Islands Mystik

Island. Zweitgrößter Inselstaat in Europa. Das am dünnsten besiedelte Land in Europa mit knapp 330.000 Einwohnern. Und so weit weg vom Festland, nahe des nördlichen Polarkreises gelegen. In Island gibt es maximal durchschnittlich sechs Sonnenstunden, die Temperaturen bewegen sich im Durchschnitt zwischen minus drei und plus dreizehn Grad.

Trotzdem hat dieses Land schon immer eine gewisse Faszination auf mich ausgeübt. Sei es die seit fast tausend Jahren nicht veränderte Sprache, die sich eine alte Sprachform beibehalten hat, und bei der Fremdwörter umgehend in eigene Begriffe geändert werden. Sei es die etwas mystische Musik, die aus Island kommt. Künstler wie Björk, Sigur Ros oder Arstidir (Man verzeihe mir die nicht isländische Schreibweise) verbreiten eine dunkle warme Atmosphäre, die anders ist als das, was man musikalisch gewohnt ist.

Leider habe ich dieses Land noch nie besucht, aber Bücher darüber, sind einfach zu besorgen und zu lesen. So auch das vorliegende mit dem allumfassenden Titel: Etwas von der Größe des Universums. (den Originaltitel wage ich nicht mit der gegebenen Übersetzung zu vergleichen )

So mythisch Island auch sein mag, dort leben auch Menschen, die ganz normale Sehnsüchte haben, die lieben, leiden und das Glück suchen. Eben in einer mysthischen Atmosphäre, die Jon Kalman Stefansson fast ganz am Anfang dem Leser vor Augen führt.

„[…] alles andere ist weg, die Einwohner von Keflavik können sich eine Weile von der Welt erholen, es gibt sie nicht mehr. Nur Luft und Schnee sind um sie her. Nur Schneeflocken, dieses Weiß vom Himmel. Botschaften, Küsse, die auf unserer Stirn schmelzen. Alles andere ist verschwunden, die Tankstelle, die Geschäfte gegenüber, das Kino, die Hafenstraße, die Hringbraut, nur ein kurzes Stück weiter weg, die Arbeitslosigkeit, der leere Hafen, der Weihnachtsschmuck, die Reklameschilder. Da ist nur der Schnee, er rieselt ohne Unterlass die ganze Nacht herab und verbindet die Erde mit dem Himmel, was wahrscheinlich wichtiger ist, als uns bewusst ist […]“

Es sind kurze Momente, manchmal nur wenige Seiten lang, die wir bei den Protagonisten verbringen dürfen. Der Autor springt in der Zeit hin und her, beschreibt einige glückliche oder unglückliche Situationen in deren Leben und die Gedanken der Handelnden.

„Wie viele Tage verbringen wir im Verlauf eines Lebens auf diesem Planeten, die wirklich wichtig sind, an denen sich wirklich etwas ereignet, wodurch das Leben bereichert wird und abends heller scheint als am Morgen? Wie viele solcher Tage?“

Dabei kämpfen die Männer und Frauen meist mit ihrer harten Arbeit (wenn sie welche haben), für feine Kunst oder abschweifende Gedanken ist meist keine Zeit, es gilt, das Leben zu meistern, etwas zu essen auf den Tisch zu bekommen. Doch so manches Mal fliehen die Gedanken in die Zukunft: Was sein wird, was sein könnte.

„Gedichte sind okay, man kann sie als Decke benutzen, wenn es kalt ist in der Welt, sie können Transparente außerhalb der Zeit sein, mit merkwürdigen Zeichen darauf, aber sie haben furchtbar wenig zu sagen, wenn die Knochen müde geworden sind, das Leben dich ausgesondert hat und die Kaffeetassen das Einzige ist, was dir abends die Hände wärmt.“

Doch das zentrale Thema, die innigste Naturerfahrung haben die Isländer mit oder auf dem Meer. Hier sind die Erfahrungen am stärksten, mit sich selbst zu sein, das tagelange Zusammenleben auf engstem Raum, der Überlebenskampf gegen die See wird am intensivsten gespürt. Und am wichtigsten ist die Freiheit, die jeder dort erlebt.

„Jeder Mensch braucht seine Freiheit, wiederholte Siggi, diesmal nur für sich selbst, in Gedanken, vielleicht erinnerte er sich gerade an etwas Wesentliches. Freiheit, sagte Jakob, die gibt es auf See, Freiheit heißt zur See zu fahren. Ich weiß nicht, wie oft ich meinen Vater das sagen gehört habe.“

Die Geschichten, die Stefansson uns erzählt, die Sehnsüchte in Aris Familie, die Erlebnisse, haben eines gemeinsam: Sie sind von Leben durchtränkt, von dem Willen etwas zu erleben. Doch auch die unerfüllten Träume sind Gegenstand der Betrachtungen, Sehnsüchte, die jahrelang geheim gehalten wurden.

„Die schlimmsten Höllenqualen, sagt Jakob, nachdem er lange geschwiegen, den Brief auf den Küchentisch und Margrets Tagebücher auf den Couchtisch angesehen hat, müssen die durchmachen, die nicht genug gelebt haben. Die höchstens zur Hälfte gelebt haben. Die weder gut noch böse gewesen sind.“

Stefansson weiß wovon er schreibt, hat er doch jahrelang in den verschiedensten Jobs in Island gearbeitet. Diese raue Authentizität spürt man beim Lesen des Buches, zwischen der Dunkelheit, dem Alltag, blitzen dann immer wieder diese Juwelen der Gedanken, diese Aphorismen auf, die durchaus auch mal die Größe eines Universums haben können. Die Sprünge sind verwirrend und verhindern einen Fluss der Geschichte, aber nach einigen Seiten habe ich gespürt, dass das erzählte Leben die Geschichte dieses Buches ist.

Etwas von der Größe des Universums ist ein dunkles, aber schimmerndes Buch. Ein Buch, welches einem viel Kraft und Ruhe geben kann.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe: 01.Februar.2017
  • Verlag: Piper
  • ISBN:  978-3-492-05795-0
  • Gebunden: 400 Seiten
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