4321 … meins?

Die Einflüsse der Umwelt auf die Entwicklung und das Leben eines Jungen sind Thema von Austers Monumental – studie 4321. Die Frage nach Beeinflussung durch die Genetik bleibt außen vor. Einerseits bedauerlich, da es interessant gewesen wäre, andererseits nötigt Auster seinen Lesern bereits ohne diese Fragen viel Geduld und Durchhaltevermögen ab. Zweifellos ist sein Stil großartig, das Sittengemälde, der Zeitgeist und die gesellschaftspolitischen Entwicklungen der fünfziger und sechziger Jahre in den USA, der Blick auf das Innenleben des angehenden Schriftstellers recht interessant, auch wenn seine pubertären Phasen für mich schwer erträglich waren. Die verschiedenen Leben des Archie Ferguson, seinem vervielfachtem Protagonisten, insgesamt durchaus packend. Auster konnte meine Anteilnahme und Interesse fast durchweg aufrecht erhalten. Spannend hätte ich es gefunden zu erfahren wieviel autobiographisches der Autor hier mit eingearbeitet hat. Nach Eigenaussage dürfte viel privates enthalten sein.

Leider entstand nach der anfänglichen Euphorie – die sich aus der Leichtigkeit seiner Sprache, der Fähigkeit eloquent und doch einfach lesbar zu formulieren – dem Seitenverschlingen, bei mir aufgrund der schieren Masse an Seiten – dabei liebe ich eigentlich voluminöse Lektüre, bevorzuge aber leichtgewichtige Softcover – Wörtern, Sätzen, Entwicklungen das Gefühl breit durch einen zähen Brei an Buchstaben, Wörtern, Sätzen zu waten ohne dem Ende näherzukommen. Dem mit Spannung erwartetem Ende wohlgemerkt, dessen Nahen schließlich mit der Furcht vor Enttäuschung einher ging. Ein Abschluss der fulminant sein sollte, um nicht das Gefühl der Zeitverschwendung, verloren in diesen Tausenzweihundertachtundfünzig Seiten Plauderei und Rückblick auf das Leben eines Mittelschichtkindes und seines Strebens nach Glück, aufkommen zu lassen. Dies ist nicht geschehen. Enttäuscht hat mich 4321 nicht. Stattdessen erhielt ich interessante Einblicke, gestützt durch die Faszination dieses What if Blickwinkels, litt mit einigen der Protagonisten, und unter anderen. Bedauerte nicht mehr über jene und weniger über diese zu erfahren und bekam Schmerzen in den Händen vom Halten dieses dicken Wälzers. Eines Wälzers dessen Entstehung – schrieb Auster erst vier unterschiedliche Romane mit gleichem Sujet oder wie ging er vor? – im Rückblick interessanter erscheint als der eigentliche Roman, denn Einblicke in diese diesen zwei Jahrzehnte währenden Zeitabschnitt der USA gibt es en masse und etliche davon erzählen interessantere Geschichten.

So bleibt am Ende nur die Hochachtung vor Arbeit, Idee und besonders Stil sowie die Erleichterung sowohl geistig wie auch körperlich (the Weight!) mit diesem Roman und seinem Ende abgeschlossen zu haben. Die Faszination der Entwicklung dieses Kindes in vierfacher Form erleben zu dürfen und etliche Gedankengänge des Ferguson, Austers vervielfältigtem Alter Ego zu goutieren, aber auch die Erinnerung an den während des Lesens zunehmenden Widerwillen, der dem Gefühl entspringt hier habe ein Autor sich freigeschrieben ohne größere Gedanken an die Befindlichkeiten seiner Leser zu verschwenden. Ein Getriebener sozusagen.

Die Form dieses Romans ist einzigartig, vier Romane in einem, jeweils in die aktuellen Lebensabschnitte des jungen Ferguson aufgeteilt, so wie es konzipiert ist, ist dieses Buch genau richtig, eine bessere Form um das Anliegen des Autors zu transportieren kann ich mir nicht vorstellen, dennoch war es gefühlt weniger Lesegenuß als Fleißarbeit und Mühsal, daher bin ich bei meinem Fazit auch leicht zwiegespalten. Bergsteiger mit literarischem Faible dürften 4321 wohl am meisten lieben. Soweit mag ich nicht gehen, dazu ist es mir, auch wegen der bloßen Konzentration auf einen Protagonisten nicht abwechslungsreich und inspirierend genug. Ein unwiederholbares – die Vorstellung mich noch einmal auf diesen Reiseweg zu machen ist abschreckend – Erlebnis bleibt 4321 und daher ist es mit dieser geringfügigen Einschränkung sehr empfehlenswert besonders für literarische Alpinisten. So bleibt ein wohlformuliertes Schwergewicht, dessen Leichtigkeit bedingt durch die gewählte Form, nicht komplett durchgängig erhalten ist. Ein Erlebnis ist es dabei dennoch. Für mich war es die erste Begegnung mit Paul Auster. Austerianer werden es sicher mehr zu schätzen wissen.

