Das fehlende Sahnehäubchen

Zelda Fitzgerald erging es lange wie vielen Frauen vor ihr: Zunächst als schmückendes Beiwerk des großen F. Scott Fitzgerald, dann als dessen Klotz am Bein und Auslöser seiner Trunksucht und bis hin zur „Kreativitätsbremse“ betrachtet, billigte man ihr kaum eigene ernstzunehmende Kreativität zu. Sicher, eine schillernde Persönlichkeit. Anmut und Charme wurden ihr bescheinigt. Mit Kunst erfolgreich zu sein eher nicht. Und das obwohl sie das war, was man damals,einen Flapper nannte. Und genau diese Diskrepanz scheint sie – zu ihrer eigenen seelisch meist nicht ausgeglichenen Lage – so sehr beschäftigt zu haben, dass sie es in diversen Kurzgeschichten verarbeiten musste.

Kurzgeschichten, deren Hauptfiguren – zumindest was die in dem wunderschön gestalteten Band Himbeeren mit Sahne im Ritz angeht – immer Frauen sind, die neben dem Hang sich zu nehmen, was sie möchten, auch unter einem enormen Druck stehen. Unter dem Druck, den Frauen seit Jahrhunderten kennen: Perfektionismus, dem Drang zu gefallen und dem Wunsch dabei als intellektuelles Wesen wahrgenommen zu werden. Ganz ehrlich: Welche Frau erkennt diese Muster, zumindest nicht ab und an, auch bei sich selbst?

Da wegen des aufwändigen Lebensstils der Fitzgeralds – wie gewonnen, so zerronnen – ein kontinuierlicher Geldfluss vonnöten war, Zeldas Geschichten aber, weil sie von Zelda und nicht von Scott stammten, keine größeren Beträge erzielt hätten, erschienen sie teilweise unter dem Namen des Meisters der Roaring Twenties. Weshalb nicht auffiel, dass die Geschichten nicht von ihm stammten, ist mir ein kleines Rätsel. Denn auch wenn beider Erzählungen viel Menschliches zum Inhalt haben, so ist sprachlich und konzeptionell doch ein Unterschied zu vermerken. Während bei Scotts Kurzgeschichten (ich gebe zu, ich bin eine glühende Verehrerin) alles leicht und trotzdem mit Tiefe hingeworfen, die Konzeption perfekt durchdacht scheint, weisen Zeldas Geschichten Schwächen auf. Sicher, sie war keine solch professionelle Autorin, wie ihr Mann. Sie war interessiert an vielen Dingen und meist wird Scott für ihren kürzeren Atem an gewissen Projekten festzuhalten die Schuld gegeben. Aber eben das gehört zu einer Meisterschaft dazu: das Durchhalten, das immer von Neuem Anfangen und Weitermachen. Im besten Fall mit einer positiven Weiterentwicklung.

Himbeeren mit Sahne im Ritz versammelt elf Erzählungen Zelda Fitzgeralds, die durchaus ihre funkelnden Momente besitzen. Es finden sich großartige Sätze darin

„Sie gönnte sich Masseure, die sie jeden Morgen behandelten, zu viele Sidecars vor dem Mittagessen und Unterwäsche, in der man tot aufgefunden werden wollte.“

und doch stellt sich keine wirkliche Verbindung zwischen Text und LeserIn ein. Zumindest erging es mir an manchen Stellen so. Vielleicht liegt das nicht so sehr an der handwerklichen Fähigkeit der Zelda Fitzgerald, der man durchaus Talent attestieren kann, sondern an der Umsetzung der eigenen Wünsche und Träume, die eben nicht ohne das auskommt, was sie gleichzeitig als erdrückend empfindet: Männer und ihren Einfluss. Letztendlich gelingt es keiner ihrer Protagonistinnen, die sehr wohl talentiert, jung und gut aussehend sind, ihr Glück ohne einen Mann und dessen Erfolg, respektive Geld, zu finden. Tragische Heldinnen sind es, fast wie bei Scott, dessen Helden ja auch meist tragisch sind. Doch hier ist es wie im Leben: Tragische Helden vermögen es manchmal sogar im Untergang zu erstrahlen, während ihre weiblichen Pendants sich ihrer Pflicht bewusst sind und sich fügen.

