Aufrichtig geliebt

„Ein paar Cocktails, einen Tanz, eine wahnsinnige Frau mit Federhut, mehr hatte es nicht gebraucht, um mich verrückt zu machen nach ihr, die mich einlud, ihren Wahnsinn mit mir zu teilen“

Ob es sie gibt, ob man an sie glaubt, an die Liebe auf den ersten Blick, das hängt wohl davon ab, ob man die Wucht der schier unentrinnbaren Anziehungskraft eines Menschen schon jemals ausgesetzt war. Unzweifelhaft gibt es allerdings Menschen, denen man sich nicht entziehen kann, die einen in den Bann schlagen, egal, was sie tun. Sie sind Dreh- und Angelpunkt vieler nicht nur erfundener Geschichten. Sie funkeln und glitzern, sind geistreich und amüsant, unterhaltend und ruhelos, immer in Bewegung – in ihren guten Phasen. Doch ebenso sehr, wie sie zu Höhenflügen ansetzen, können sie unvermutet den Sturzflug antreten – und andere mit sich reißen. Ungewollt. Es liegt einfach in ihrer Natur und ist weder manipulativ noch vorher geplant, es passiert. Denn obwohl sie uns vermeintlich so normalen Menschen zumindest anders, häufig aber leicht ver-rückt  – neben sich sozusagen – erscheinen, sind sie wohl einfach ungehemmt authentisch. Das was man heute als bipolare Störung oder manisch – depressiv veranlagt bezeichnet ist ihre Lebenswirklichkeit. Die Intensität ihrer Gefühlswelt gleicht der eines offen liegenden Nervs, der ständig Reizen ausgesetzt ist. Ein verzweifelter Tanz im Gefängnis. Nach meiner Vorstellung ist das zumindest eines: äußerst anstrengend.

Olivier Bourdeauts Debutroman Warten auf Bojangles erzählt von den Menschen, die – wie Mr. Bojangles im gleichnamigen Song – versuchen, ihre Traurigkeit weg zu tanzen und von den Menschen, die mit ihnen tanzen, weil sie sie lieben. Beschäftigt man sich ein wenig mit dem titelgebenden Song und dessen Aussage, kann man nur staunen, wie klug und liebevoll detailliert Bourdeaut seinen Erstling konzipiert hat. Der Roman – der eigentlich nicht nur einer ist, sondern wie eine Matrjoschka nach dem Öffnen noch eine weitere enthüllt – wird zu Beginn aus der Sicht des Sohnes von Georges und dessen Frau geschildert. Für ihn, den Sohn, ist das Leben zunächst wunderbar. Bunt und lustig, ungewöhnlich aber wahr. Seine Mutter, die sich tatsächlich ganz anders verhält als andere Mütter, die ihm beibringt andere Personen zu siezen, wie sie es auch tut, hat einfach immer die besten, wenn auch häufig verrückte Ideen. Nie scheint sie still zu stehen. In der Wohnung der Familie geben sich die Gäste die Türklinke in die Hand und auch ein wieder aufgepäppelter Kranich fand hier sein Zuhause. Die Gesellschaften sind illuster, hat Georges doch aus seinem Leben vor der Hochzeit noch durchaus einflussreiche Freunde. Wie zum Beispiel seinen teuersten Freund, den Senator, von ihm durchaus liebevoll Schuft genannt. Der Alkohol fließt zu jeder Zeit in Strömen und man könnte fast meinen Bourdeauts Vorbilder für Georges und seine Frau – deren Namen niemand wirklich kennt – wären F. Scott und Zelda Fitzgerald und die Geschehnisse ereigneten sich in der Zeit der glorreichen Goldenen Zwanziger des letzten Jahrhunderts. Doch einiges spricht dafür, dass die Verortung in Zeit und Raum eher zeitgenössisch französisch ist.

Die große Stärke des französischen Überraschungserfolgs des Literaturjahres liegt aber nicht in der Beschreibung vergangener Extravaganz, sondern im außergewöhnlichen Einfühlungsvermögen, mit dem der Autor uns die Lebensgeschichte zweier (un)glücklich Liebender vor Augen führt. Hier geht es nicht um Obsession, sondern schlicht um tief empfundene Liebe verbunden mit ehrlichen Verantwortungsgefühl.  Wie bereits erwähnt, ist das erste Kapitel aus der Sicht eines Jungen geschrieben, der viele Situationen anders einschätzt, als es ein Erwachsener täte. Dem Leser wird bereits hier klar, dass die vermeintlich lustige und freie Lebensweise dieser außergewöhnlichen Familie einen eher tragischen Hintergrund besitzt. Das durchaus schräge Setting könnte sogar dazu führen, den großen Erfolg des Buches komplett in Frage zu stellen, wäre da nicht der fulminante Einstieg ins zweite Kapitel, das Georges Sicht der Dinge zeigt und auch für den Leser einiges gerade rückt.

