Geht es hinter dem Horizont weiter?

Wenn nachts der Ozean erzaehlt von Zana FraillonSubhi wächst in einer Parallelwelt auf. Er wurde in einem australischen Flüchtlingslager geboren und kennt die Welt jenseits des Zaunes nicht.

Mittlerweile ist er mindestens zweiundzwanzigeinhalb Zaunlatten groß, ganz sicher, aber vielleicht auch nicht. Er ist schon länger nicht mehr gemessen worden. Das hat seine Gründe: Seine Mutter, die er liebevoll Maá nennt, ist mittlerweile fast immer müde. Früher hat sie ihm jede Menge Geschichten erzählt, und wenn er ihr etwas berichtete, hat sie gelächelt, manchmal sogar gekichert.

Seit einer Weile erzählt sie kaum noch etwas, meist liegt sie nur auf ihrem Bett, das Subhi Bett nennt, seine große Schwester Queeny aber bloß „alte Armeepritsche“, und schläft. Neuerdings hat sie auch keinen großen Hunger mehr.

Neben Maá und Queeny gibt es noch Eli, der sehr wichtig für Subhi ist. Eli ist ein Teenie und alleine, er hat keine Familie mehr. Weil er aber minderjährig ist, darf er auch ohne Familie in einem Familienzelt leben. Das klingt romantischer als es ist: In Elis Zelt wohnen siebenundvierzig Leute, in Subhis zweiundvierzig.

Dass der Altersunterschied zwischen Eli und mir noch größer ist als zwischen Queeny und mir, ist nicht wichtig, er ist trotzdem mein bester Freund und wir erzählen uns alles. Eli sagt, wir sind sogar mehr. Wir sind Brüder.

In lakonischem Stil lässt Zana Fraillon den kleinen Subhi in ihrem Buch „Wenn nachts der Ozean erzählt“ aus dem Lagerleben berichten. Die Beklemmung, die der Leser bei all dem verspürt, ist Subhi fremd.

Maá sagt, ich soll mir das Essen nie zu genau ansehen, und wenn ich Fliegen oder Würmer darin finde, erklärt sie mir jedes Mal, dass ich besonderes Glück habe, weil ich auf diese Art Eiweiß bekomme. Einmal habe ich sogar einen menschlichen Zahn in meinem Reis gefunden. >Hey, Maá, bringt der auch Glück?<, fragte ich und Maá sah ihn sich an und sagte: >Wenn du Zahn brauchst.< Sie lachte lange über ihren Witz.

Das Camp ist für Subhi Normalität, er kennt ja nichts anderes, der durch Zäune abgesteckte Bereich ist seine Heimat. Das hilft ihm, schützt ihn und macht ihn stark. Und doch gibt es Dinge, die ihm Angst einflößen. Als kleiner Junge hatte er Albträume, seine Mutter und seine Schwester zu verlieren. Nur zu verständlich, denn seine Mutter musste mit der kleinen Queeny an der Hand und Subhi unterm Herzen ohne ihren Mann aus Burma fliehen. Subhi kennt seinen geliebten „Ba“ nur aus Erzählungen. Er weiß, dass sein Ba verhaftet wurde, weil er Rohingya ist, und weil er früher Gedichte schrieb, die irgendwem nicht passten. Kein Wunder, dass Subhi Angst hat, auch noch den Rest seiner Familie zu verlieren.

Und dann gibt es noch die fiesen Alltagsprobleme – Aufpasser zum Beispiel, die alle Flüchtlinge nur bei ihrer Identifikationsnummer rufen und immer unfreundlich sind. Beaver ist der schlimmste von allen, denn er wurde einmal angegriffen von einem durchgedrehten Lagerinsassen. Seither hasst Beaver alle Flüchtlinge und lässt keine Chance aus, sie zu demütigen.

Der bedrückenden Atmosphäre entflieht Subhi auf seine ganz eigene Art. Er träumt sich davon. Auf wunderbare Weise unterhält er sich tagsüber mit seinem Gummi-Enterich, der ihm, es erscheint einem völlig natürlich, auch antwortet. Und nachts, ja, nachts liegt Subhi auf seiner Pritsche und träumt vom Ozean. Ganz laut hört er dann die Wellen und mit diesen Wellen kommen Geschichten und Schätze zu ihm.

Zur selben Zeit liegt Jimmie in ihrem Bett. Sie lebt auf der anderen Seite des Lagerzauns. Sie ist zehn Jahre alt, frei und ihr stehen alle Türen offen. Rein objektiv gesehen. Doch schaut man genauer hin, ist auch sie eine Gefangene. Ihre Mutter starb vor drei Jahren, seither droht der Rest der Familie im Chaos zu ertrinken. Der Vater ist durch seine Trauer wie gelähmt, der Bruder pubertär und vor allem mit sich beschäftigt.
Seit dem Tod ihrer Mutter geht Jimmie kaum noch zur Schule, denn keiner hat die Zeit, sie zum Bus zu bringen, der nur einmal am Tag kommt. Also bleibt sie meist zu Hause oder spaziert alleine durch die Nachbarschaft. Bei einem dieser Streifzüge kommt sie an den Zaun des Lagers. Und plötzlich will etwas in ihr wissen, wie es dort drin aussieht. Jeder Zaun, so sagt ihr großer Bruder, hat eine Schwachstelle – man muss sie nur finden. Eines Nachts findet sie sie. Und dann ist sie drin.

