Erodierendes Eheleben

Beziehungen sind für Personen außerhalb immer schwierig zu verstehen und zu beschreiben. Zumal man vieles nicht sieht, viele Entwicklungen, die im Inneren stattfinden, nicht mitbekommt. Selbst beste Freunde und Freundinnen der Ehepartner schütteln, ob der Entscheidungen ihrer sich Ihnen anvertrauten Freunde manchmal den Kopf. Entschlüsse sind nicht nachvollziehbar und karikieren das vorher Gesagte. Als Kind und auch später als Erwachsener habe ich die Beziehung meiner Eltern nie so richtig nachvollziehen können. Auch in meiner späteren Rolle als Vater und Ehemann, konnte ich manches rückblickend nicht verstehen.

Das können die handelnden Personen, die in der Beziehung stecken, manchmal auch nicht. Genau diese Art von langjähriger Beziehung, eine Ehe die 30 Jahre andauert, seziert Tim Parks in seinem Buch Thomas & Mary. Vorsicht für alle glücklich Verliebten und alle, die in einer zufriedenen Partnerschaft stecken, das Buch hat eine gewisse Art einen zu infizieren, gedanklich herunterzuziehen, es entwickelt einen starken Sog. Man benötigt Abstand, um nicht in seiner eigenen Beziehung nach diesen Symptomen der Erosion zu suchen.

Thomas verliert seinen Ehering am Strand. Trotz intensiver Suchens bleibt dieser verschwunden. Ein schlechtes Omen?

„Dennoch, er wollte keinen neuen Ring kaufen. Irgendwie kam es ihm so vor, als ließe sich das Problem nur lösen, wenn er noch einmal ans Meer fahren und den alten 22-karätigen goldenen Ring, auf dessen Innenseite ihre Namen und ihr Hochzeitsdatum eingraviert waren, wiederfinden und ihn sich an den Finger stecken würde; dann würde die Welt wie von Zauberhand wieder so sein wie zuvor. Wie viele Jahre zuvor. Das passierte nicht.“

Am Anfang des Buches weiß man schon, dass die Ehe ein schlechtes Ende nehmen wird. Doch hier geht es nicht um Anfang oder Ende einer Geschichte. Tim Parks springt munter in der Zeit und verwirrt den Leser, der von späteren Dingen liest und Verweise auf frühere Ereignisse erhält. Er seziert die Ehe in einzelne Lebenssituationen. Es werden Vermeidungssituationen dargestellt um nicht zusammen einzuschlafen oder gar miteinander zu schlafen. Dazu dient ein Hund, die Arbeit, der Fernseher, zwischen zwei Menschen im Ehebett passen so viel Alltag, so viele Entschuldigungen. Der Ehealltag wirkt festgefahren, so viele Dinge aufgehäuft, so wenig Zuwendung bleibt. Buchhalterisch und nüchtern wird Bilanz gezogen.

„Als er nach Hause kommt, steuert Thomas seinen frisch gewarteten Wagen die Rampe hinunter in die beeindruckend geräumige Dreiergarage unter dem gut gepflegten Garten. Per Fernbedienung öffnet sich die Tür, und als das Auto hineingleitet, geht automatisch eine Lampe an und beleuchtet das an einer Wand gestapelte Kaminholz, die Räder auf dem Fahrradständer an der anderen Wand, einen Werkzeugschrank, Umzugskartons, einen Schlitten, Skates, Rucksäcke, Bücher, eine rot-weiße Vespa, Tennisschläger, Gitarrenkästen, Verstärker, ein elektrisches Klavier, einen kaputten Roller. Thomas stellt den Motor ab und starrt das alles an. So viele beruhigende Sachen, denkt er. Relikte der Aktivitäten eines vergangenen Lebens. Nach einer Weile geht das Licht aus, aber Thomas bleibt noch sitzen und starrt weiter. In der unterirdischen Stille seiner Tiefgarage, auf dem Sitz seines dunklen Sedan, könnte er ein etruskischer Prinz sein, einbalsamiert auf seinem Totenschiff.“

Langsam wird das Bild dieser Ehe deutlich. Er arbeitet, hat junge Freundinnen, Geliebte, die bei den ersten Problemen abgeschoben werden, er beackert den Garten. Sie zieht die zwei Kinder groß, holt sich einen Hund, geht auch mal fremd. Doch zueinander laufen sie nicht. Immer weiter wird in dieser langjährigen Ehe gelebt, ohne die Grundprobleme zu beseitigen. Wie der Ehering dient die Hochzeitspflanze als „Self fulfilling prophecy“.