“ »Nennen Sie mich, wie Sie wollen! Aber bitte unterhalten Sie mich, bringen Sie mich zum Lachen, hier mieft es nach Langeweile«, hatte sie gesagt und nach zwei Champagnerkelchen auf dem Büfett gegriffen.
»Ich bin nur hier, weil ich nach meiner Lebensversicherung suche!«, erklärte sie und leerte den ersten Kelch in einem Zug, ihren leicht irren Blick in meinen versenkt.
Und als ich gutgläubig meine Hand ausstreckte, um das zweite Glas entgegenzunehmen – ich dachte, es sei mir bestimmt – , hatte sie es auch schon in sich hineingeschüttet. Dann musterte sie mich, strich sich über das Kinn und sagte mit fröhlicher Respektlosigkeit:
»Sei sind mit Abstand der hübscheste Programmpunkt dieser trostlosen Galaveranstaltung!«“

Olivier Bourdeaut hat mit Warten auf Bojangles einen ungewöhnlichen, schönen und absolut einnehmenden Roman vorgelegt, der auf nicht einmal 160 Seiten alles auffährt, was ein Leben bereithalten kann und manchmal aushalten muss. Tiefe Liebe ebensosehr wie Verzweiflung über die Unmöglichkeit, jemand anderen zu retten, ihn tanzenderweise aus seinem Gefängnis zu befreien. Glanz und Wahnsinn liegen hier dicht beieinander. Und so sehr Georges und sein Sohn sich bemühen, die geliebte Frau und Mutter in ruhige Gewässer zu geleiten, gelingt es ihnen nicht. Die Kopfchemie spielt einfach nicht mit. Ob mit oder ohne Medikamente.

„Leider begann Mamans Gehirn nach einer Weile wieder mit dem Umzug, in Schüben. Wegen nichts und wieder nichts überfielen sie aus heiterem Himmel aberwitzige Wahnanfälle, die nach zwanzig Minuten bis einer Stunde so schnell verflogen, wie sie gekommen waren. Dann war wochenlang nichts
[…]
Papa und ich fühlten uns ganz und gar nutzlos angesichts dieses Zustands. Er konnte ihr sanft zureden und sie trösten, ich konnte sie streicheln und umarmen, aber in diesen Momenten nützte das alles nichts, sie war untröstlich, zwischen ihren Problemen und ihr war kein Fingerbreit für uns, der Platz war uneinnehmbar.“

Ob es verantwortungslos ist, ein Kind in solchen Verhältnissen aufzuziehen – darüber ließe sich trefflich streiten. Bourdeaut stellt sich diese Frage nicht, denn es ist nicht sein Sujet. Sein Punkt ist die Liebe und bei allem Wahnsinn, der in dieser Familie zu Tage tritt, kümmern sich die Eltern doch sehr liebevoll um ihren Sohn. Georges und sein Sohn lieben diese Frau so sehr, dass sie sie weder verlassen noch ruhigstellen lassen können. Das ist für alle gleichermaßen schrecklich und vielleicht deshalb so anrührend. Und hier assoziiere ich wieder die Nähe zu meinem Lieblingsschriftsteller: So ähnlich muss es Fitzgerald und Zelda auch ergangen sein. Auch sie tranken Unmengen von Alkohol, auch sie schmissen große Gelage, auch sie versuchten, eine normale Familie zu sein – und Scott konnte sich genau so wenig wie Georges aus seiner Verantwortung gegenüber seiner Ehefrau davon stehlen. Vielleicht wäre es besser gewesen, möglich war es nicht. Solche Abhängigkeiten sind fatal und gehen selten gut aus, deshalb kann ich die Kritik und Zwiegespaltenheit in mancher Besprechung durchaus verstehen, wenn darauf hingewiesen wird, dass der Roman bei betroffenen Personen als Trigger funktionieren könnte. Der Klappentext lässt nicht darauf schließen, welch Tiefe in dieser Geschichte steckt und das Cover wirkt auch eher unbeschwert.

Das aus Le Figaro stammende Zitat  „Eine schöne, eine verrückte, eine traurige Geschichte. Sie hat die Leichtigkeit eines Boris Vian und die Wucht eines J.D. Salinger.“ sehe ich etwas anders. Was Wucht und Leichtigkeit in Kombination angeht, ist Olivier Bourdeaut ein kleines Meisterstück gelungen, das ich nicht zwischen Vian und Salinger, sondern direkt neben Fitzgerald platziere – sicherlich auch dank der wunderbaren Übertragung aus dem Französischen durch Norma Cassau, die die sprachliche Schönheit, die das Original sicher enthält, großartig beibehält. Neben der Sprache sei auch die Konzeption des Romans hervorgehoben, die eine feine Entwicklung über die Darstellung der Geschehnisse aufzeigen. Wirkt das erste Kapitel tatsächlich wie von einem kleinen Jungen erzählt, so reift dieser Junge im Laufe der Geschichte heran und kann den Abschied, der da unweigerlich kommt, wenn auch traurig, so doch gefasst entgegentreten. Und das gelingt ihm nur, weil er sich stets aufrichtig geliebt fühlte.

Mit Dank an den Verlag, der mir dieses Kleinod warm ans Herz legte – wo es auch direkt ankam.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 01. März 2017
  • Verlag : Piper
  • ISBN:978-3-492-05782-0
  • Gebunden: 160 Seiten

 

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2 Gedanken zu “Aufrichtig geliebt

    • Danke Dir, liebe Constanze. Man fühlt das so stark in dem Buch, finde ich zumindest. Diese Liebe, diesen Wahn, dieses nicht anders können – und da kam mir die Verbindung in den Sinn. LG

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