Der Anal-Analyst

Claude Martingale (Als Martingal bezeichnet man in der Wahrscheinlichkeitstheorie einen stochastischen Prozess, der über den bedingten Erwartungswert definiert wird und sich dadurch auszeichnet, dass er im Mittel fair ist. Martingale entstehen auf natürliche Weise aus der Modellierung von fairen Glücksspielen. Quelle Wikipedia) ist Analyst bei einer irischen Bank. Claude wollte eigentlich mit dem Umzug von Paris nach Dublin etwas in seinem Leben ändern, aber er verbringt seine Tage und Nächte einzig und alleine mit Arbeit. Das viele Geld kann er gar nicht ausgeben.

Wir befinden uns kurz nach der Bankenkrise, Claude arbeitet bei einer fiktiven Bank (wobei die im Buch beschriebenen irischen Banken sehr reale Vorbilder haben), die aus der Bankenkrise einigermaßen unbehelligt herausgekommen ist. Seine Kollegen in der Analyseabteilung sind, wie er, viel zu beschäftigt um ein Privatleben zu führen.

„‚Ich bin Claudes beste Freundin in dem Saftladen hier‘, springt Ish ihm zur Seite. ‚Komisch, oder? Heißt doch immer Frogs und Aussies kommen nicht klar miteinander? Weil die Frogs, die sind alle schmuh-schmuh-schmuh und die Aussies heymannhey. Aber wir passen zusammen wie die Faust aufs Auge, stimmt’s nicht, Claude?‘ Ich stelle mir die blauen Flecke und die Schreie vor. ‚Ja‘, sage ich.‘

Als Claude Paul den Schriftsteller kennenlernt, der über Claudes Leben schreiben möchte, beginnt er plötzlich darüber zu reflektieren.

„Konnte man an so einem Ort einen Roman ansiedeln? In einer Stadt, die keine ist? Bevölkert mit Menschen, die dafür bezahlt werden, nicht sie selbst zu sein? Er sagt, er wolle das Menschliche im Innern der Maschine finden, wollte inmitten der goldenen Abstraktionen das Konkrete aufspüren. Er glaubt zu erkennen, dass ich irgendwie anders bin, und ich stehe hier auf dem Balkon und spüre ein Prickeln bei dem Gedanken, dass auch ich das erkennen könnte. Aber was, wenn er falschliegt? Wenn er den Spiegel hochhält und da ist nichts?“

Paul beobachtet nun Claude, Tag und Nacht und bringt den zwielichtigen Igor mit in die Bank, der anfängt überall Kameras einzubauen. Was haben die beiden vor? Nur für einen Roman solch einen Aufwand? Die verschiedenen Welten von Paul und Claude geraten schließlich auf weitere skurrile Art und Weise zusammen. Claude würde gerne Ariadne, der schönen Kellnerin, nahekommen. Dazu braucht er eine Geschichte, eine Vorgehensweise, die Paul ihm zurechtschreiben soll. In der Zwischenzeit schreibt der ständige Verfall der Banken in Irland, weitere Geschichten, die auch Paul und Claude direkt oder indirekt betreffen.

Ein Buch über einen Finanzanalysten in einer Bank? *GÄHN* Wie langweilig, denn außer Arbeit gibt es über Claude nicht viel zu erzählen. Doch mit Paul und dessen Gefolgschaft als Gegenpol für den etwas biederen Claude, hebt dieser Schelmenroman, als Groteske herrlich und böse sein Haupt. Besonders die Banken haben es Paul Murray angetan, mit hämischer Freude seziert er diese unnützen Konzerne in ihre Einzelteile.

„Das ganze Wochenende habe ich mir den Kopf zermartert. Was hat er damit gemeint, als er sagte, er würde nicht zum Kern der Sache vordringen? Es ist einziger Zweck einer Bank, vom Kern der Sache abzulenken – Dinge in Zahlen und diese Zahlen dann in imaginäre Dinge zu verwandeln, dann die imaginären Dinge in einzelne Stücke aufzuteilen, die man kaufen oder verkaufen kann, geswappt oder gehedgt, hin und her, wieder und wieder, bis die zugrunde liegende Realität aus der sie hervorgegangen sind, vollkommen vergessen ist.“

Die handelnden Politiker bekommen natürlich auch ihr Fett weg, haben sie doch sinnloserweise das Geld des Landes in diese intransparenten Gebilde gesteckt, ohne zu wissen, was sie da tun. Naja, sie haben bestimmt auch ihren Anteil zugeschustert bekommen. Die Wut der Bevölkerung hätte eigentlich in diesen Tagen höher ausfallen müssen.

