Es ging einfach nicht weiter.
Das war körperlich beklemmend.
Ich verspürte beständig das Verlangen, eine neue Zeile zu beginnen.
Um durchatmen zu können.
Irgendwann begriff ich, dass ich das Buch genau so schreiben musste.

Was für eine grandiose Passage! Spätestens in dem Moment geht mir auf, dass ich einen wahren Schatz in Buchform vor mir liegen habe.

Ein echter Held ist dieser Autor, der seine Zweifel dem Leser nicht vorenthält, sondern sie ihm grundehrlich und unverblümt mitteilt.
So erhält dieses Buch einen ganz und gar eigenen Stil, es entwickelt sich aus einem Manko ein Meisterwerk.

Charlotte Salomons Lebensweg ist vorgezeichnet, man weiß, wie er enden wird, noch bevor man die erste Seite aufschlägt. Und dennoch liest man begierig, jedes Wort, jeden abgehackten Satz, jede zerfledderte Seite – denn Foenkinos schafft es gerade durch seinen außergewöhnlichen Stil, den berühmten Sog zu entwickeln, den ein wirklich gutes Buch ausmacht. Man möchte das allzu bekannte Schicksal jüdischer Menschen im Dritten Reich abwenden können, man will, dass wenigstens diese eine Person ihr Happy End bekommt. Doch sie bekommt es nicht und man weiß es – die ganze Zeit. Und dennoch bleibt man bis zuletzt voll unsinniger Hoffnung.

Für mich katapultiert sich dieses Buch aus dem Nichts an die Spitze meiner persönlichen Lese-Highlights-Liste des Jahres 2017.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 1. Auflage 2016
  • Verlag: Penguin Verlag
  • ISBN: 978-3-328-10022-5
  • Taschenbuch: 240 Seiten
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6 Gedanken zu “Malen gegen den Wahnsinn

  1. Eine schöne Rezension 🙂
    Der Names des Autors hat gleich meine Aufmerksamkeit erregt, eine andere Literatur-Bloggerin hat erst letztens eine Rezension über das Buch „Das geheime Leben des Monsieur Pick“ geschrieben, auch das ist ein interessantes Buch. Wenn du magst, kannst du gerne bei ihr mal reinschauen:
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2017/05/01/das-geheime-leben-des-monsieur-pick/

    Liebe Grüße, J

    Gefällt 3 Personen

  2. schön zu lesen, dass dich dieses Buch überzeugen konnte. Mir hat es auch wirklich sehr gut gefallen:) habs auch kürzlich erst beendet und es hat mich tief beeindruckt. Für mich wird es kein Favorit des Jahres, aber ein Buch, das ich nicht vergessen werde.

    LG Katha

    Gefällt 2 Personen

    • Ich kann gut verstehen, dass dieser besondere Stil manche nicht anspricht. Aber bei mir hat das den Nerv getroffen.
      Ich war hingegen bei der TB-Ausgabe von der extrem kleinen Schrift genervt, deshalb hätte ich es anfangs fast weggelegt …

      Gefällt 2 Personen

    • Ich finde gerade den sehr freien Umgang mit der Biografie äußerst spannend, aber das andere Buch hat mich auch interessiert.
      Ich wollte nach „Charlotte“ auch unbedingt mehr über Aby Warburg erfahren. Dazu gibt es demnächst eine Rezension.

      Gefällt 1 Person

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