Hervorzuheben sind – neben der sehr schönen Gestaltung des Bandes – die wunderbare Übertragung in die deutsche Sprache, für die Eva Bonné verantwortlich zeichnet und das kluge und einfühlsame Nachwort von Felicitas von Lovenberg.

Zelda selbst wollte oder / und konnte sich nicht fügen. Immer auf der Suche nach etwas, das sie selbst ausmachte, verlor sie sich letztendlich. Und ich frage mich, ob ihre Texte mich so kalt lassen, weil  sie eben Zelda Fitzgerald war. Ganz genau werde ich das nie sagen können – und so bleibt bezüglich meines Leseeindrucks ein unentschiedenes Gefühl: Für mich waren es Himbeeren, aber ohne Sahnehäubchen und das schon gar nicht im Ritz.

Buchdetails:

  • Aktuelle Ausgabe : 26. September 2016
  • Verlag : Manesse
  • ISBN: 978-3-7175-2400-7
  • Gebunden: 250 Seiten
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10 Gedanken zu “Das fehlende Sahnehäubchen

  1. Vielen Dank für den Link, sehr treffend beschriebend. Insgesamt lässt einen das Buch recht ratlos zurück, weil es einen sprachlich verzaubert, aber inhaltlich nicht viel gibt. Aber vielleicht muss das ja auch nicht immer sein. Vielleicht kann etwas auch einfach nur „schön“ sein.

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    • Hmm, ich bin ein großer Fitzgerald Fan und er war und ist für mich der Meister – sprachlich und inhaltlich auch. Ich habe eben seine bisher unveröffentlichen Kurzgeschcihten gelesen, die inhaltlich nicht das waren, was man von ihm gewohnt war, aber eine großartige Entwicklung bei ihm aufzeigen. Sprachlich hat sich Zelda sicher an ihm orientiert, bzw. konnte ähnlich gut formulieren, denn sonst hätten sie sicher nicht zueinander gefunden. Esprit ist ihnen beiden eigen, aber sie schafft es nicht, klar zu sein, finde ich. Die Geschichten sind für mich nicht Fisch, nicht Fleisch … was vllt. etwas an ihrer eigenen Situation lag und ihr Inneres spiegelt. Sie sind nicht schlecht, aber für mich fahrig und ein wenig unausgereift … Natürlich kann etwas auch nur schön sein, ich bin da vielleicht zu streng oder verwöhnt ;))) LG

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    • Die Roaring Twenties sind einfach meine Zeit … ich habe ja die Vermutung, in einem meiner früheren Leben mittendrin gewesen zu sein und deshalb heute keine Drogengeschichten brauche 😉 Naja, ist so ein Scherzchen … Danke für den Tipp, das Buch guck ich mir an … aber auf englisch wohl eher nicht … LG,

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    • Ja, irgendwie ging es mir wie Dir – und das Cover verleitet sehr … es ist elegant, das kommt teilweise auch in den Geschichten raus, aber eben nur in Ansätzen … Schade, dass sie nicht durchhalten konnte. LG, Bri

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  2. Das hast Du toll eingefangen – mir ging es beim Lesen ebenso, dass sich keine richtige Verbindung einstellte. Auch wegen des Aspekts, dass die Frauen sich dann doch immer auf „den“ Mann fixieren, aber zum Teil fand ich sie sprachlich einfach auch überladen. Ich hab das Buch mit sehr gemischten Gefühlen beiseite gelegt – es gibt tolle Szenen, tolle Zitate, aber ebenso viele Schwächen…

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