Buchdetails

  • Erscheinungsdatum Erstausgabe : Januar 2017
  • Verlag : Rowohlt
  • ISBN: 9783498000974
  • Fester Einband 1.264 Seiten
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13 Gedanken zu “4321 … meins?

  1. 😂 Baseball und auch noch laut Deiner Meinung nach – Thursday – viel zu lang – uiuiui!!! Das ist nix für mich zumindest nicht heuer – hab eh kürzlich schon einen alten Franzen wegen AMi-Paradefehler 2 (siehe oben) massiv in der Luft zerrissen.

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    • Zwiespältig, es ist jedenfalls flüssig locker und toll geschrieben, nur halt wirklich elend lang, die einzelnen Schicksale ziehen sich gegen Ende versöhnt es einen dann wieder. Aberwenn du grad eher ungeduldig bist ist es nix. Warte auf den Winter… gutes November /Februar Buch 😉

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  2. Auster selbst hat seine vorherigen Bücher als Vorarbeit zu diesem Mammutwerk bezeichnet. Und einige, besonders die beiden letzten enthalten viel Autobiografisches. Ich bin gespannt, wie viel von den Newyorker Stadtwanderern ich darin wiedererkennen werde. Für mich ist das Buch ein Experiment. Ich mag zwar lieber kurze Strecken am Meer, anstatt langwieriges Erklimmen von Bergen, aber wir werden sehen, vielleicht halte ich ja durch…Und auf den Baseball freue ich mich nicht.

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  3. Also den mühevollen Tenor – liebe Sandra – kann ich nicht unterstreichen. Aber wir haben uns ja schon darüber ausgetauscht. Man muss sich treiben lassen in diesem Spiel und ich denke, dass die Genetik hier nicht speziell genannt wird, für mich aber versteckt enthalten ist, hat wohl mit der Hauptaussage Austers zu tun, die er in einem Interview dazu machte: was wäre wenn ist ein Spiel, aber egal, welche äußeren Umstände anders sind, wobei er ja äußere Bedingungen ändert, die – es kommt in den wichtigen Entscheidungen, die wir treffen, bzw. Dinge, die wir tun, am Ende – also in den grundlegenden meine ich – immer dasselbe raus … und das ist wohl Veranlagung und damit Genetik … denn die Eltern bleiben gleich … und damit der genetische Code, den die vier Fergusons erhalten.
    LG,
    Bri

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    • Liebe Marina, das ist nicht meine Rezension, sondern die meiner Kollegin Thursdaynext – ich weiß, wir müssen das noch kenntlicher machen,wer hier was schreibt … sind nur noch nicht auf denTrichter gekommen. Meine kommt noch und ich bin vollauf begeistert. Also die Gegendarstellung kommt auf jeden Fall 😉 Wobei ich sagen muss, dass Thursdaynext in Gesprächen immer betont hat, dass sie das Buch schon (sehr) gut fand … aber im nachhinein … keine Ahnung. Also ich werde mir Mühe geben, meiner Begeisterung demnächst Ausdruck zu verleihen, Und ich finde ja, dass es keine Mühe macht, das Buch zu lesen und es mehrere Möglichkeiten gibt, es zu lesen. Es sind viele Bücher in einem …
      LG, Bri

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      • Im nachhinein empfand ich es schlicht als zu lang und Auster verlangt seinen lesern doch einiges an Durchhaltevermögen ab, trotz seines Könnens, dabei habe ich es in einem Zug gelesen ohne lange Pausen wie du, bei mir begann der leichte Wiederwille in etwa dort wo du jetzt angelangt bist. Wir diskutieren nach Beendigung 😉

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      • Das streite ich nicht ab, aber ich habe es einfach nicht so empfunden. Habe es aber auch anders, in Häppchen gelesen, als Du. Da mag das auch anders wirken, wenn man es so an einem Stück liest. Wäre vielleicht dann bei mir auch so angekommen. Aber dadurch, dass ich auch quer gelesen habe, ist das Gefühl nicht so bei mir aufgekommen.

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