Elefanten vergessen nichts

 

Es sind Anekdoten über Elefanten im Umlauf, die Augenzeugen des Tods eines Herdenmitglieds durch die Hände eines Elefantenbeinwilderers wurden und daraufhin nachts in ein Dorf eindrangen, um das Individuum aufzuspüren, aus dessen Gewehr der tödliche Schuss kam.

Auch das Mädchen Jenna scheint ein so legendäres „Elefantengehirn“ zu besitzen, reicht seine allererste Erinnerung doch weit in seine früheste Kindheit zurück. Sie beinhaltet seine Mutter, Zuckerwatte und das Wort „Liebling“, das sich in Jennas Gedächtnis so süß eingebrannt hat wie der Geschmack der Zuckerwatte. Damals war Jenna neun Monate alt.

Doch als sie drei Jahre alt ist, geschieht etwas derart Schlimmes, dass sie daran gar keine Erinnerungen mehr hat. Jenna nennt es das „große, trostlose weiße Nichts“. Im Elefantengehege, in dem ihre Eltern traumatisierten Elefanten ein Zuhause geben, passiert das zentrale Trauma ihres Lebens: Eine Tierpflegerin wird tot und Jennas Mutter Alice  bewusstlos aufgefunden. Wenige Stunden später verschwindet Alice aus dem Krankenhaus. Spurlos.

Heute ist Jenna dreizehn Jahre alt und besessen von dem Wunsch, etwas über ihre Mutter zu erfahren. Ihre Großmutter, bei der sie seit dem Verschwinden der Mutter aufwächst, redet nicht gerne über das, was geschehen ist. Ihr Vater ist durch den Vorfall verrückt geworden und lebt in einem Pflegeheim. Es ist niemand da, der ihr weiterhelfen kann. Alles, was sie hat, sind die Tagebücher und die wissenschaftlichen Aufzeichnungen ihrer Mutter über die Elefanten. Also nimmt sie die Sache selbst in die Hand und beginnt zu recherchieren.

In den Gelben Seiten sucht sie sich zuallererst eine Hellseherin – Serenity. Jenna weiß anhand der Akte außerdem, wie der Polizist heißt, der das Geschehen damals vor zehn Jahren bearbeitet hat. Virgil Stanhope. Doch Virgil Stanhope ist tot, teilt man ihr auf der Polizeiwache mit, als sie ihn dort sprechen möchte. Jenna kann das nicht glauben, geht ihrer Intuition nach und stöbert Virgil auf. Er ist schwer alkoholkrank und versucht unter neuem Vornamen, Vic, nun als Privatdetektiv sein bescheidenes Einkommen zu verdienen.

Dieses äußerst schräge Trio begibt sich, nach kleineren Startschwierigkeiten, auf die Suche nach Alice.

Jodi Picoult lässt in ihrem elektrisierenden Roman „Die Spuren meiner Mutter“ mehrere Erzählstränge parallel laufen. Es sind verschiedene Erzählperspektiven, derer sie sich bedient. Und die Personen, die diese unterschiedlichen Blickwinkel auf die Geschichte geben, sind psychologisch äußerst komplex und sehr vielschichtig entworfen:

Jenna, die ihre spärlichen Erinnerungen an ihre Mutter beschreibt. Sie skizziert, wie es ist, nicht zu wissen, ob die eigene Mutter tot ist oder lebt – was dann aber wiederum bedeuten würde, dass die eigene Mutter sich für ein Leben OHNE Jenna entschieden hätte. Eine Möglichkeit, die Jenna kategorisch ablehnt. Für sie ist klar, dass ihre Mutter, sollte sie noch leben, aus irgendwelchen Gründen nicht zu ihr kommen kann.

Alice, die Mutter, die viel von ihrer wissenschaftlichen Arbeit als Elefantenforscherin erzählt. Ihr Schwerpunkt vor dem Unfall waren das immense Gedächtnis der Tiere und ihr Trauerverhalten. Sie lässt tief in ihr eigenes Seelenleben blicken, beschreibt die Beziehung zu ihrem Mann, Jennas Papa, und lässt in jeder Zeile, die sie schreibt, mitschwingen, wie wichtig ihr ihre Tochter ist. Im Leser lässt sie die Hoffnung keimen, dass sie tatsächlich noch lebt – hat sie doch eine äußerst lebhafte Stimme, mit der sie im Roman zu Wort kommt.

