Der Stromkrieg: Edison – Westinghouse – Tesla

So liebe ich das Genre des historischen Romans: Eine im Kern wahre Geschichte, die fast an einen Thriller herankommt, eine Prise Fiktion, ein bisschen Wissenschaft, wundervoll entwickelte Figuren, ein spannender Plot, angenehme Sprache und einen Krieg der Theorien eigentlich der Erfinderpersönlichkeiten Edison – Westinghouse – Tesla – der Stromkrieg, der Ende des 19. Jahrhunderts ganz Amerika in Atem hielt.

Der Autor Graham Moore berichtet die Story aus der Sicht des jungen Anwalts Paul Cravath, der in seiner Funktion des Rechtsvertreters von George Westinghouse genauestens seinen Auftraggeber, alle potenziellen strategischen Partner, alle Hinderungsfaktoren, die Finanziers im Hintergrund wie z.B. J.P. Morgan und selbstverständlich den Hauptgegner Edison, den es zu bekämpfen gilt, tiefgehend mit all seinen Stärken und Schwächen strategisch klug und relativ objektiv analysiert. Dabei bleibt die Hauptfigur Paul als treffender Beobachter am Rande über weite Strecken des Buches zwar ein wesendtlicher Akteur des Geschehens, tritt aber als fühlende tiefgründige Persönlichkeit im Roman etwas in den Hintergrund, was mich gar nicht gestört hat, da es ihn als leidlich objektiven Beobachter aus dem sehr emotionalen Ränkespiel der Erfinderpersönlichkeiten herausnimmt. Erst als Cravath als Kollateralschaden einer Brandstiftung fast getötet wird, ändert sich seine analytisch-neutrale Position dramatisch, und er wirft sich voller Emotionen mit eigenen Interessen ins Gefecht der Erfinder.

Wundervoll werden zuerst alle zentralen Figuren des Stromkrieges installiert. Die für den Anwalt relevante Ersatzvaterfigur George Westinghouse, der Paul als sein erster Mandant die Chance gibt, sich auf dem Parkett der Juristerei einen Namen zu machen, der das Konzept des Wechselstroms vertritt und visionäre Ideen auf den Boden der Tatsachen bringt, indem er sehr gerne reale Produkte baut. Nikola Tesla, ein genialer Visionär mit monkhaften Zwangsstörungen und teilweise wahnhaften Schüben, in denen er am laufenden Band Ideen entwickelt, die seiner Zeit meilenweit voraus sind. Und zuletzt Thomas Alva Edison, ein weiterer diametral entgegengesetzter Erfindertyp, der mit einem großen Ingenieursteam im Sinne der kontinuierlichen Verbesserung so lange probiert, bis sich ein Erfindungsproblem auf irgendeine Weise technisch und wirtschaftlich vertretbar relativ gut lösen lässt. Der also im Prinzip das moderne Innovationsmanagement erfunden hat. Flankiert noch von den Persönlichkeiten des J.P Morgan, als Banker ein beinharter Rechner und Strippenzieher im Hintergrund, Mr. Brown, ein Fanatiker, der unbedingt den elektrischen Stuhl einführen will und Agnes, die große Liebe von Paul.

Offenkundig beherrschte Tesla das Rohmaterial der Sprache durchaus – Wörter und kurze Sätze -, agierte beim Anwenden komplexer Sprachbestandteile – Grammatik und Satzbau- allerdings vollkommen beliebig. Es war als werfe Tesla sämtliche Wörter, die er zu einem bestimmten Thema kannte, hoch in die Luft und ginge dann weg, ohne abzuwarten, wo sie landeten“

Als der Stromkrieg voll ausbricht, werden von fast allen beteiligten Hauptprotagonisten Hemmungen und Skrupel komplett über Bord geworfen, da werden Hunde und Pferde mit dem Stromsystem von Westinghouse coram publicum gegrillt und gemeuchelt, nur um ihn zu diskreditieren, da bricht auch der brave Rechtsverdreher Paul in Büros ein, um Industriespionage zu begehen, da werden von irgendwem Mordanschläge verübt, und alle belügen und betrügen sich gegenseitig mehrmals massiv um Geschäftsanteile und brechen viele schriftlichen Verträge. Lediglich Nikola Tesla bekommt in seiner Naivität nichts mit und ist letztendlich das eigentliche Opfer der verwickelten Ränkespiele.

Am Ende der Geschichte gibt es sowohl für jene, die den historischen Ablauf nicht genau kennen, als auch für alle anderen eine überraschende fiktionale Wendung. Aber mehr möchte ich nun nicht mehr spoilern. 🙂

Normalerweise fragt sich jeder historisch interessierte Leser am Ende eines Romans, wie viel und was genau bei so einer Story auf Fakten basiert und welche Teile halb oder völlig fiktional sind. Auch hier hat der Autor im Nachwort wundervoll Abhilfe geschaffen. Er erklärt genau seine Quellen, welche Teile auf Fakten beruhen, wo ziemlich gesicherte Vermutungen in den Plot einflossen und was genau komplett erfunden ist. Weiters beschreibt er detailliert, an welchen Stellen er im Roman Veränderungen im Zeitablauf – im Vergleich zu den historischen Daten – vorgenommen hat. Bravo!! Sehr witzig und außerordentlich überraschend fand ich den Umstand, dass auch die Hauptfigur Paul Cravath und seine Angebetete Adele als historische Persönlichkeiten tatsächlich in dieser Story mitspielten. Ich dachte eigentlich, dass sie frei erfunden sind. Als offensichtlich wichtige Akteure des New Yorker Society-Lebens hätte ich gerne auch mal einen Roman oder eine Biografie über diese beiden gelesen.

