Spaziergang zur Seele

Was kann es dochimage für eine Freude sein, Bücher zu rezensieren! Da kommt dieses kleine Büchlein vom – für seine feinen Bücher bekannten – Verlag Antje Kunstmann per Post an und präsentiert sich erstmal in einem recht bescheidenen Gewand. Und doch strahlt es vom ersten Moment an einen seltsamen Zauber aus. Die geheimnisvollen Symbole auf senfgelbem Leinen-Untergrund machen neugierig. Vielleicht ist auch der Moment günstig, so kurz vor dem lang herbeigesehnten Urlaub der Rezensentin. Da ist man offen für Anregungen und neue Impulse.

Was auch immer der Auslöser gewesen sein mag, das Buch bringt eine Saite in meinem Innern zum Klingen.

Solvitur ambulando – es wird beim Gehen gelöst – ist eine Anmerkung, die die Autorin und Künstlerin Keri Smith in einer antiquarischen Ausgabe eines Walt-Whitman-Bandes entdeckt, den sie in ihrem Lieblingsbuchladen durchblättert. Ein paar weitere Kritzeleien finden sich darin: Wander Society, WW zeigt dir den Weg und seltsame Symbole. Smith ist wie elektrisiert, kauft das Buch und beginnt noch am selben Tag mit ihren Recherchen.

Was ist die Wander Society? Was hat Whitman damit zu tun? Was sollen die Symbole?

Smith begibt sich im wahrsten Sinne des Wortes auf Wanderschaft. Sie durchforstet das Internet nach Lösungen, sie redet mit einer Freundin darüber und steckt sie mit ihrem Wissensdurst an, sie sucht in dem Walt-Whitman-Buch nach weiteren Hinweisen und Erklärungen und sie beginnt tatsächlich auch physisch zu wandern.

Mit weit geöffneten Augen spaziert sie nun durch ihre altbekannte Umgebung und entdeckt sie erst jetzt wirklich. Es scheint, als würde sich ihr eine ganz neue Welt erschließen, auf der Suche nach dem Kern der Wander Society. An den merkwürdigsten Plätzen erkennt sie nun plötzlich deren Symbole, ihre eingeweihte Freundin findet ein Flugblatt der Gruppierung. Smith stößt immer wieder auf das Konterfei Walt Whitmans. Kurz: Es scheint, als habe sie schon immer mitten in einer Parallelwelt gelebt, von deren Existenz sie lediglich bislang nichts gewusst hatte. Sie beginnt all ihre Funde und Hinweise zusammenzutragen und zu dokumentieren. Das Ergebnis der obsessiven Sammelwut ist das vorliegende Buch.

KAUF! DIESES! BUCH! ist mein lautes Credo! Denn es ist ein wahrer Schatz! Schon lange habe ich nicht mehr etwas so liebevoll Gestaltetes mit derart vielen Anregungen zur Bewusstseinserweiterung in den Händen gehalten. Es ist wie ein Leitfaden für ein tieferes Empfinden, für ein Leben auf einer anderen Bewusstseinsebene – es ist wie ein Handbuch für den Film „Club der toten Dichter“!

„I went to the woods because I wished to live deliberately, to face only the essential facts of life, and see if I could not learn what it had to teach, and not, when I came to die, discover, that I had not lived.“ (Henry David Thoreau)

Dieser zentrale Satz aus dem wundervollen Film hat auch hier einen Ehrenplatz erhalten. Es ist, als würde mich jemand an der Hand nehmen und zurück ins Jahr 1989 bringen, direkt in den Kinosaal zu „Club der toten Dichter“. Auch damals fühlte ich mich ähnlich elektrisiert, als käme ich der wahren Bedeutung meines (eines jeden!) Lebens endlich auf die Spur.

Keri Smith liefert philosophische Denkanstöße zum Kern des Wanderns, listet berühmte Wanderfreunde der Weltgeschichte auf und gibt schließlich Hilfestellungen zur Umsetzung all der herrlichen Ideen. All das stimmig unterteilt in größere Kapitel, hübsch verpackt und geschmückt durch Illustrationen, Collagen der Autorin, die auch Künstlerin ist, und Fundstücke der Wander Society.

Am Urlaubsort angekommen, mit meinem neuen Schätzchen in der Tasche, ging ich beseelt los, offen für alles, randvoll mit Erwartungen und Hoffnungen – und fand nichts. Seit einer Woche bin ich ein Wanderer im klassischen Sinne, sowohl in der Natur als auch in der Großstadt unterwegs, und fühle mich ein wenig einsam. Nicht ein WW-Bildchen findet sich, egal, wo ich suche, keine versteckten Symbole oder gar Pamphlete, wie sie Keri Smith kurz nach ihrer „Erweckung“ offenbar nur so vor die Füße fielen! Wo sind all meine Mitwanderer im Geiste? Vielleicht ist Spanien noch nicht bereit für die Wander Society?

Ein schales Gefühl macht sich in mir breit: Ist das ganze Thema Wander Society vielleicht doch nur ein gelungener PR-Gag für Keri Smiths „Kunst im öffentlichen Raum“? Eine groß angelegte Mitmach-Idee? Mal ehrlich: Wenn man die Internetseite des von ihr zitierten Professor Tindlebaum, der angeblich u.a. über die Wander Society forscht, betrachtet, überkommen einen Zweifel. Besonders professionell und überzeugend wirkt der Auftritt nicht. Ist auch er vielleicht nur eine erfundene Gestalt im fantastischen WS-Kosmos?

Zwei Tage lang bin ich beleidigt, rühre mein noch recht jungfräuliches WS-Notizbüchlein nicht an und mache einen großen Bogen um das Buch „Mach dich auf“. Ich fühle mich betrogen, meine Begeisterungsfähigkeit wurde schamlos ausgenutzt.

Doch ganz allmählich, nach einigen Tagen innerer Streitereien, kämpft sich das positive Gefühl, das sich bei den ersten Seiten der Lektüre eingestellt hatte, wieder an die Oberfläche und schiebt meine grauen Gedanken zur Seite. Und wenn schon: Selbst wenn es nie eine Wander Society gab, bis Keri Smith die glorreiche Idee hatte, darüber ein Buch zu schreiben, sind die von ihr gegebenen Anstöße doch immernoch genauso wertvoll und inspirierend. Vielleicht sind die angeblich lange Tradition und lebhafte Existenz dieser anonymen Gruppe irrelevant. Was wirklich wichtig ist, sind die Gedanken, die unser Bewusstsein erweitern können und uns im besten Falle zu einem glücklicheren Menschen machen.

Solltet Ihr also demnächst über den Dächern von Barcelona, in der Nähe des Torre Collserola kleine bunte Zettelchen mit merkwürdigen Symbolen und bereichernden Zitaten finden, wundert Euch nicht! Der Anfang ist gemacht.

Solvitur ambulando.

 

Buchdetails

 


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3 Gedanken zu “Spaziergang zur Seele

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