Serenity, die Hellseherin, die sich seit Jahren in einer großen Schaffenskrise befindet. Schon als Kind hatte sie bemerkt, dass in ihr die Gabe steckt, Personen wahrzunehmen, die andere nicht sehen. Irgendwann begriff sie, dass diese Personen tot waren und dennoch mit ihr kommunizieren konnten – und sie mit ihnen. Sie wurde erfolgreich, prominent sogar, doch dann verkrachte sie sich mit ihren Geistführern, wie sie ihre beiden besten Freunde von dort nennt, und seither herrscht in ihrem Kopf gähnende Leere. Kein Kontakt zu toten Personen ist mehr möglich, so sehr sie sich auch anstrengen mag. Nach einem katastrophal falschen Versuch, ohne ihre Geistführer hellzusehen, stürzt sie aus der Riege der A-Promis in die Bedeutungslosigkeit, in der sie nun seit Jahren vor sich hindümpelt. Dass Jenna dennoch an sie glaubt, gibt ihr Kraft und Zuversicht.

Virgil, der ehemalige Polizist, ist eine verkrachte Existenz. Weil er den Fall im Elefantengehege nicht lösen konnte, verfolgte dieser ihn auch in seinen Träumen. Er begann zu trinken, suchte Zuflucht im Alkohol und baute sich eine mickrige Neu-Existenz als privater Ermittler auf. Er spricht der Hellseherin Serenity jegliche Kompetenz ab, kann mit diesem „Firlefanz“ nicht das Mindeste anfangen und beschließt, dass er, als einzig wahre Hilfe, Jenna zur Seite stehen muss, um ihre Mutter wiederzufinden.

Einzig der Vater kommt nicht selbst zu Wort. Das Bild, das vor dem Auge des Lesers entsteht, ist wie aus Puzzleteilen zusammengesetzt. Es wird gespeist durch die Aussagen und Beschreibungen der Protagonisten. Warum wird seine Sicht auf die Dinge nicht gezeigt? Liegt es daran, dass er verrückt geworden ist? Ist er zu unwichtig?

Wie bei einem guten Krimi gibt Picoult hie und da Hinweise, die man erkennen könnte, wüsste man zu dem Zeitpunkt schon, wie das Buch enden wird. Sie klärt Ungereimtheiten auf, so dass der Leser sich immer mal wieder auf der korrekten Fährte wähnt, nur um dann beim nächsten Perspektiv-Wechsel wieder perplex und staunend vor dem Nichts zu sitzen.

Als brillante Erzählerin, die sie unbestritten ist, erschafft die amerikanische Bestseller-Autorin einen ganz eigenen Kosmos, in dem Jenna und ihre Gehilfen sich bewegen. Eine Welt voller Vergleiche zwischen dem Verhalten der Elefanten und dem der Menschen. Ein ganz besonderer Zauber entsteht, wenn Alice von den unmittelbaren Begegnungen mit den großen Dickhäutern spricht und damit eine außergewöhnliche Atmosphäre heraufbeschwört. Man meint die Lösung zum Greifen nah zu haben, so klar sind die Parallelen, die man erkennen möchte zwischen der Trauer der Elefanten um ihre Kinder und der Trauer von Alice um ihre Tochter Jenna, die sie zurücklassen musste, weil …

Und dann gibt es wieder einen Perspektiv-Wechsel in diesem grandiosen Roman, gerade wenn man sich alles so schön zusammengereimt hat, und die Auflösung kommt wie ein großer Knall, denn nichts ist, wie es scheint.

Buchdetails

  • Aktuelle Ausgabe: 1. Auflage 2016
  • Verlag: C. Bertelsmann
  • ISBN: 978-3-570-10236-7
  • Gebunden: 511 Seiten
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6 Gedanken zu “Elefanten vergessen nichts

  1. Jodi Picoult ist wirklich, wirklich, wirklich NICHT mit Rosamunde Pilcher zu vergleichen 🙂 Ich habe schon viele Bücher, mit langen Pausen dazwischen, von ihr (also Picoult, nicht Pilcher ;-)) gelesen und fast jedes einzelne hat mich überzeugt. Ich glaube, ein, zwei fand ich mal nicht so gut, aber ich hab schon verdrängt, welche.
    Das Buch „19 Minuten“ von Picoult über einen Jungen, der ein Mobbing-Opfer ist seit Beginn seiner Schulzeit, ist ein derart ergreifendes und erschütterndes Buch – danach wirst Du endgültig keine Vergleiche zu Pilcher mehr ziehen wollen 🙂 Das kann ich empfehlen, aber es ist harter Tobak!

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  2. Bisher hielt ich die Autorin immer für eine Art Rosamunde Pilcher, du hast mich mit dieser Besprechung eines Besseren belehrt. Es lag am Namen…muss doch mal in mich gehen und Vorurteile hinterfragen

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