„‚Sollte man als Politiker nicht eine Weltanschauung haben? An irgendwas glauben oder so?‘ ‚Er glaubt an Geld. Noch wichtiger das Geld glaubt an ihn. ‚Wer weiß? Vielleicht glauben sie ja wirklich, dass die Royal Irish noch zu retten ist. Stecken wir halt noch ein paar Milliarden rein, schließen die Augen und hoffen das Beste. In der Bank nennen wir das ‚magisches Denken‘, sage ich ‚Das ist verbreiteter, als man erwarten würde.'“

Die Beschreibungen gleiten manches Mal in das Groteske ab, bleiben im Kern aber wahr. „Früher das größte Puff Europas, heute fast alles Banken.“, sinniert eine der Protagonisten, als er die Straßen Dublins betrachtet. Die Charaktere in Paul Murrays Der gute Banker sind auch herrlich dargestellt.  Da sind die Kollegen von Claude, die diesen Irrwitz zwar verstehen, aber immer zynisch weiter machen. Die Chefin von Claude, die ihr Fähnlein im Winde dreht und die Parolen von oben nachplappert. Und natürlich der große Magier Blankly, der CEO, der Memos wie: Denkt kontraintuitiv und: Es ist nicht alles Gold was glänzt an alle Mitarbeiter verschickt, es ihnen überlässt die notwendigen Schlüsse zu ziehen. Blankly ist der typische Manager:

„Blankly würde durch das Grab seiner eigenen Mutter bohren, wenn er darunter Öl vermutete. Wenn Banker überhaupt einen Gedanken an die Natur verschwenden, dann den, dass sie der Schöpfer des mitleidlosen Modells des Survival of the Fittest ist, auf den der Markt basiert. Wenn eine Gattung ausstirbt, ein Fluss austrocknet, eine Zivilisation durch Hunger, Flut, Erdbeben oder Vulkanausbruch ausgelöscht wird, dann wird das in der Regel als fundamentale Schwachstelle in ihrem Businessplan gewertet.“

Überhaupt, die Grundarbeit der Analysten besteht darin, alle Daten in Kauf oder Verkauf umzusetzen, wobei die Resultate recht strittig sind:

„Einen Monat lang haben wir die Zahlen von fünf Jahren durchgeackert: die Aktien, die sie ausgesucht hatten, die Treffer, die Fehlschläge, das verdiente Geld, das verlorene Geld. Das Ergebnis war, dass eine willkürliche Auswahl der Aktien bessere Resultate erzielt hätte, als die von ihnen ausgesuchten. Einer hatte vielleicht in diesem Jahr mehr Glück, ein anderer im nächsten Jahr. Das heißt: Lass die Aktien aus einem Hut ziehen oder einen Affen mit Dartpfeilen auf eine Scheibe werfen und du erzielst auf lange Sicht die besseren Resultate.“

Ich liebe dieses Buch! Es ist so herrlich sarkastisch – und was das Schlimmste ist – Paul Murray hat mit allem Recht! Wer das Bankenumfeld nicht so gut kennt – keine Angst vor diesen ganzen Begriffen, die einem hier um die Ohren geworfen werden. Murray hat gut recherchiert und erklärt vieles, was wichtig ist. Wer allerdings etwas mit Hedgefonds und Swaps anfangen kann, dem droht hier der doppelte Spaß. Köstlich sind die mathematischen Modelle die in diesem Irrsinn aufgebaut werden. Da wird der als Nerd im Schrank lebend dargestellte russische Mathematiker dafür benutzt, irrationale Rendite zu erschaffen. Den Konkurs zu monetarisieren.

Aber im Grunde bedienen die Banken, wie die Illusionisten, nur die Wünsche der Menschen, die genau das bekommen was sie wollen.

„Schätze, die gute Nachricht für uns ist, dass Menschen Illusionen mögen. Sie mögen überzeugende Erzählungen, sie mögen gute Geschichten. Die über den brilianten CEO, der harte Entscheidungen trifft und das Unternehmen wieder auf Kurs bringt. Die über den cleveren Burschen im teuren Anzug, dessen scharfe Analysen vorhersagen, ob der Kurs steigt oder fällt. Sogar heute noch, wo uns alle Welt an die Gurgel will, wollen sie immer noch glauben, dass wir die Antworten haben. Das irgendwer die Antworten hat. Sie glauben eher das als die Wahrheit. Tatsächlich ist dies die einzig sichere Wette, die du anlegen kannst. Wenn er die Wahl hat zwischen einer komplizierten Wahrheit und einer simplen Lüge, nimmt der Mensch immer die Lüge. Auch wenn sie ihn umbringt.“

Bücher über die Finanzkrise 2008 haben wir schon viele gehabt, aber keines, das so herrlich boshaft, bissig und schonungslos damit umgeht wie dieses. Dabei hat Paul Murray ein paar schöne Kniffe in Petto, die diesen Roman zwischen einem Märchen und einer ernsthaften Geschichte durchlavieren.

Der gute Banker erreicht zwar nicht die Klasse von Skippy stirbt, aber es ist ungerecht, dass er bis jetzt noch nicht mal in Amazon mit einer Rezension bedacht wurde. Es ist ein höchst witziges, auf die Spitze getriebenes Buch, das mit der Finanzkrise abrechnet. Im Inhalt sehr fundiert, in der Aussage aber hämischen Witz ausgießt. Und die Verknüpfung von langweiligem Finanz-Analysten und chaotischen gescheiterten Schriftsteller ist überaus erquicklich. Ohne die Finanzkrise hätten wir solch ein Buch nicht gehabt. Und das wäre sehr schade gewesen.

Und am Ende geht einem auch noch mal das Herz auf, was will man mehr von einem Buch! Ein Buchhöhepunkt des Jahres .

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe: 24. August 2016
  • Verlag: Antje Kunstmann Verlag
  • ISBN:  978-3-95614-120-1
  • Gebunden: 526 Seiten
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