Weißt du, es ist nicht schlimm, wenn wir sterben, ich will nur nicht zurück.

„Wir schaffen das“

Unvergessen sind die Worte der Kanzlerin, als die Flüchtlings-‚krise‘ (Als ob Flüchtlinge eine Krise wären, da könnte ICH die Krise bekommen!) auf ihrem Höhepunkt war. Ursachen dieser Krise, sind hauptsächlich der Bürgerkrieg in Syrien und der islamistische Terror, der in Afghanistan, Irak und Syrien ganze Landstriche verwüstet hat. „Allahu akbar“, im Namen des einen Gottes werden viele Gräueltaten begangen, die Interpretation des Islam lässt anscheinend vieles zu. Wobei die christlichen Länder sich nicht anmaßen sollten, darüber Gericht zu halten, da sie eine eigene blutige Vergangenheit haben, diese Krieg im Nahen Osten mit Waffenexporten schüren und natürlich dabei diese Waffen auch mal ausprobieren wollen. Viel wichtiger ist es doch, humanitäre Hilfe zu leisten, und den politischen Druck auf das syrische Regime zu erhöhen. Die einfachen Menschen sind es, die unter Kriegen leiden. Ein Leid, das wir uns nicht annähernd vorstellen können.

Olga Grjasnowa hat sich dieses Themas angenommen und einen Roman – nein, einen Augenzeugenbericht dazu geschrieben. So, oder so ähnlich, wird es vielen Menschen gegangen sein, die hier in Deutschland als Flüchtlinge ankamen und noch kommen. Olga Grjasnowa ist mit dem syrisch stämmigen Schauspieler Ayham Majid Agha verheiratet, mit dem sie eine Tochter hat, insofern wird sie wohl auch aus fundierten Quellen schreiben und vermutlich war dies auch die Motivation dieses Buches.

Das Buch handelt von zwei syrischen Menschen, die aus mittelständischen, eher wohlhabenderen Familien stammen. Hammoudi hat als Arzt in Paris promoviert, muss aber seinen syrischen Pass in Damaskus verlängern lassen. Der Pass wird zwar verlängert, er darf aber nicht nach Paris zurück. Amal ist Schauspielerin in Damaskus und träumt von einer größeren Karriere. Als der Bürgerkrieg ausbricht, geht sie auch mit auf die Straße, obwohl der Geheimdienst überall lauert. Warum setzt sie ihr sicheres Leben aufs Spiel?

„Sie hatten die Korruption, die Willkür des Geheimdienstes, die eigene Machtlosigkeit und die permanenten Demütigungen satt. Sie hatten es satt, dass alle öffentlichen Bibliotheken, Flughäfen, Stadien, Universitäten, Parks und sogar Kindergärten nach den Assads benannt waren. Sie hatten es satt, dass ihre Väter, Brüder und Onkel in Gefängnissen saßen. Sie hatten es satt, dass die ganze Familie zusammenlegen musste, um die Söhne von ihrem Armeedienst freizukaufen, während im Kabelfernsehen die nordamerikanischen Teenager Autos geschenkt bekamen und um die Welt reisten. Sie hatten es satt, jeden Morgen in der Schule ‚Assad, bis in alle Ewigkeit‘ aufzusagen und zu schwören, dass sie alle Amerikaner, Zionisten und Imperialisten bekämpfen würden. Sie hatten es satt, im Schulfach ‚Politische Bildung‘ Assad-Zitate auswendig zu lernen und sie dann mit fehlenden Bruchstücken in Klassenarbeiten zu ergänzen und zeitlich einzuordnen. Sie hatten es satt, wie Tiere behandelt zu werden. Und vor allem hatten sie es satt, dass sie all das nicht aussprechen durften.“

Amal wird festgenommen, verhört und misshandelt und kann nur durch Bestechung freikommen. Hammoudi arbeitet als Arzt in einer Stadt, die sich offen gegen Assad gewendet hat und von den Regierungstruppen regelrecht zusammengeschossen wird. Olga Grjasnowa beschreibt diese Schrecken sehr nüchtern und beschönigt nichts. Der Abstieg und die Hoffnungslosigkeit der beiden Charaktere werden hier sehr gut eingefangen. Diese Hilflosigkeit den Herrschenden gegenüber.