„Er stellte die Pflanze an unerreichbare Orte. Er platzierte sie im Extrazimmer, wo er manchmal abends arbeitete. Doch obwohl die Hochzeitspflanze überlebte, gedieh sie nicht mehr so wie früher. Das lag sicher daran, dachte Thomas, dass die beiden neuen Triebe einander genau gegen überlagen, sodass immer einer der beiden im Nachteil war, ganz egal, wie die Pflanze zum Licht stand.Thomas drehte sie regelmäßig, doch das schien sie nur zu Verwirrung zu führen. Die beiden neuen Stämme wuchsen leicht verdreht, so als würden sie versuchen, um den alten Stamm herum voreinander zu fliehen.“

Parks beschreibt diesen ermüdenden Alltag so im Detail, dass man dem Buch fliehen möchte, aber doch wie gebannt an den Sätzen klebt. Und wie die Personen so tief in ihrem Leben stecken und doch manchmal darüber hinausschauen sollten und müssten und es nicht können, so tief ist der Treibsand der Zeit und das graue Einerlei. Warum, warum geht es nicht einfacher? Warum ist man nicht zufriedener?

„Reife, die Zufriedenheit älterer Paare. Er lässt die Katze raus, während sie den Kamillentee umrührt. Jeder von beiden weiß, welchen Teil der Zeitung der andere gern liest, wer wann kalte Füße hat. Das reife Obst im wohlbekannten Korb, die Blätter die vom Rasen aufgesammelt werden. Winterreisen in ein wärmeres Klima, bunt verpackte Geschenke für die Enkel. Akkumulation und Ablagerung. Ihre todkranke Mutter, das Motoneuron seiner Schwester. Das Wirkliche von Tag zu Tag wirklicher. Das Sofa an die Form ihrer Rücken angepasst. Das sanfte Kratzen ihrer Nägel auf seinem Nacken. Er nimmt ihre schwieligen Füße zwischen seine fleckigen Hände. Lächelt sich durch grauen Star und Reformkost hindurch. Das jährliche Abkommen, die Fotos neu zu ordnen. Warum war dieses Schicksal  nicht für uns bestimmt? fragt sich Thomas.“

Dieser wankelmütige, ungläubige Thomas. Parks begibt sich auch tief in seine kleine Seele, die voller Unsicherheit und Unklarheit ist. Trotz des Selbstbewusstseins eines guten Jobs und vieler junger Frauen kann er letztendlich nicht das mit seiner Frau tun, was er tun sollte. Eine Ehe, ein Leben voller verpasster und verpatzter Gelegenheiten:

„Nein, je mehr Thomas nach Vergleichen suchte, desto mehr kam er zu dem Schluss, dass die Beziehung zwischen ihm und seiner Frau keinem literarischen Muster entsprach. Es war wirklich ihre eigene Geschichte, und sie war wirklich passiert. All die wunderbaren, schwierigen Jahre lang. Als Thomas diese Wahrheit schließlich mit überwältigender Schärfe und ganz realer Brutalität klar wurde, brachte sie eine neue Zuneigung zu seiner Frau, seiner Exfrau mit sich, und eine ganz neue Achtung – sie hatten all das tatsächlich zusammen durchgemacht- , ja sogar Zärtlichkeit. Einen Augenblick lang dachte er daran, anzurufen, entschied sich aber dagegen.“

Hätte dies irgendetwas verändert?

Parks ist ein intensives Buch gelungen, aus dem sich der Rezensent müde und mit viel Kraft befreien musste, um nicht hinab gezogen zu werden. Ein sehr atmosphärischer Roman, der laut des Nachworts des Autors auch anders erzählt werden kann, der immer in Bewegung ist, in Reihenfolge und Aufbau. Die Geschichte einer Ehe, die nicht immer linear ist, ein Buch dazu, das tatsächlich auf Englisch eine andere Struktur, eine andere Reihenfolge hat. Eine Ehe, die keinen direkten Grund hat zu scheitern, dennoch scheitert, weil zu wenig Achtsamkeit, zu wenig Liebe und – ja auch Selbstgefälligkeit der Personen vorherrscht. Einfach weil zu viel verloren geht im Laufe der Jahre und weder Thomas noch Mary darum kämpfen. Tim Parks ist, gerade durch seinen etwas nüchternen Stil, ein ganz und gar erschreckendes Buch über eine Ehe gelungen. So wie man es nicht machen soll. Ein schleichender Zerfall einer Beziehung.

Eine klare Leseempfehlung von mir.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe: 15.Februar.2017
  • Verlag: Antje Kunstmann Verlag
  • ISBN:  978-3-95614-164-5
  • Gebunden: 336 Seiten
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