Fazit: Eine absolute Leseempfehlung von mir für diesen grandiosen Pageturner – ich finde ausnahmsweise gar nichts zu kritisieren. In Anbetracht der Tatsache, dass der Autor normalerweise Drehbücher schreibt, freue ich mich auch schon sehr auf den Film.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 16. Februar 2017
  • Verlag: Eichborn
  • ISBN: 978-3-8479-0624-7
  • Hardcover: 464 Seiten

 

Das Hörbuch ist sehr detailgetreu umgesetzt und mit wundervoll sonorer Stimme des Synchronsprechers David Nathan vorgetragen. Er leiht seine Stimme unter anderem Johnny Depp. Leider hat mich das etwas affektierte Theaterdeutsch des Sprechers dann doch ein bisschen genervt, aber das kann daran liegen, dass mein Idiom aus Österreich kommt, und ich mit eispickelhart ausgesprochenen Konsonanten, rrrollendem Theater-RRRRR und pathetischem Redestil so prinzipiell meine kleinen Problemchen habe. 🙂

Hörbuchdetails

  • Aktuelle Ausgabe : 16. Februar 2017
  • Verlag : Eichborn
  • ISBN: 978-3-7857-5484-9
  • 6 CD’s: 422 Minuten
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22 Gedanken zu “Der Stromkrieg: Edison – Westinghouse – Tesla

  1. Also im Vergleich zwischen McCartens „Licht“ und Moores „Tage der Nacht“ würde ich doch ersterem den Vorzug geben. Ich finde dass McCarten seine Personen runder entwickelt, bei Moore kamen mir die meisten Protagonisten wie Pappkameraden vor. Ebenso fand ich vieles etwas vorhersehbar – aber auch die Verfilmung bin ich trotzdem gespannt und würde sie mir anschauen!

    Beste Grüße,
    Marius

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    • Hi Stefan, danke für den Kommentar. Awogfli wie auch die anderen üblichen Verdächtigen haben sich tatsächlich bei Lovelybooks kennengelernt 😉 Wer weiß, vielleicht kennst Du sie von dort … Kannst ja mal nach uns suchen ;))) LG, Bri

      Gefällt 1 Person

    • Lieber Stefan!
      Ja in lovelybooks bin ich und daher kennen wir uns wahrscheinlich. Ich bin auch in Goodreads und Booklikes. Aber von der Krimicouch habe ich noch nichts gehört, klingt aber spannend – ist das auch eine Plattform?
      Liebe Grüße Alexandra

      Gefällt 1 Person

      • Hallo, ja, dann wird es wohl lovelybooks sein. Glaube sogar, ich folge Dir da. 😉 – Die Krimi-Couch ist (noch) die größte Internetseite zum namensgebenden Thema. War dort jahrelang im Forum aktiv und über vier Jahre Online-Redakteur. 2009 haben wir den Grimme-Online-Award bekommen. Leider wird sie seit ein paar Jahren nur noch stiefmütterlich betreut und siecht vor sich hin. Die Datenbank dort ist allerdings immer noch das umfangreichste, was es im deutsprachigen Raum zum Thema Krimi gibt. Zusammen mit dem ehem. stellv. Chefredakteur Jochen König schmeiße ich inzwischen meinen Blog. Und Dieter Paul Rudolph, Autor und ehemals Kolumnist auf der Krimi-Couch, schreibt ebenfalls unregelmäßig bei mir. Falls du Lust hast, schau doch (bei der Krimi-Couch und bei mir) einfach mal rein. Liebe Grüße zurück, Stefan

        Gefällt 2 Personen

    • Lieber Stefan!

      Ich schaue gerne mal bei Dir am Blog vorbei und flätze mich auch auf der Krimicouch 🙂 Krimis mag ich zwischendurch sehr gerne auch hier gibt es ja in Österreich eine längere Tradition. Vor einer Woche habe ich Volksfest von Rainer Nikowitz gelesen und war begeistert. Der neue Krimi von der Claudia Rossbacher liegt auch noch zum Rezensieren auf meinem Nachttisch 🙂

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  2. Sehr tolle Besprechung eines Buches, das ich bisher noch nicht gesehen habe. Danke dafür, das könnte genau etwas für mich sein. Die richtige Mischung aus Fakten und Fiktion ist ja oft nicht so leicht, scheint aber hier wohl zu funktionieren.
    Beste Grüße!

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