„In der Minute, die sie brauchen, um die schmale Treppe ihres Hauses hochzukommen, malt Amal sich aus, was sie heute verlieren könnte: ihre Wohnung, Geld, Schmuck, Zähne, ihre Würde, ihre Freiheit, ihr Leben. Sie beschließt überhaupt nicht mehr zu denken oder zu fühlen. Sie ist nicht traurig. Sie ist nicht ängstlich. Sie ist nicht wütend. In ihr sind keine Gefühle mehr.“

Doch immer noch bringt dich irgendetwas dazu, aufzustehen, weiterzumachen. Beide fliehen aus Syrien, doch auch in den angrenzenden Ländern wie dem Libanon oder der Türkei sieht die Lage nicht besser aus.

„Die Kinder würden vielleicht zur Schule gehen, wir würden keine Arbeit finden und wären auf Erdogans Gnade angewiesen. Wir sind illegal hier, Amal. Und außerdem wird auch dieses Land bald zu Grunde gehen. Es fängt schon an.“

Beide fliehen aus der Krisenregion. Nur die etwas Begüterten haben die Chance sich ein Leben im westlichen Europa aufzubauen, die Armen und Ungebildeteren bleiben zurück.

„…es gibt nur eine einzige schmale Leiter, die in den Raum führt, in dem mehrere hundert Seelen nebeneinandergedrängt auf dem Boden sitzen. Syrer, Palästinenser, Afghanen und Iraker, es sind allein reisende Männer und Frauen, Greise und ganze Familien mit Kleinkinder auf dem Arm. Zusammengepferchte Leiber, die sich berühren, Beine, die an andere Beine stoßen, Schultern die sich aneinanderschmiegen. Es ist der Mittelstand, der flieht, die Armen bleiben in den Flüchtlingslagern zurück.“

Es ist schon eine Tragödie was im Nahen Osten passiert. Millionen werden entwurzelt, von ihren Familien getrennt, ihr Land von den eigenen Landsleuten in Schutt und Asche gelegt. Die Nationen bluten aus. Gebildete und Reichere die die Regimes nicht unterstützen, fliehen in Scharen aus dem Nahen Osten – in eine ungewisse Zukunft. Denn der Goldesel Westen schottet sich langsam ab, und ist auch nicht mehr uneingeschränkt bereit zu helfen. Trotz der offiziellen Unterstützung haben es die Flüchtlinge in den europäischen Ländern nicht leicht.

„Die Welt hat eine neue Rasse erfunden, die der Flüchtlinge, Refugees, Muslime oder Newcomer. Die Herablassung ist in jedem Atemzug spürbar.“

Olga Grjasnowa hat ein unverblümtes Werk vorgelegt, das zeigt, wie schnell jemand gezwungen wird, das zu verlassen, was er liebt. In eine andere Kultur zu flüchten, eine unbekannte Sprache zu lernen, unter Menschen zu leben, die eine andere Religion haben. Alles Hab und Gut, auch seine Familie zu verlieren, seine Freunde, seine Wurzeln zurück zu lassen, um das nackte Leben zu retten. Die drei Kapitel zeigen die verschiedenen Stadien von Amal und Hammoudi, wie sie zu der Entscheidung kommen, ein neues Leben aufbauen zu müssen, obwohl sie ja zu den privilegierten Menschen in Syrien gehörten. Eine Flucht, ein Leben, das frappierend Parallelen zu dem Schicksal der Juden im dritten Reich zeigt, sowie auch das Vorgehen des Diktators Baschar-al-Assad Vergleiche an Adolf Hitler zulässt, dieses rigorose Vorgehen gegen Gegner des Systems, an alle Diktatoren erinnert. Erst wird nach und nach das Umfeld der unerwünschten Personen zerstört, ihr Hab und Gut genommen und dann ihr Leben. Viele Menschen geben schon vorher auf und reihen sich duldsam in die Reihe wieder ein. Die, die nicht zerbrechen und weiterkämpfen zahlen einen hohen Preis.

Gerade diese nüchterne, schonungslose Darstellung macht das Buch so eindringlich und aufrüttelnd und entwickelt eine starke Wucht. Grjasnowa wertet nicht, sie stellt die Dinge so dar, wie sie sind. Nackt und erbarmungslos. Es holpert manchmal etwas im Buch, die Worte passen nicht so richtig, was aber nicht stört, das Thema bleibt erschütternd genug. Ein wichtiges Buch zu den Zuständen in Syrien, wobei ich den Titel nicht ganz verstanden habe. Um Religion geht es hier, weiß Gott, nämlich überhaupt nicht. Gott ist abwesend.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 17. März 2017
  • Verlag : Aufbau Verlag
  • ISBN: 978-3-351-03665-2
  • Gebunden: 309 Seiten
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2 Gedanken zu “Weißt du, es ist nicht schlimm, wenn wir sterben, ich will nur nicht zurück.

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