Als Subhi in genau jener Nacht nicht schlafen kann, krabbelt er aus seinem Familienzelt – und findet sich plötzlich Jimmie gegenüber. Einfach so steht dieses fremde Mädchen vor ihm. Lange schauen sie sich einfach nur an und dann beginnt eine erstaunliche Freundschaft. Denn trotz seines eingeschränkten Lebens im Lager kann Subhi nämlich etwas, was Jimmie in ihrer Freiheit dort draußen nicht gelernt hat –  lesen.

Doch wie das Leben so ist: Es gibt einem schöne Dinge, doch gleichzeitig nimmt es einem auch welche. Und so passiert am Tag nach der hoffnungsfrohen Begegnung mit dem Mädchen von draußen etwas ganz Furchtbares: Subhis bester Freund Eli muss den Familientrakt des Lagers verlassen und nach „Alpha“ umziehen. Eli, der zwar ein paar Jahre älter als Subhi ist, aber noch lange nicht volljährig.  Der Bereich „Alpha“ ist für alleinstehende Männer. Keiner versteht, was das soll. Es ist bürokratische Willkür.

Es passiert etwas mit den Männern, wenn sie so zusammenleben, ohne ihre Familien, ohne die Möglichkeit zu arbeiten oder etwas zu lernen oder etwas zu tun, und dabei die ganze Zeit auf die Aufpasser und ihre ständig klimpernden Schlüssel hören müssen. Es verändert einen Menschen, sagt Eli.

Je schöner die nächtlichen Treffen mit Jimmie werden, umso schrecklicher wird die Situation im Lager. Während Subhi nachts Jimmie aus dem Tagebuch ihrer verstorbenen Mutter vorliest und Jimmie ihm im Gegenzug heiße Schokolade in der Thermoskanne mitbringt und vom Leben jenseits des Zaunes berichtet, spitzt sich die Lage in den Flüchtlingszelten zu. Manche der seit Jahren Wartenden treten in Hungerstreik, machen Fotos vom Zustand im Lager und stellen sie ins Internet.

Doch Subhi kann sich damit nicht wirklich auseinandersetzen, er hat ein ganz anderes Problem: Eines Nachts bei einer ihrer Vorlese-Sitzungen, bemerkt er, dass Jimmie krank ist. Als sie zitternd und verwirrt nach Hause schwankt, verliert sie das Buch ihrer Mutter. Subhi nimmt es an sich und wartet darauf, dass Jimmie zurückkehrt, um es an sich zu nehmen. Doch sie kommt nicht. Und dann entdeckt er am Nachthimmel ihren vereinbarten Hilferuf: Zweimal lang blinken mit der Taschenlampe. Subhi weiß, was er tun muss …

Zana Fraillons Buch ist zu Recht für die Cilip Carnegie Medal 2017 nominiert und auf der Shortlist für den Guardian Children’s Fiction Prize 2016 gelandet. Fraillon hat viel recherchiert für ihren Roman und das merkt man. Sie kombiniert das fundierte Wissen mit Emotionen und setzt es gelungen in Szene. Man kann sich dem Charme, den der kleine Protagonist Subhi versprüht, nicht entziehen, trotz des erschütternden Themas. (Wer wissen möchte, wie sie auf das Thema kam, kann hier weiterlesen.) Offensichtlich hat Claudia Max in ihrer Übersetzung alles richtig gemacht, denn die herrliche Sprache, derer Subhi sich bedient, ist so lebendig, berührend und überzeugend kindlich, dass Inhalt und Form perfekt verschmelzen.

Es ist gleichzeitig gut und schlecht, dass „Wenn nachts der Ozean erzählt“ dem Genre Jugendroman zugeteilt wurde. Gut, weil der Titel dann hoffentlich viele junge Menschen erreicht, vielleicht auch solche, die ohne diesen wundervollen Roman eine ganz andere Meinung über das Thema Flüchtlinge hätten. Schlecht ist es, weil die Geschichte dadurch vielen Erwachsenen entgehen wird, denn wer schaut sich jenseits der zwanzig schon bei Jugendromanen nach der nächsten Lektüre um?

Ich möchte diesen kleine Schatz jedem in die Hand drücken: meinen Kindern, meinem Mann, meinen Eltern, meinen Nachbarn. Keinen kann es unberührt lassen, wenn Subhis Stimme erklingt. Und wenn alle mit ihm mitleiden und -fühlen, könnte sich viel verändern.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 1. Auflage 2017
  • Verlag: cbt Verlag
  • ISBN: 978-3-570-16476-1
  • Gebunden: 284 Seiten

 

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2 Gedanken zu “Geht es hinter dem Horizont weiter?

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